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Die Erde ist keine Scheibe

Verschwörungstheorien haben Hochsaison. Die Wissenschaft ist gefordert, sachlich zu bleiben und mehr in die Öffentlichkeit zu gehen. Eine Gratwanderung.

Ein Kommentar von Peter Illetschko

 

Rush Holt, Chef der einflussreichen Gesellschaft American Association for the Advancement of Science (AAAS), zeigte sich kürzlich ziemlich ratlos. Er könne sich nicht erinnern, dass es die Wissenschaft jemals so schwer gehabt hätte mit faktenbasiertem Wissen wie in der Gegenwart. Ob es nun der menschgemachte Klimawandel ist oder die Erfolgsgeschichte des Impfens: In jedem zweiten Hinterhof würden Menschen sitzen, die behaupten, es besser zu wissen, sagt Holt, der in seiner Funktion auch Herausgeber des Fachjournals „Science“ ist. Gibt es wirklich so viele Menschen, die der Aufklärung trotzen, oder scheinen es aufgrund des großen Zuspruchs zu derartigem Unsinn über soziale Netzwerke wie Facebook nur immer mehr zu werden? Tatsächlich hat jeder Mensch, der sich einen Account zulegt, die Möglichkeit, Nachrichten, Meinungen und damit auch Verschwörungstheorien zu verbreiten. Das ist mit der letztgenannten Ausnahme natürlich eine Bereicherung für die Demokratie. Die Gesellschaft hat es noch nicht verstanden, damit so umzugehen, dass niemandem damit geschadet wird. Jeder darf glauben, dass die Erde eine Scheibe sei, selbst den Ort suchen, an dem er dann möglicherweise runterfällt und im All verschwindet, er soll aber bitteschön niemanden beeinflussen, diese sinnlose Reise mit ihm zu unternehmen.

Seriöser Journalismus wird wichtiger denn je, genauso wie Wissenschaft, die zwar die Öffentlichkeit sucht, sicher aber auf keinerlei Spekulationen und gefährliche Experimente einlässt. Im Wettkampf der Ideen sollten die besten und vielversprechendsten Arbeiten gefördert werden. Angesichts dieser Situation ist natürlich die skrupellose Nutzung der Gen-Schere CRISPR/Cas9, um zwei Embryonen genetisch zu beeinflussen, ein Unding – oder wie es der deutsche Wissenschaftsrat nannte: ein „Super-GAU“. Dabei ist es nicht einmal sicher, dass die beiden Babys eines vom HI-Virus befallenen Vaters, so das angebliche Ziel der Aktion, nicht krank werden. Wissenschafter zeigten sich erschrocken über diese Manipulation. Sie dürfen sich aber auch nicht wundern, wenn die Vorurteile der breiten Masse, Stichwort „crazy scientist“, alles nicht seriös, damit gestärkt wurden. Denn das geht leichter, als man es als aufgeklärter Mensch vermuten möchte: eine bittere Erkenntnis. Da hilft nur: noch mehr Aufklärung, noch mehr die Tore der Labors und Studierzimmer öffnen. „Wir müssen den Leuten noch besser erklären, wie die Dinge wirklich funktionieren“, sagt zum Beispiel der Neurowissenschafter Eric Kandel. Wissenschaft ist – wie schon oft erwiesen – der Motor für die positive Entwicklung der Gesellschaft in allen Belangen.

 


Peter Illetschko
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Peter Illetschko

Peter Illetschko

Peter Illetschko ist Ressortleiter Wissenschaft bei der Tageszeitung „Der Standard“.

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