Immer den Kontext zeigen

Immaterielles und materielles Kulturerbe gehören zusammen, erst durch ihre gemeinsame  Vermittlung erschließt sich die Bedeutung eines kulturellen Erbes. Ein Interview mit Christian Hanus, dem Leiter des Departments für Bauen und Umwelt an der Donau-Universität Krems.

Interview: Cathren Landsgesell

 

upgrade: Im 19. Jahrhundert hat man versucht, „Kulturerbe“ im Sinne einer nationalen Identität zu definieren. Gehen denn Kulturerbe und Nation überhaupt zusammen? Ist Kultur nicht immer etwas lokal oder regional vermitteltes?

Christian Hanus: Die meisten Staaten der Welt identifizieren sich mit der Geschichtlichkeit ihrer bedeutendsten Denkmäler oder auch Bräuche; meistens sind diese auf Banknoten zu finden. Problematisch wird die nationale Kontextualisierung des kulturellen Erbes erst, wenn damit eine Abwertung oder gar Negierung anderweitiger geschichtlicher Inhalte und Bezüge erfolgt. Es versteht sich von selbst, dass ein „Nationaldenkmal“ insbesondere lokal und regional stärker im Bewusstsein ist und dort auch differenzierter rezipiert wird. Viele Baudenkmäler und insbesondere Bräuche haben eine lokale und regionale Verankerung und sind Bestandteil der kulturellen Identität einer Bevölkerung. Grundsätzlich gilt es, die Geschichtlichkeit von Denkmälern über alle ihre räumlichen Maßstäbe hinweg zu erforschen und zu vermitteln.

upgrade: Das Motto des Europäischen Kulturerbejahres ist „Sharing Heritage“. Kann man daraus eine europäische Identität ableiten?
Hanus: Im Vordergrund des Kulturerbejahres steht die Vielfalt, der Reichtum des europäischen Kulturerbes wie auch die unterschiedlichen Interpretationen und Zugänge hierzu. Dabei geht es darum, das Verbindende in den Vordergrund zu stellen. In diesem Sinne ist es ein geteiltes Erbe, dessen Vielfältigkeit den Reichtum ausmacht.

Hanus Büro_Donau-Universität Krems
©
Donau-Universität Krems

upgrade: Es ist üblich, zwischen „immateriellem“ und „materiellem“ Kulturerbe zu unterscheiden. In welchem Verhältnis stehen beide zueinander?
Hanus: Der engen Vernetzung zwischen immateriellem und materiellem Kulturerbe wurde ich mir im Rahmen unserer Aktivitäten beim Wiederaufbau erdbebenzerstörter Städte in Zentralitalien in besonderer Weise bewusst. Von der Profession kommend lag natürlich auch bei mir zuerst der Fokus auf der baulichen Rekonstruktion der zerstörten Altstädte. Sehr früh aber wurde mir die Wichtigkeit der ganzen immateriellen Dimensionen des baukulturellen Erbes klar. Jedes Gebäude trägt eine Aufgabe und Bedeutung, die zum funktionalen, kulturellen, sozialen, religiösen und auch wirtschaftlichen Gefüge der Stadt beiträgt. Besonders prägnant werden diese Zusammenhänge anhand der geborgenen in Depots aufbewahrten Kulturgüter wie Skulpturen, Bildern, Heiligenstatuen oder Glocken vor Augen geführt, die für Prozessionen und andere Bräuche jeweils ausgeliehen werden. Besonders bewegend war der Augenblick, als zur Osternacht 2017 in Amatrice von provisorischen, aus Gerüstmaterial gebauten Türmen die Glocken läuteten. Es ist unabdingbar, im Zuge einer Wiederaufbauprojektion alle diese Zusammenhänge zu analysieren, um die Stadt in ihrer Gesamtheit zu rekonstruieren und zu revitalisieren. Würde allein die bauliche Struktur „denkmalgerecht“ ohne die ganzen immateriellen Strukturen rekonstruiert werden, ist nicht garantiert, dass diese und ihre umgebende Kulturlandschaft auch wieder funktionieren.

„Jedes Gebäude trägt eine Aufgabe und Bedeutung, die zum funktionalen, kulturellen, sozialen, religiösen und auch wirtschaftlichen Gefüge der Stadt beiträgt.“

Christian Hanus

upgrade: Was denken Sie über Formen der touristischen Nutzung wie etwa die Römerfeste in Carnuntum, wo die römische Siedlung an diesem Abschnitt des „Donau-Limes“ rekonstruiert wurde? Dient das noch dem Kulturerbe oder ist das schon Spektakel?
Hanus: Viele Konservatoren betrachten solche Nachbauten sehr kritisch, aber ich sehe sie, wie auch die Römerfeste, als eine Form der Geschichts- und Kulturvermittlung, welche für das Verständnis und für die Rezeption der eigentlichen archäologischen Stätte sehr wertvoll sind. Damit entsteht in der breiten Öffentlichkeit auch der Konsens, die Aufwendungen für die Erhaltung dieses Erbe an die weiteren Generationen zu tragen. Carnuntum hat zudem überregionale Bedeutung, auf viele andere Stätten entlang des Limes profitieren von der dortigen Vermittlungsarbeit.


