Fatales Duell zwischen Fakten und Fake

Klimawandelskeptiker, Impfgegner, Tabaklobbyisten: Warum ist Wissenschaft in der Defensive? Weshalb glauben Menschen Mythen mehr als evidenten Fakten? Und wie lässt sich das Vertrauen in seriöse Informationen wiedergewinnen? Eine Annäherung.

Von Tanja Traxler

 

Es ist eine paradoxe Situation, in der sich Wissenschaft aktuell befindet: Einerseits sind ihre Ergebnisse noch nie so genau geprüft worden wie heute. Mehrfache Begutachtungen und Evaluationen klopfen Forschungsprojekte und Publikationen auf ihre Glaubwürdigkeit ab. Andererseits erfahren wissenschaftliche Ergebnisse, die diesen strengen Prozess durchlaufen haben, mitunter breiten Widerspruch: Klimawandelleugner und Impfgegner behaupten sich im öffentlichen Diskurs – völlig unbeeindruckt von den Fakten.

Doch wodurch werden Wissenschafter in die Defensive gedrängt? Warum glauben viele Menschen lieber an Fake, anstatt sich auf Fakten zu stützen? Und wie können Wissenschafter wieder Vertrauen in der Bevölkerung gewinnen?

Um sich diesen Fragen anzunähern, ist es zunächst einmal hilfreich, sich jenen Menschen zuzuwenden, die wissenschaftliche Fakten in Zweifel ziehen. Beginnen wir bei den Impfgegnern. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO haben sich in Europa 2017 mehr als 21.000 Menschen mit dem Masern-Virus angesteckt – viermal so viele wie im Jahr zuvor. 35 der Erkrankten sind gestorben. Den Grund für die Zunahme sieht die WHO in einer sinkenden Impfquote. Doch wer sind die Menschen, die wissenschaftliche Tatsachen zum Trotz sich selbst und ihre Mitmenschen gefährden?

 

Zitat

 

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass Wissenschaftsskepsis ein unzusammenhängendes, unorganisiertes Phänomen ist, propagiert von Menschen, die einfach nicht verstehen, wie Wissenschaft funktioniert und warum es vernünftig ist, ihre Ergebnisse ernst zu nehmen. Die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes wollte es genauer wissen und suchte nach Zusammenhängen im Chaos der Leugner von Klimawandel, menschgemachten Umweltproblemen oder den schädlichen Folgen des Rauchens. Das Buch „Merchants of Doubt“, das Oreskes 2010 gemeinsam mit Erik Conway publizierte, avancierte innerhalb kurzer Zeit zur Pflichtlektüre für jene, die wissenschaftsfeindliche Haltungen zu ergründen versuchen.

Oreskes und Conway zeigen in ihrem Buch: Zumindest bei Klimawandel und Rauchen standen bestimmte Personen und Institutionen dahinter, die gezielt daran arbeiteten, die wissenschaftlichen Ergebnisse zu gesundheitsgefährdenden oder umweltschädlichen Einflüssen zu diskreditieren. „Es ist eine organisierte Kampagne von Personen, die systematisch versuchen, die Forschung herauszufordern, die öffentliche Akzeptanz der Wissenschaft zu untergraben und die Integrität von Wissenschaftern zu attackieren“, sagt Oreskes. Hinter der vermeintlich unorganisierten Masse der Unwissenden steht also ein durchdachter Plan von Menschen, die wider besseres Wissen Falschinformationen streuen und Tausende Menschen schenken ihnen Glauben. Wie kann das funktionieren?

Vielfach dieselben Diskreditierer
Oreskes und Conway wiesen nach, dass es vielfach dieselben Personen und Institutionen sind, die die Forschung zu den gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens diskreditiert haben, die nun auch den menschlichen Beitrag zu Klimawandel, Ozonloch und saurem Regen leugnen. Indem sie einige wenige einflussreiche Wissenschafter an Bord holten und viel Geld in die Hand nahmen, schafften sie es, sich bei hochrangigen Politikern Gehör zu verschaffen und in renommierten Medien wahrgenommen zu werden – mit nachhaltiger Wirkung: Durch ihre Investition in derlei Aktivitäten konnte die Tabak-Industrie in den USA jahrelang die Debatte um die Gesundheitsfolgen des Rauchens am Köcheln halten, wodurch sich gesetzliche Maßnahmen zur Einschränkung des Rauchens verzögerten. „Fake News und alternative Fakten sind kein neues Phänomen“, sagt Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-­Universität Krems. „In den 1970er-Jahren war es wissenschaftlich klar, dass Rauchen und Tabak Krebs verursachen, doch die Tabak-Industrie ist immer noch mit alternativen Fakten gekommen und hat die wissenschaftlichen Studien in Frage gestellt.“

Ideologie des freien Marktes
Was motiviert Menschen, wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt zu diskreditieren? Ein offensichtlicher Grund dafür lautet Geld. Doch wie Oreskes und Conway herausgefunden haben, greift das als Erklärung allein zu kurz. Es geht vor allem auch um politische Ideologie, insbesondere jene des freien Marktes. „Klimawandelleugner, ebenso wie Leugner von Tabakschäden, haben die Angst, wenn wir Regierungen erlauben, Gesetze zu verabschieden, um uns vor den Gefahren von Tabak oder fossiler Energie zu schützen, würde das schleichend zum Kommunismus führen, einem Sozialismus durch die Hintertür“, sagt Oreskes.

