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Schule der Zukunft: Offenheit und gute Kombination von Didaktik und Digitalem
Blue Hour Diskussion mit der Tageszeitung "Die Presse" im Leopold Museum
06.04.2017
Schule und das Bildungssystem insgesamt sind stark von der Digitalisierung erfasst. Mit dem Konzept „Schule 4.0.“ hat das Bundesministerium für Bildung eine umfassende Digitalisierungsstrategie für die gesamte Schullaufbahn zu Beginn des Jahres 2017 vorgelegt. Wie optimales Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter wirklich aussieht und was neben der Beherrschung digitaler Technologien für den Lernerfolg noch wichtig ist, diskutierte die Blue Hour anhand der Frage nach den Stärken, Schwächen und Chancen des Schulsystems.

Die Vernetzung, so Gerda Reißner, Lehrerin an einer Wiener Brennpunktschule, sei eine große Stärke. Nicht nur die Lehrkräfte vernetzen sich, sondern auch die Schulen selbst, so würde beispielsweise in Sachen E-Education Expert-Schulen ihre Brennpunktschule an der Hand nehmen. Da es in ihrer Schule fast ausschließlich Kinder mit migrantischem Hintergrund gebe, sei außerdem Team-Teaching sehr wichtig, sie selbst stünde oft mit zwei KollegInnen gemeinsam in der Klasse. Dieses Engagement der Lehrkräfte zählt auch für Sonja Hinteregger-Euller, für Bildungsmedien im Bildungsministerium zuständig, zu den Aktiva des Schulsystems. Die große Herausforderung sei die Integration von Kindern in einer anderen Erstsprache als Deutsch. Die Lehrer seien hier Dreh- und Angelpunkt. Für Prof. Peter Baumgartner von der Donau-Universität Krems sei die Kritik am Schulsystem gerade bei der Digitalisierung nicht haltbar. Dort stünde das Land bei e-Learning-Weiterbildungsinitiativen sehr gut da und werde international beneidet. Betreff technischer Ausstattung sei Österreich in Rankings weit vorne. Auch da zähle die Vernetzung unter den Schulen zu den großen Stärken des Bildungssystems. Viktoria Schlager, die als Schülerin einer Höheren Bundeslehranstalt für Tourismus in Krems aus der Praxis berichten konnte, sieht den Einbezug digitaler Medien in den Unterricht auf der Habenseite des Schulwesens ebenso wie die Tatsache, dass sie selbst Schule nicht nur Lernort, sondern als Ort für die Besprechung auch persönlicher Probleme mit Lehrern als Ansprechpartner neben Eltern oder Freunden erlebe.


