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„An Evidenzbasierter Medizin führt kein Weg vorbei“
Professor Gerald Gartlehner im Interview über Missverständnisse in der Ärzteschaft, Wissensmanagement und die Glaubwürdigkeit von Medienberichten
01.02.2013
Evidenzbasierte Medizin (EbM) bedeutet für Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH einen Paradigmenwechsel, der in Österreich erst zu vollziehen sei. Behandlungsentscheidungen auf eine wissenschaftlich fundierte Basis zu stellen, mit veralteten Strukturen aufzuräumen und auf internationalem Niveau zu arbeiten, sind für den Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems die entscheidenden Faktoren seiner Tätigkeit.

Nicht nur in Fachmagazinen, sondern auch in Publikumsmedien fällt immer häufiger der Begriff der Evidenzbasierten Medizin. Sie waren zum Thema EbM vor kurzem auch Gast bei Barbara Stöckl im Science Talk. Zeichnet sich hier ein Trend ab?

 

Gartlehner: „In der Öffentlichkeit ist ganz sicher ein zunehmendes Interesse an EbM vorhanden. Das ist auch nicht verwunderlich, weil die EbM ja im Grundinteresse der Patientinnen und Patienten liegt. Wenn man zu seiner Ärztin oder seinem Arzt geht, will man natürlich nach dem letzten Stand des Wissens behandelt werden. Im Vergleich zu anderen Ländern wird EbM in Österreich von den Patienten aber noch nicht so stark eingefordert. Und auch auf Seiten der Ärztinnen und Ärzte bestehen nach wie vor viele Unsicherheiten und Missverständnisse. Zum Beispiel ist EbM kein Werkzeug, um Kosten einzusparen, da wird der Begriff leider oft von gesundheitspolitischen Entscheidungsträgern missbraucht. Manchmal kommt es zu einer Kosteneinsparung, manchmal kosten die besten Behandlungen aber mehr. EbM scheut sich aber auch nicht davor, zu sagen, dass in der Medizin etwas nicht gemacht werden soll, wenn es wissenschaftlich belegt ist, dass keine Wirksamkeit besteht. Im Mittelpunkt der EbM steht ganz klar die beste Behandlung der Patientinnen und Patienten. Gemeint ist aber nicht, dass Therapieentscheidungen nur nach den Daten der Evidenzbasierten Medizin gefällt werden müssen; es sollte vielmehr ein Miteinander sein – natürlich sind auch die Erfahrungen des behandelnden Arztes wichtig und die Präferenzen, die der Patient selbst hat.“

Sind Sie zuversichtlich, dass EbM in Zukunft Teil jeder ärztlichen Behandlungsentscheidung sein wird?

 

„Ja. Ich glaube, es wird einen Paradigmenwechsel geben und das Verhältnis von Arzt zu Patient wird sich ändern. Junge Ärztinnen und Ärzte haben da bereits eine ganz andere Einstellung. Wenn Österreich auf internationalem Niveau bleiben will, dann führt an EbM kein Weg vorbei. Wir sehen, in welche Richtung es international geht und diesen Weg werden wir auch einschlagen müssen. Im Moment stehen wir aber etwa zehn bis 15 Jahre hinter den internationalen Entwicklungen. Das zeigt sich auch an den Anfragen, die wir am Department erhalten. Anfragen aus Österreich sind eher die Ausnahme. Wir arbeiten hauptsächlich international, vor allem unterstützen wir Ärztegruppen aus Deutschland bei der Erstellung von evidenzbasierten Therapieleitlinien. Das ist sehr zeitintensiv. Für eine systematische Übersichtsarbeit für eine Leitlinie muss man von der Arbeitszeit her mit etwa 800 bis 1.000 Stunden rechnen.“

 

Das Department betreibt auch ein EbM Ärzteinformationszentrum, an das sich niederösterreichische SpitalsärztInnen mit klinischen Fragestellungen richten können. Wie erfolgreich läuft dieses Projekt?

 

„Das Projekt läuft gut. Hier können wir den Ärzten wirklich zusätzliche Arbeit abnehmen – eine Anfrage bedeutet für uns ungefähr 30 bis 40 Arbeitsstunden. Wir durchforsten die Datenbänke und dann fassen wir die Ergebnisse in sehr schlanken, lesbaren Dokumenten zusammen, in denen dann wirklich nur die wesentlichen Botschaften in Bezug auf die Frage stehen. Und wir geben auch an, wie viel Vertrauen wir in die Resultate haben. Das hängt ab von Faktoren wie der Studienqualität oder von der Größe der untersuchten Patientengruppen.“

 

ÄrztInnen sollen sich bei ihren Therapieentscheidungen im Allgemeinen viele Jahre hinter dem letzten Stand des Wissens bewegen. Wie lässt sich dieses Problem lösen?