upgrade: Ein Abschnitt des Donau-Limes in Bayern, Österreich, Slowakei und Ungarn befindet sich im Nominierungsverfahren als UNESCO-Weltkulturerbe. Vom Limes gibt es allerdings nur selten sichtbare Zeugnisse. Wie vermittelt man ein Kulturerbe, das man nicht sieht?  
Hanus: Der Donau-Limes in seiner Länge von über 2.000 km als Teil der Grenzen des Römischen Reiches ist als Monument der Spätantike schwer zu vermitteln. Er besteht aus einer natürlichen Grenze, der Donau, und einer Vielzahl einzelner archäologischer Stätten wie ehemaliger Wachtürme, Kastellen, Legionslager oder gar ganzer Garnison- und Zivilstädte. In Niederösterreich ist eine vergleichsweise große Anzahl Hochbauten erhalten, etwa in Mautern, in Traismauer, in Zeiselmauer und natürlich in Carnuntum. Es gibt auch noch einen Burgus (turmartiges Kastell) in der Wachau, in Bacharnsdorf, der in ein Wohnhaus integriert ist. Aber in Zwentendorf sehen wir nur Acker, vielleicht eine Anhöhe. Zu vermitteln, dass diese Stelle aber eine wichtige Stätte einer letztlich 8.000 Kilometer langen Grenze des Römischen Reiches ist, stellt dabei die große Herausforderung dar. Man sollte nicht nur auf die Geschichtlichkeit der Einzelobjekts einzugehen, sondern immer den Kontext zur gesamten Grenzanlage zu zeigen. Gegenseitige Verweise an anderen Stätten, die zeigen, in welcher Wechselwirkung diese zueinander stehen und welchen Stellenwert sie einnehmen, sind dabei die Prämisse. Dann gewinnt jede einzelne Stätte ganz massiv.

 

upgrade: Als Gesamtdenkmal erfordert der Limes eine enge internationale Zusammenarbeit.
Hanus: Ja, die Grenzanlage des Römischen Reiches verläuft in Vorderasien Nordafrika, Schottland und quer durch ganz Europa. Die Diskussionen zeigen, dass der Limes sich eigentlich sehr gut für einen interkulturellen Austausch über Landesgrenzen hinweg anbietet. Das diplomatische Potenzial ist groß, weil der Limes ja ein historisch unbelastetes Erbe ist, mit dem sich jede Region, jedes Lande und jeder Kontinent auf eine eigene Weise identifizieren kann.


upgrade: Der UNESCO wirft man manchmal vor, abgehoben und alltagsfern zu agieren. Wie kann man die Relevanz vermitteln?
Hanus: Ja, das ist die Frage. Das Welterbe stellt einen selektiven Ausschnitt aus dem großen Reichtum des gesamten Menschheitserbes dar. Die Regeln und die Praxis zur Aufnahme von Stätten in die Welterbeliste haben sich über die Jahrzehnte gewandelt. Die Bedeutung der Geschichtlichkeit von Kulturerbe ist auch dann gegeben, wenn seine Bedeutung nur wenigen Menschen wirklich bewusst ist. Die Brücke von Mostar etwa haben vor ihrer Zerstörung wenige gekannt. Die Verlusterfahrung erst hat vielen Menschen ihre Bedeutung erschlossen. Im Gegensatz zur Originalbrücke wurde deren Rekonstruktion dann auf die Welterbeliste aufgenommen.


upgrade: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Gefahren für bauliches Kulturerbe heute?
Hanus: Es hat immer wieder Modernisierungsschübe gegeben, die für das bauliche Erbe bedrohlich waren, etwa in den 1960er und 1970er Jahren. Heute geht ein Gefährdungspotenzial oftmals von der hohen Bewertung von Ansprüchen an die Nutzung aus. Es gibt bereits sehr viele Regulationen im Hinblick auf Sicherheit, Brandschutz, Barrierefreiheit, Energieverbrauch und vieles mehr. Diese Belange sind meistens berechtigt, doch sind die Normen für deren Umsetzung oftmals auf Neubauten ausgelegt. Für die Umsetzung bei Denkmälern sind aber oftmals ausgeklügelte Speziallösungen erforderlich. Hierfür fehlt es oft an Geld, Zeit und Kompetenzen. Wir versuchen in Lehre und Forschung eine Hilfestellung zu geben, insbesondere im Bereich der Bauphysik von Denkmälern oder Lebenszykluskosten von Altbauten.

 


Christian Hanus

Univ.-Prof. Dipl. Arch. ETH Dr. Christian Hanus studierte Architektur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Er ist auf die Bereiche Denkmalpflege, Solararchitektur und Baustoffkunde spezialisiert. Hanus wechselte 2007 von der ETH Zürich an die Donau-Universität Krems, wo er 2010 die Leitung des neu gegründeten Zentrums für Baukulturelles Erbe übernahm. Seit 2013 leitet Christian Hanus das Department für Bauen und Umwelt und fungiert als Dekan der Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur.


Zur Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur

Weitere Artikel dieser Ausgabe

Zum Anfang der Seite

 

Zum Glossar

Diese Website verwendet Cookies zur Verbesserung Ihrer Nutzererfahrung, für analytische Zwecke zur Optimierung unserer Systeme und für Marketingmaßnahmen. Indem Sie auf „OK" klicken bzw. die Website weiter verwenden, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Information zum Datenschutz.

OK