Informell ist auch erlaubt

Der Covid-19-Lockdown war ein unvorhersehbarer Lackmustest für digital vermitteltes Lernen und Lehren. Eine wichtige Frage ist dabei in den Vordergrund gerückt: Welche Kompetenzen können an wen und wie vermittelt werden?

Von Astrid Kuffner

War das heimische Bildungssystem startklar oder war die Umstellung auf digital vermitteltes Lehren und Lernen ein Kaltstart? „Quer über alle Lernorte hat es unterschiedlich gut geklappt“, zieht Isabell Grundschober, Leiterin des Zentrums für Bildungstechnologische Forschung an der Donau-Universität Krems, Ende Mai erste Bilanz. Organisationen mit Digitalisierungsstrategie hatten eine gute Basis, aber die Umsetzung muss sich oft erst entwickeln. Viele Schulen hatten ebenfalls eine Basis und es gab dort „Unicorn-Lehrende“, die gerne Technologie einsetzen. Early Adopter starteten im Lockdown einfach durch, Unerfahrene versuchten Präsenzunterricht zunächst eins zu eins umzulegen. Für Newcomer gab es eine „Welle der Unterstützung“ für Bildungstechnologien. Diese umfassen alle digitalen Werkzeuge und Plattformen, die einen Lernprozess stützen, wobei für Grundschober „technische Hilfsmittel eine Chance bieten, den Unterricht Lernenden-zentriert zu gestalten und selbstgesteuertes Lernen zu fördern“. 

Elke Höfler, Fach- und Mediendidaktikerin an der Universität Graz, bilanziert so: „Wir wussten aus Jugend-Medien-Studien über digitale Kompetenz und Mediennutzung Bescheid. Und über die mangelhafte Ausstattung Lehrender vom primären bis zum tertiären Bereich. Entsprechend viele kleine Baustellen haben sich aufgetan.“ Sie war selbst am Aufbau der Website www.lernentrotzcorona.at beteiligt. Die Seite der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich wurde binnen einer Woche aus dem Boden gestampft, bündelte und prüfte vorhandenes Material und adressierte konkrete Baustellen. Gerade Schulen als autonome Einheiten wurden schnell wieder handlungsfähig, betont die Sprachendidaktikerin: „Es wurde das Beste unter widrigen Umständen versucht und es gab viel Solidarität.“ 

Andreas Bollin, Informatikdidaktiker an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, betreut seit 2014 über die am Institut angeschlossene Informatik-Werkstatt mehr als 3.000 Besucherinnen und Besucher im Jahr. Für ihn können Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) „eine Brücke für den Lernprozess sein“. Auch wenn im Umgang mit neuen Technologien viel Erfahrung angesammelt wurde, so hatten er und sein Team für einen hochqualitativen Unterricht aus der Ferne viel zu tun: „Kompetenzerwerb funktioniert individuell.“ Lehren bedeutet damit auch individuell lernen lassen, und dies kann nur bei guter Vorbereitung durch IKT passend unterstützt werden.

Kompetenz, Kultur & Struktur

Zu Ende gedacht bedeuten die Unterschiede zwischen Online- und Präsenz-Unterricht aber noch mehr, wie Elke Höfler klarstellt. Es braucht Strukturen für Lernende und Lehrende, weil sonst der Rhythmus von Arbeit und Freizeit flöten geht. Es braucht Bewegungsprogramme und Beziehungspflege, wenn natürliche Wege und Begegnungen wegfallen, und gezielte Abstimmung, um Belastungsspitzen zu vermeiden. 

An starre Gruppen von Lernenden mit klar bestimmbaren Merkmalen, die digital optimal bedient werden können, glaubt Andreas Bollin nicht. Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, alphabetisiert, Akademikerhaushalt, Migrationshintergrund, Digital Native oder mit besonderen Bedürfnissen – alles ist zu berücksichtigen. Somit gibt es auch kein allgemeingültiges Rezept für Lernkompetenz. „An der Basis von allem steht die Selbstkompetenz. Dazu gehört die Fähigkeit, sich zu motivieren und mit Misserfolgen umzugehen. Das wiegt noch schwerer, wenn ausschließlich IKT zum Einsatz kommen. Auf der Selbstkompetenz bauen dann soziale Kompetenz, Methodenkompetenz und Sachkompetenz auf“, so Bollin. 

Basics des E-Unterrichts

Im Lockdown mussten passende Werkzeuge gewählt werden: für Lernende passend zur eigenen Lernstrategie und für Lehrende passend zu dem, was die Lernenden am Ende können sollen. Um gute Online-Lehre durchzuführen, muss das gewünschte Lernergebnis vorab klar benannt werden. Ein zweites Prinzip ist für Isabell Grundschober die „Offenheit für Lernergebnisse“. Das hat nichts mit Technologie zu tun. Wenn die Lernergebnisse und die kognitiven Prozesse benannt sind, geht es an die Wahl des digitalen Werkzeugs, das sie am besten anregt. Nach Blooms Taxonomie, einem hierarchischen Modell der Einteilung von Lernzielen, stehen „Fakten und Konzepte erinnern, verstehen und anwenden“ an der Basis kognitiver Prozesse. Für eine lebenslange Lernkarriere sollten wir nicht nur reproduzieren können, sondern auch analysieren, evaluieren und gestalten. Das kann ein E-Portfolio besser anregen als ein Multiple-Choice-Test. Die Lernenden aktiv in Gestaltung und Planung des Unterrichts einbinden, erreichbare Ziele stecken lassen und ein individuelles Tempo ermöglichen zählt auch Andreas Bollin zu den Grundlagen der E-Lehre.

