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Kollektive Intelligenz: Komplexe Probleme gemeinsam effizienter lösen
Forschungsprojekt „Collective Mind“ an der Fakultät für Wirtschaft und Globalisierung der Donau-Universität Krems erforscht die kollektive Intelligenz von Gruppen
11.10.2017
Wie gut Gruppen Probleme lösen, hängt nicht von der Intelligenz ihrer Mitglieder ab, sondern - so Vorgängerstudien - von der gleichmäßigen Verteilung der Redezeit und der Fähigkeit, Emotionen aus dem Gesicht anderer abzulesen. Im Projekt "Collective Mind" an der Donau-Universität Krems wird nun in Experimenten mit hunderten TeilnehmerInnen untersucht, inwieweit die Fähigkeit des Perspektivenwechsels und die Herstellung gemeinsamer mentaler Modelle die kollektive Intelligenz von Gruppen beeinflussen - und wie der gemeinsame Denkprozess unterstützt werden kann.
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Foto: Creative Commons
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Im Rahmen des FFG-Forschungsprojektes Collective Mind untersucht ein Team aus ForscherInnen gemeinsam mit ExpertInnen der Projektpartner ICG Integrated Consulting Group sowie der Beratergruppe Neuwaldegg den Einfluss zweier Faktoren auf die Problemlösungskompetenz von Gruppen: die Perspektivenübernahme („Perspective Taking“) und das Vorhandensein eines gemeinsamen Problemverständnisses auf Basis mentaler Modelle („Shared Mental Models“). In Experimenten mit hunderten TeilnehmerInnen wird untersucht, inwieweit diese beiden sozio-kognitiven Faktoren die kollektive Intelligenz von Stakeholder-Gruppen beeinflussen und welche Interventionen den gemeinsamen Denkprozess unterstützen. Ein Forschungs-Highlight-Interview mit Projektleiter Dr. Lukas Zenk am Department für Wissens- und Kommunikationsmanagement der Donau-Universität Krems.

 

Das Projekt „Co-Mind“ untersucht, wie die kollektive Intelligenz von Gruppen erhöht werden kann. Inwieweit ist denn kollektive Intelligenz überhaupt messbar?
Dr. Lukas Zenk: Eine Forschungsgruppe des MIT, der Carnegie Mellon University und des Union College in den USA hat in Untersuchungen mit über 600 Gruppen gezeigt, dass es so etwas wie die kollektive Intelligenz einer Gruppe gibt und diese mit der Leistung bzw. Problemlösungskompetenz von Gruppen korreliert. Auf Basis dieser Ergebnisse wurde eine Testbatterie für die kollektive Intelligenz entwickelt.

 

Baut man dabei auf den herkömmlichen Intelligenztests auf?
Lukas Zenk: Ja, es sind durchaus ähnliche Konzepte. Individuelle Intelligenztests messen, wie eine einzelne Person unterschiedliche Arten von Problemen lösen kann – sprachliche, räumliche, mathematische und andere Probleme; das ergibt dann den bekannten Intelligenzquotienten. Die besagte Forschungsgruppe hat die Erkenntnisse auf Gruppen ausgeweitet und dafür eine eigene Testbatterie entwickelt. Bei diesem Test wurden Gruppenaufgaben in vier Kategorien aufgeteilt: unterschiedliche Ideen generieren, konkrete Lösungen finden, Verhandlungen durchführen und Leistungstests absolvieren.


Welche Faktoren beeinflussen demnach die kollektive Intelligenz einer Gruppe?
Lukas Zenk: Zunächst hat man herausgefunden, dass viele der vermuteten Faktoren keinen Einfluss haben. So hat es beispielsweise keinen signifikanten Einfluss, wie intelligent die einzelnen Personen dieser Gruppe sind: Weder die Durchschnittsintelligenz der Gruppe noch einzelne hochintelligente Personen machen die Gruppe als solche intelligenter. Auch psychologische Faktoren wie die Extrovertiertheit der einzelnen Personen, ihre Gewissenhaftigkeit oder Offenheit hatten keinen messbaren Einfluss. Lediglich zwei Faktoren kristallisierten sich als entscheidend heraus: Die Fähigkeit, Emotionen im Gesicht anderer abzulesen – die „Social Perceptiveness“ – sowie eine gleichmäßige Verteilung der Redezeit, dass also die SprecherInnen sich abwechseln, die „Speaking Turn Variance“.

 

Die Verteilung der Redezeit sieht in vielen Meetings meist so aus, dass hauptsächlich einer spricht – eine kollektiv eher unintelligente Konstellation?
Lukas Zenk: Absolut. Gruppen, deren Mitglieder sich beim Sprechen abgewechselt haben, waren insgesamt kollektiv intelligenter als solche, in denen eine Person deutlich mehr gesprochen hat. Wenn man sich diverse Meetings vorstellt, die oft von Einzelnen geprägt sind, schöpfen diese das Potenzial der Gruppe nicht ideal aus. Außerdem hat man herausgefunden, dass Frauen im Allgemeinen bei den Tests zur Emotionserkennung besser als Männer abschneiden.