Im Falle der gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens hat die Politik das Problem doch irgendwann in den Griff bekommen. In vielen Ländern der Welt wurde der Nichtraucherschutz gestärkt – im Einklang mit den wissenschaftlichen Empfehlungen. Ein anderes Forschungsfeld, in dem wissenschaftliche Ergebnisse bis heute diskreditiert und die Empfehlungen der Forscher missachtet werden – mit immensem Schaden für Umwelt und Gesellschaft –, ist die Klimaforschung.

Der Befund ist unmissverständlich
Der wissenschaftliche Befund ist klar und unmissverständlich: Die Durchschnittstemperatur der Erde ist in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen, der Hauptgrund dafür ist der von Menschen verursachte Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 oder Methan. Wenn die Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 mehr als zwei Grad Celsius über der Temperatur vor der Industrialisierung erreicht, sind verheerende Folgen für Menschen und Umwelt zu erwarten: Massenüberflutungen, Dürren und unvorhersehbare Wetterextreme sind nur die offensichtlichsten. Wie, wo und in welcher Form der Planet Erde für uns Menschen in so einem Szenario in Zukunft noch bewohnbar wäre, kann nicht verlässlich beantwortet werden. Die eindeutige wissenschaftliche Empfehlung lautet daher: Diese Zwei-Grad-Marke darf nicht überschritten werden, idealerweise sollte die Erderwärmung nicht einmal 1,5 Grad Celsius betragen. Um das zu erreichen, muss der Ausstoß von Treibhausgasen massiv gedrosselt werden.

Gerald Gartlehner

„Das Podium für alternative Fakten und Verschwörungstheorien ist durch Soziale Medien viel größer geworden.“

Gerald Gartlehner

Bis heute setzt die Staatengemeinschaft allerdings zu wenige Maßnahmen, um die wissenschaftlichen Empfehlungen zu erfüllen. Der globale CO2-Ausstoß ist zuletzt sogar angestiegen: Im Dezember legten Forscher erste Berechnungen vor, die zeigen, dass die Emissionen 2018 einen neuen Höhepunkt erreichten. Demnach wurde in diesem Jahr so viel Kohlenstoffdioxid freigesetzt wie nie zuvor, nämlich rund 37 Milliarden Tonnen. Im Vergleich zu 2017 ist das ein Anstieg von 2,7 Prozent.

Attacken auf Klimaforscher
Begleitet wird die Tatenlosigkeit von Attacken auf Klimaforscher und ihre Ergebnisse von höchster staatlicher Ebene abwärts: US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Klimawandel öffentlichkeitswirksam als „Hoax“, sprich: als Schwindel. Warum Klimawandelleugner derart viel Gehör finden, hat einerseits mit der Arbeitsweise von traditionellen Medien zu tun, andererseits auch mit dem Aufkommen von Social Media. In den herkömmlichen Medien bemüht man sich meistens darum, zu jeder Meinung eine Gegenmeinung zu finden. In der politischen Berichterstattung ist das auch äußerst sinnvoll. Im Falle von wissenschaftlichen Themen führt diese Strategie allerdings in die Irre, weil sie mitunter zu einer verzerrten Darstellung beiträgt. „Extreme Meinungen machen sich gut in den Medien“, sagt Leila Kahwati, die bei der medizinischen Forschungseinrichtung RTI International in North Carolina tätig ist. „Während es so aussieht, als gäbe es eine zunehmende Wissenschaftsskepsis, wird die Meinung der ‚stillen Mehrheit‘ in den Medien oft nicht repräsentiert.“

„Extreme Meinungen machen sich gut in den Medien.“

Leila Kahwati

Insbesondere bei ökologischen Fragen führt das Miteinbeziehen leugnerischer Positionen in die Berichterstattung zu einer enormen Verzerrung des Diskurses: „In der Klimaforschung vertreten etwa 99,9 Prozent der Wissenschafter die Meinung, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht worden ist“, sagt Gerhard Wotawa von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), der auch als Obmann des österreichischen Klimaforschungsnetzwerkes Climate Change Centre Austria (CCCA) fungiert. Bei TV-Debatten werde ein Vertreter der 99,9 Prozent ebenso eingeladen wie einer der 0,1 Prozent jener Forscher, die die Gegenmeinung vertreten. „In der Öffentlichkeit entsteht dann der Eindruck, dass beide für eine anerkannte Meinung stehen“, sagt Wotawa.

