Ich möchte Fußspuren hinterlassen

Carmen Schöngraf ist Chancenverwerterin – in ihrem eigenen Leben, aber auch in dem von anderen Menschen. Sie unterstützt Frauen, Männer und Kinder, eine selbstbestimmte Zukunft aufzubauen.

Von Christina Badelt

Wer entscheidet, in welches Umfeld man hineingeboren wird und was ein Mensch verdient hat? Diese Frage beschäftigt Carmen Schöngraf oft. Und es ist einer der Gründe, warum sie es sich zur Berufung gemacht hat, Menschen mit widrigen Lebens umständen Chancen und Ressourcen zu schaffen, um selbstbestimmt ein besseres Leben führen zu können. Die 38-Jährige ist Geschäftsführerin der ora Kinderhilfe international und in dieser Funktion für Personal und Kommunikation verantwortlich. Zur Mission von ora sagt sie: „Wir wollen Menschen helfen, sich selbst zu helfen. Bei allen Patenschaften haben wir den Fokus darauf, dass Veränderung aktiv mitgestaltet werden soll.“ Die Projekte werden in verschiedenen Ländern umgesetzt. Ziel ist es, Infrastruktur zu schaffen, wirtschaftliches Know-how zu vermitteln, aber auch den Vorbildcharakter der Eltern und den Selbstwert der Frauen zu stärken, schildert Schöngraf. „Wir haben zum Beispiel in Sierra Leone ein Erdnussfeld angelegt. Somit hatten die Farmer die Möglichkeit, zu arbeiten und ihre Familien besser zu versorgen. Jene, die am Feld erschienen sind, haben ihren Lohn bekommen. Viele davon konnten dadurch das erste Mal selbständig ihre Kinder ernähren. Nach dem Feld kamen die Kirche, der einzige Raum mit Strom im Dorf, eine Schule für 150 Kinder und zwei Brunnen. „Ich arbeite ständig gegen Vorurteile an, wenn ich über unsere Aktivitäten berichte, etwa dass die Menschen faul wären. Es kann mir niemand in den westlichen Ländern erzählen, dass er den ganzen Tag in der Hitze auf dem Feld ohne Wasser arbeiten könnte. Oder dass es selbstverständlich ist, dass Kinder täglich in der brennenden Sonne Afrikas acht Kilometer zu Fuß zur Schule gehen.“

Der Weg zur Berufung

Das Interesse für Menschen und christliche Nächstenliebe waren bei Carmen Schöngraf schon immer ausgeprägt. Als junge Frau war sie in verschiedenen Branchen tätig, fühlte sich jedoch mit ihrem Germanistik-Studium beruflich noch nicht angekommen. „Während meiner zweiten Elternzeit und nach dem Studium kam ich in eine kleine Sinnkrise und dachte darüber nach, was ich wirklich machen will. Es sollte etwas mit Strukturentwicklung und für Menschen sein. Im Jahr 2011 startete sie das Fernstudium „Public Relations“ der Donau-Universität Krems. „Ich war auf der Suche nach einer Ausbildung, die meinem geisteswissenschaftlichen Studium gerecht wird. Mir war es sehr wichtig, PR nicht als Teil von Marketing zu studieren. Das Studium in Krems hatte mehr kommunikationspsychologische Komponenten, das war etwas Besonderes. Es ging mehr um die Botschaft und den Content, weniger um Kennzahlen und Erfolgsquoten, die natürlich auch wichtig sind.“ Geprägt hat das Studium ihre berufliche Laufbahn sehr: „Ich habe dadurch ein Grundverständnis von interner und externer Unternehmenskommunikation gelernt. Das dient mir heute als Basis für zufriedene Mitarbeiter und Kunden, erfolgreiche Prozesse und transparente Strukturen.“ Wie ihr im Jahr 2016 dann der Job bei der ora Kinderhilfe angeboten wurde, wusste sie sofort, dass dies ihr Weg war.

Ein Huhn – viele Eier – mehr Zukunft

Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt ist eine vorsichtige und gleichzeitig hartnäckige Kulturarbeit vor Ort, die durch stetiges Dranbleiben etwas bewegt: „Ich erkläre den Frauen, dass ihr Körper ihnen gehört und sie mitentscheiden dürfen, egal ob es um Schwangerschaften geht oder ihr Recht auf Lesen und Schreiben.“ Auch wirtschaftliche Ideen werden angeboten: „Wir haben zum Beispiel einem Massai-Mann ein Huhn geschenkt. Er hat es dankbar angenommen, die anderen haben ihn deswegen ausgelacht, es war für die Männer des Nomadenstammes, die von Rindern und Ziegen leben, sehr ungewohnt. Dann hat das Huhn begonnen, Eier zu legen, damit konnte er wiederum seine Familie besser ernähren. Später konnte er die Eier verkaufen, die Familie wurde gesünder, sie bauten eine neue, größere Hütte – und plötzlich hat keiner mehr gelacht.“

Mut zur Chance

Sich selbst würde Carmen Schöngraf als Chancenverwerterin beschreiben. „Mir haben sich immer wieder Chancen geboten, die ich konsequent ergriffen habe. Manche sahen auf den ersten Blick gar nicht so aus, andere wiederum musste ich mir selbst erarbeiten oder aktiv und ausdauernd darauf warten. Ich finde, den Moment zu nutzen, wenn sich eine Chance bietet, macht ihn zu einem heiligen Moment.“ Pläne für die Zukunft hat sie unzählige: „Wir möchten in der Organisation organisch wachsen, damit mehr Kindern geholfen wird. Es gibt so viel Leid auf der Welt und wir sind aufgefordert, dort anzupacken und Menschen so zu befähigen, dass sie keine Hilfe mehr brauchen.“ Fragt man die engagierte Frau nach einem Wunsch, erklärt sie sofort: „Ich möchte Fußspuren hinterlassen. Mich treibt es an, einen Unterschied zu machen. Wenn ich nach einem Tag in einem afrikanischen Dorf in meine Unterkunft mit fließend Wasser zurückfahre und eine Dusche nehmen kann, weiß ich nicht nur, wie viel Glück ich in meinem Leben habe, sondern auch, dass diese Arbeit genau das Richtige ist.“


Mag. Carmen Schöngraf, M.A. studierte Germanistik und Geschichte an der Freien Universität Berlin und war unter anderem als Dozentin für Germanistik an der Universität Saratow, Russland sowie als Dozentin für Germanistik an der Universität Pawlodar und am Goethe-Institut in Pawlodar, Kasachstan tätig. Von 2011 bis 2013 studierte sie Public Relations an der Donau-Universität Krems. 2016 begann Schöngraf als Pressesprecherin bei der ora Kinderhilfe, seit Oktober 2019 ist sie als Geschäftsführerin des Kinderhilfswerks tätig.

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