 

Gruppen mit Frauen sind also kollektiv intelligenter?
Lukas Zenk: Statistisch gesehen: Ja. Frauen sind generell besser darin, Emotionen in Gesichtern von anderen zu lesen. Das geht so weit, dass – wenn man keine andere Information einer Person als das Geschlecht hat – die Wahrscheinlichkeit tatsächlich höher ist, dass Gruppen mit mehr Frauen kollektiv intelligenter sind. Am MIT wird dieses Resultat manchmal mit dem Satz „Women make teams smarter“ pointiert zusammengefasst.

 

Sie untersuchen bei Co-Mind aber nun den Einfluss sozio-kognitiver Faktoren auf die kollektive Intelligenz – was kann man darunter verstehen?
Lukas Zenk: Im Rahmen der bisherigen Forschungen hat sich gezeigt, dass Gruppen, in denen die Personen sehr gut aus den Augenpartien die Emotionen der Menschen ablesen können, kollektiv intelligenter sind. Diese Fähigkeit sollte eigentlich nur dann einen Effekt haben, wenn sich die Personen auch tatsächlich sehen. Neuere Studien haben jedoch auch bei virtuellen Gruppen einen ähnlichen Effekt gefunden, obwohl die Personen die Gesichter der anderen nicht sehen konnten. Wir vermuten daher, dass es an einer allgemeineren sozialen und kognitiven Fähigkeit der Gruppenmitglieder liegt, die die kollektive Intelligenz beeinflusst.

 

Die Perspektivenübernahme und mentale Modelle?
Lukas Zenk: Ja, genau. Konkret untersuchen wir, ob die Fähigkeit, sich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen, Auswirkungen auf die kollektive Intelligenz hat. Interessant dabei ist, dass diese Fähigkeit durch beispielsweise ModeratorInnen temporär aktiviert werden kann, während die Fähigkeit, Emotionen von den Augen abzulesen, relativ unveränderbar ist. Das gilt auch für den zweiten Faktor, den wir in den Blick nehmen, das „Shared Mental Model“: Studien haben gezeigt, dass Gruppen, die ein ähnliches mentales Modell eines Problems haben, also ein gemeinsames Problemverständnis, leistungsfähiger sind.

 

Wie können diese Faktoren beeinflusst werden?
Lukas Zenk: Die Perspektivenübernahme kann durch konkrete Fragestellungen von ModeratorInnen und Gruppenprozesse gefördert werden. Eine Studie hat gezeigt, dass bereits die verbale Aufforderung, sich in die Perspektive der anderen TeilnehmerInnen hineinzuversetzen, einen messbaren Einfluss auf die Kreativität von Gruppen hatte. Um gemeinsame mentale Modelle zu fördern, untersuchen wir im Organisationskontext unter anderem die Methode Lego Serious Play, bei der Personen ihre eigene Vorstellung von z.B. der Organisationsstrategie mit Lego-Bausteinen darstellen und anschließend ein gemeinsames Modell dafür entwickeln. Im Kontext von Veranstaltungen evaluieren wir unter anderem die Methode der Designing.Events-Cards, die wir in einem früheren Forschungsprojekt entwickelt haben, damit Stakeholder ein gemeinsames Event Design erstellen können. Inwieweit dies die kollektive Intelligenz der Gruppe fördert, wird von uns mit Kontroll- und Versuchsgruppen mit mehreren hundert Versuchspersonen untersucht werden. Dabei arbeiten wir auch eng mit unseren Projektpartnern – der ICG Integrated Consulting Group sowie der Beratergruppe Neuwaldegg – zusammen, die ihre langjährigen praktischen Erfahrungen von Gruppenprozessen und Interventionsstrategien einbringen.

 

Ein gemeinsames mentales Modell könnte vermutlich bei sehr diversen Gruppen zum Problem werden, beispielsweise bei interkulturellen Teams.
Lukas Zenk: Ja, verschiedene Kulturen, Generationen, Geschlechter oder Wissenschaftsdisziplinen können dabei einerseits problematisch sein. Andererseits braucht es für die komplexen Probleme der heutigen Zeit genau diese unterschiedlichen Zugänge. Fast alle großen gesellschaftlichen Themen – Klimawandel, Weiterbildung, Gesundheit, Migration – sind so komplex, dass einzelne Personen und auch einzelne Disziplinen nur einen kleinen Teil davon verstehen können. Das heißt, es braucht Diversität, aber auch transdisziplinäre Methoden, um gut zusammenarbeiten zu können. Genau in diesem Spannungsbereich bewegen wir uns mit Co-Mind: Unser Ziel ist es, effiziente Methoden zu finden, damit unterschiedliche Personen und Stakeholder gemeinsam komplexe Probleme verstehen und lösen können.

 

Projekt
Das Projekt Collective Mind („Co-Mind“) wird im Rahmen des Bridge-Programmes der FFG über drei Jahre gefördert (siehe www.donau-uni.ac.at/co-mind). In Zusammenarbeit mit den Projektpartnern aus der Wirtschaft – der ICG Integrated Consulting Group sowie der Beratergruppe Neuwaldegg – wird an der Donau-Universität Krems untersucht, wie ausgewählte Faktoren die kollektive Intelligenz von Gruppen beeinflussen. Das Projekt startete mit Februar 2017.