Wie die Diskussion zeigte, weist das österreichische Schulsystem aber auch zahlreiche Schwächen auf. Gerda Reißner beklagt das Fehlen von mehr gemischten Schulformen, Brennpunktschulen, die beispielsweise sehr viele Kinder mit Migrationshintergrund versammeln, sollte es in dieser Form gar nicht geben. Negativ zu bewerten sei auch, dass Bildungsabschlüsse in Österreich immer noch „vererbt“ würden, Akademikerkinder signifikant häufiger Gymnasien abschließen. Ebenfalls eine Schwäche: Die wachsende Bürokratie am Beispiel des Talente-Checks, die Lehrkräfte vom Unterrichten abhielte und natürlich die Kompetenzverteilung zwischen Bundes- und Landesschulen. Für Sonja Hinteregger-Euller sei die Größe des Bildungssystems mit seinen tausenden MitarbeiterInnen und zahlreichen Schulen der zentrale Hemmschuh für rasche Reformen. Die heutigen Herausforderungen an Bildung zu bewältigen, dauere daher viele Jahre, der Musterschüler Finnland habe auch 30 Jahre für seine Reformen benötigt, um zum heutigen System zu kommen. Eine Herausforderung sei dabei auch, systemische Veränderungen gut und nachhaltig zu verankern. Für Peter Baumgartner liegt die zentrale Schwäche im unverdient schlechten Image der Lehrkräfte, die gute Arbeit leisteten. Sie müssten wertgeschätzt werden. Die Zersplitterung der politischen Kompetenzen sei ebenfalls ein Problem. Hinsichtlich Digitalisierung seien LehrerInnen kompetent, aber ihr Wissen wird nicht 1:1 in Lehre und Didaktik umgesetzt. Denn die Gefahr bestehe darin, zu sehr auf technische Lösungen zu setzen, wichtig seien didaktische Lösungen, die mehr seien als nur das Rüberbringen von Inhalten und die auch dazu beitragen, den immer noch stark verbreiteten Frontalunterricht zurückzudrängen. Dabei haben Österreich bereits seit 15 Jahren gute e-Learning-Initiativen aufgebaut. Ein weiter Schwachpunkt Österreichs, so Baumgartner sei Cybermobbing in der Schule, da weise Österreich leider Spitzenwerte auf. Wir wüssten noch nicht damit umzugehen und bräuchten eine nationale Strategie dagegen. Insgesamt gehe ihm, Baumgartner trotz der jüngsten Schule 4.0-Strategie der wirklich große Wurf ab, damit sich angesichts der Herausforderungen durch Digitalisierung und Robotisierung neue Lernkonzepte Bahn brechen können. Das Problem der „Bildungsvererbung“ kritisierte auch Schlager, die ein Defizit bei Orientierungsmöglichkeiten für die richtige Schulwahl angesichts des Entscheidungszwangs nach der Volksschule ortet. Hier sollten LehrerInnen den SchülerInnen vermehrt deren Stärken aufzeigen.


Und wo liegen die Chancen von Österreichs Schulsystem? Für Prof. Baumgartner in der Verbindung von der an sich guten digitalen Technik an Österreichs Schulen mit Didaktik. Leider gingen beim Digi-Check 85 Prozent der Lernziele auf Bedienung, das sei nicht zeitgemäß. Medienbildung sei mehr als IT-Technologie. Für Hinteregger-Euller liegt die Chance darin, dem digitalen Schulbuch einen interaktiven Mehrwert zu geben. Die Gesamtstrategie Schule 4.0. sei sinnvoll, weil dort digitale Grundkompetenz eingeführt werde. Sie verbinde Medienbildung und Mediennutzung, darauf komme es an. Ein weiteres Ziel der Strategie und damit Chance: Digital kompetente PädagogInnen, sie sollten digitale Basisqualifikationen bereits in der Lehrereingangsphase erwerben. Für die Schülerin Schlager liege die Chance in den digitalen Medien darin, dass der Unterricht insgesamt freier würde und organisatorische Informationen leicht verbreitet werden könnten, auch wenn oftmals die SchülerInnen den Lehrkräften bei der Nutzung digitaler Anwendung nachhelfen müssten. Hinteregger-Euller ortet die Chancen in besseren Zeitverläufen von Änderungen und Reformen, vor allem aber darin, das Individuum in den Mittelpunkt des Bildungssystems zu stellen, wie das in Finnland der Fall sei, und nicht, wie in Österreich, die SchülerInnen und Lehrkräfte dazu zu zwingen, sich in Strukturen einzufinden. Gerda Reißner sieht die Chance im offenen Umgang mit Digitaltechnologien, die neue Formen des Unterrichts ermöglichten. Schließlich, so Reißner, gehöre auch die Show dazu, um Kinder zu gewinnen. Bei ihr bekomme jeder das in der Früh eingesammelte Smartphone, wenn sie oder er es bräuchte. Grundsätzlich wichtig sei ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Lehrkräften und SchülerInnen, dann funktioniere Schule bis hin zur Frage der Entscheidung über den richtigen Schultyp. Auf Wunder im Bildungssystem dürfe man jedenfalls nicht warten, man müsste die Dinge einfach anpacken.

 

 

Audio-Mitschnitt: Die Blue Hour "LehrerInnen der Zukunft - SchülerInnen der Zukunft. Ideen und Konzepte für optimales Lehren und Lernen" zum Nachhören.

 

 

Bilder © Walter Skokanitsch
 

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