Skepsis steigt gar nicht
Insgesamt gibt es laut Wotawa keine zunehmende Wissenschaftsskepsis, denn der Anstieg des Bildungsniveaus führt dazu, dass Menschen schon in ihrer Schulzeit mit naturwissenschaftlichen Themen und Methoden konfrontiert werden. Auch Gerald Gartlehner sieht keine steigende Wissenschaftsskepsis in der Bevölkerung, „was sich aber geändert hat, ist, dass das Podium für alternative Fakten und Verschwörungstheorien in den Sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder WhatsApp viel größer geworden ist“.

Die rasche Verbreitung im Internet führt auch dazu, dass manche Mythen „einfach nicht mehr totzukriegen sind“, so Gartlehner. Als Beispiel nennt er die Studie des Mediziners Andrew Wakefield aus dem Jahr 1998, wonach Mumps-, Masern- und Röteln-Impfungen Autismus verursachen. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass diese Studie manipuliert worden ist und jegliche wissenschaftliche Standards missachtete, das Wissenschaftsjournal „The Lancet“ hat sie zurückgezogen. Der Mythos, dass Impfungen Autismus verursachen können, hat sich aber dennoch in den Köpfen vieler festgesetzt. Die Impfraten sind vor allem in Großbritannien seit Erscheinen von Wakefields Artikel zurückgegangen.

Was neben derlei Falschinformationen zusätzlich zur Impfskepsis beitrage, sei, dass „es viel Frustration mit dem derzeitigen medizinischen System gibt“, so Gartlehner. „Es wird nur wenig Zeit für die Patienten aufgewendet und viele Medikamente werden verschrieben. Viele Personen suchen einfach etwas anderes und finden das in komplementär- und alternativmedizinischen Bereichen, die auch immer wieder mit alternativen Fakten arbeiten.“

Doch was können Wissenschafter tun, um diese Menschen zu erreichen und noch mehr als bisher anzusprechen? Die wissenschaftlichen Standards und Methoden einzuhalten, transparent zu arbeiten und die eigene Arbeit zu kontextualisieren und auch ihre Grenzen aufzuzeigen, sind für Kahwati entscheidende Faktoren, um das Vertrauen der Bevölkerung in Wissenschaft zu stärken.

Einfache Botschaften
Um beispielsweise der Impfskepsis zu begegnen, empfiehlt Gartlehner, „auf klare, einfache Botschaften zurückzugreifen. Denn das machen die Impfgegner auch, wir kommen dann aber mit 200-seitigen Berichten, um sie zu widerlegen.“ Insgesamt gehe es auch darum, die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu heben, die in Österreich eher schlecht ausgeprägt sei. „Wenn wir jeden Tweet von Trump richtigstellen müssen, hinken wir immer hinterher“, sagt Gartlehner. Auch von den Medien fordert er mehr Sensibilität für wissenschaftliche Themen ein. Studien sollten nicht verzerrt dargestellt oder aus dem Kontext gerissen werden, nur um dadurch eine Schlagzeile zu gewinnen.

„Was man im wissenschaftlichen Bereich noch verbessern muss, ist die Kommunikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen“, lautet Wotawas Empfehlung, wie man auf Wissenschaftsskepsis reagieren soll. Es geht dabei nicht nur darum, sich klar auszudrücken und auf Fachausdrücke möglichst zu verzichten, sondern auch, positive Handlungsoptionen zu skizzieren. „Wir müssen auch für die zukünftige Generation ein positives Weltbild hinterlassen. Wir dürfen nicht nur Horrorszenarien und die Milliardenkosten an die Wand malen, sondern müssen auch zeigen, welche Chancen und neue Jobs etwa eine CO2-neutrale Umstellung des Wirtschaftssystems für junge Menschen bietet.“

 

Tanja Traxler ist Wissenschaftsredakteurin bei der Tageszeitung „Der Standard“.


Gerald Gartlehner
Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems.

 

Naomi Oreskes
Prof. Dr. Naomi Oreskes ist Professorin für Wissenschaftsgeschichte an der Harvard University. Sie studierte Geologie am Imperial College in London und promovierte 1990 an der Stanford University. Spezialisiert auf Wissenschaftsgeschichte, beschäftigt sie sich intensiv mit der Klimaforschung, insbesondere deren Forschungsgeschichte.

 

Leila Kahwati
Dr. Leila Kahwati ist Senior Research Scientist am RTI International, einem Forschungsinstitut in den USA mit Fokus auf Verbesserung von Lebensbedingungen im Gesundheitssektor. Kahwati studierte Medizin an der Universität Pittsburgh und fungiert am RTI als Allgemeinmedizinerin mit Expertise in der Entwicklung und Evaluierung von Gesundheitsprogrammen.

 

Gerhard Wotawa
Mag. Dr. Gerhard Wotawa, MA ist Wissenschafter an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und Obmann des österreichischen Klimaforschungsnetzwerkes Climate Change Centre Austria (CCCA).

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