 

„Dazu gibt es sogar Studien. Es wurde untersucht, was in aktuellen Lehrbüchern oder in Editorials in Fachzeitschriften, in denen Experten zu bestimmten Themen Stellung nehmen, steht und wie dazu der letzte Stand der Wissenschaft lautet. Der Abgleich ergab Unterschiede von bis zu zehn Jahren. Der Grund dafür ist, dass in der Medizin enorm viel Wissen generiert wird – allerdings mit einer Halbwertszeit von fünf Jahren. Das heißt, dass nach fünf Jahren die Hälfte des Wissens im Prinzip schon wieder überholt ist. Um up to date zu bleiben, müssten Ärztinnen und Ärzte 500 randomisierte kontrollierte Studien pro Woche lesen, das ist natürlich nicht zu schaffen. Die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, ist Wissensmanagement. In Zukunft wird es immer wichtiger werden, zu wissen, wo kann ich gezielt nachsehen, wo ist die Evidenz synthetisiert und objektiv ohne Interessenskonflikt zusammengefasst. Hier bietet die Cochrane Collaboration, die Übersichtsarbeiten nach Richtlinien der Evidenzbasierten Medizin erstellt und in der Cochrane Library sammelt, bereits eine gute Möglichkeit.“
 

An diesen sogenannten Cochrane Reviews arbeiten WissenschaftlerInnen unentgeltlich. Was bewegt sie dazu?

 

„Ich glaube, es ist vor allem Frustration mit dem System, so wie es ist, und dann steckt wahrscheinlich auch viel Altruismus und Liebe zur Wissenschaft und zum eigenen Fachgebiet dahinter. Die Mediziner und Medizinerinnen, die für Cochrane arbeiten, bilden den Gegenpol zu sehr vielen anderen Ärzten, die von der Industrie bezahlt werden. Cochrane feiert heuer übrigens seinen 20. Geburtstag. In diesen 20 Jahren haben 30.000 Personen weltweit unbezahlt Zeit und Energie zur Verfügung gestellt, um an Cochrane Reviews zu arbeiten. Allerdings gibt es nur 20 bis 30 Cochrane Reviews, die unter österreichischer Leitung entstanden sind. Der Output aus Österreich entspricht also ungefähr dem von einem Entwicklungsland. Und das, obwohl Cochrane Reviews sehr hohe Impact Faktoren besitzen. Wir unterstützen in der Österreichischen Cochrane Zweigstelle auch Personen, die selbst Reviews erarbeiten möchten und wir vermitteln in Workshops und Kursen das Basiswissen dazu.“
 

Im Rahmen von Medizin-Transparent untersucht das Department Gesundheitsmeldungen in Medien auf ihre wissenschaftliche Haltbarkeit. Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?

 

„Wir haben die ersten 50 Medienmeldungen ausgewertet und es hat sich herausgestellt, dass in ungefähr einem Drittel der Artikel genau das Gegenteil von dem beschrieben wurde, was die wissenschaftliche Evidenz sagt. Ungefähr 20 Prozent waren korrekt in den Aussagen und die restlichen Inhalte waren zwar von der Richtung der Aussage her richtig, aber einfach übertrieben dargestellt. Wir haben den Eindruck, dass viele Journalisten auf Presseaussendungen hereinfallen, zu wenig recherchieren und vielleicht auch nicht das Fachwissen besitzen, die Themen zu hinterfragen. Presseaussendungen kommen häufig von der Industrie, die natürlich ihre Produkte anpreisen möchten. Zum Beispiel hat es die Meldung über die klinische Wirksamkeit einer neuen Anti-Zellulitiscreme sogar in zwei österreichische Qualitätsmedien geschafft – im Endeffekt handelte es sich aber gar nicht um eine klinische Studie, sondern um Erlebnisberichte von 18 Frauen, die einfach nur erzählt haben, wie es ihnen mit der neuen Creme geht.“

 

Also würden Sie LeserInnen raten, den Inhalten medizinischer Artikel in Publikumsmedien nicht zu vertrauen?

 

„Ja. Und besser bei uns nachzufragen.“

 

Vielen Dank für das Gespräch!                                                              Das Gespräch führte Dr. Alexandra Simon

 

 

Cochrane Collaboration: weltweite Anstrengungen für fundierte Therapieentscheidungen
Die Cochrane Collaboration ist ein globales Netzwerk von WissenschaftlerInnen, das mit seiner Arbeit einen entscheidenden Beitrag dazu leistet, Therapien zuverlässig bewerten zu können, um die bestmöglichen Behandlungen für PatientInnen auszuwählen. Hauptaufgabe der Cochrane Collaboration ist die Erstellung von systematischen Übersichtsarbeiten (Cochrane Reviews), die in der Cochrane Library veröffentlicht werden. Cochrane Reviews fassen alle Studien und Forschungsergebnisse zusammen, die für eine bestimmte therapeutische Fragestellung relevant sind und bieten Akteuren im Gesundheitswesen eine unabhängige und wissenschaftlich fundierte Informationsgrundlage. Die erste österreichische Zweigstelle der Cochrane Collaboration wurde 2010 unter der Leitung von Professor Gerald Gartlehner am Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems angesiedelt.
 

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