Home-Schooling in der Praxis

Digitale Infrastruktur, Kultur und Kompetenzen zum Home-Schooling im Lockdown waren auch in den Haushalten nicht gleich gut verteilt. Laut EU-SILC-Befragung 2018 haben in Österreich 85 Prozent der Haushalte Internetzugang und 81 Prozent zumindest einen Computer. Aber 13.000 Haushalte mit Kindern sind ohne Computer und mehr als 45.000 ohne Internetzugang. Es konnten nicht alle Eltern gleich gut unterstützen, wenn Neunjährige vier Lern-Apps und zwei Videokonferenz-Logins am Start haben oder in der Mittelschule Aufgaben auf fünf verschiedenen Kanälen eintrudeln. Etliche ohnehin benachteiligte Schülerinnen und Schüler wurden also nicht erreicht oder weiter abgehängt. 

Smartphones sind in Österreich weiter verbreitet, aber für passende Lerntools muss bedacht werden, dass man darauf keinen Roman tippen kann und der Screen klein ist. Zudem wurden sie in Schulklassen bisher eher weggesperrt als zum Arbeitsgerät gemacht. Es wurde stark auf Schrift gesetzt, obwohl im Präsenzunterricht mehr Sinne angesprochen werden „Lernende sind gewohnt, sich auch berieseln zu lassen. Schriftdokumente ohne Erläuterung stören diesen Lernfluss. Entsprechend wäre mehr Abwechslung mit Audiofiles, Videos, Sprachnachrichten etc. wünschenswert“, betont Elke Höfler. 

„Auf der Selbstkompetenz bauen soziale Kompetenz, Methodenkompetenz und Sachkompetenz auf.“

Andreas Bollin

Digital Native aber Medien-naiv

Die sogenannten Digital Natives bringen „Inselkompetenzen“ mit, aber meist wenig Medienkompetenz. „Die Zusammenhänge beizubringen obliegt  uns Erwachsenen“, sagt die Mediendidaktikerin und ergänzt: „Wir begleiten die digitale Mediennutzung und reflektieren gemeinsam.“ Das Smartphone legt aber auch einen Zugang zu Social Media und hier kann eine Menge gelernt werden. YouTube bietet zahllose Tutorials, aber auch fremdsprachige Interviews, die Sprache bedarfsorientiert, zeitgemäß, authentisch und multicodiert vermitteln. Auf Twitter oder Instagram sind außenstehende Personen für den Unterricht erreichbar, Vernetzung wird gefördert, Hashtags bieten Orientierung und interkulturelles Lernen schwingt mit. „Man kann nicht NichtLernen“, interpretiert Elke Höfler Paul Watzlawick, weshalb auch Netflixschauen ein Lernerlebnis sein kann. 

Was bleiben darf

Elke Höfler wünscht sich, dass schulisches Lernen und Lehren nicht laufend madig gemacht und informelles Lernen aufgewertet wird. Wenn nur auf Kompetenzen, Zensuren und Zertifizierungen geschaut wird, kann das nicht gelingen: „Lernen ist manchmal beinhart! Als Lehrende geben wir Motivation dafür mit. Die Form ist wichtig: In einem fachkollegialen Team haben wir auch schon Pub-Quiz zur Wissensvermittlung ausprobiert.“

Die Kunst des Unterrichtens liegt für Andreas Bollin darin, den richtigen Zugang zu den Inhalten zu finden und alle Lernenden abzuholen: „Digital vermitteltes Lernen und Lehren ist eine gute Erweiterung des didaktischen ‚Werkzeugkastens‘, aber kein Ersatz. Die Abwechslung macht es aus und Motivation kann und darf auch losgelöst von der Technologie angedacht werden.“ Richtig dosiert, könne sie aber Wunder wirken.

Weil sich in den vergangenen Monaten Lockdown-bedingt viele Menschen mit digitalen Werkzeugen auseinandersetzen mussten, hofft Isabell Grundschober, in Lehre und Forschung nicht mehr so viel dafür kämpfen zu müssen. Durch die Telearbeit wurde etwa eine Online Summer School mit internationalen Partnern möglich.


ANDREAS BOLLIN
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Andreas Bollin ist an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt Leiter des Instituts für Informatikdidaktik. Der Einsatz neuer Medien in der Lehre steht im Mittelpunkt seiner Forschung

ISABELL GRUNDSCHOBER
Isabell Grundschober, BEd, BSc, MA leitet an der Donau-Universität Krems das Zentrum für Bildungstechnologische Forschung. Grundschober forscht u. a. zu E-Learning, Instructional Design, und Bewertung von Bildungsprozessen. 

ELKE HÖFLER
MMag. Dr. Elke Höfler ist Fach- und Mediendidaktikerin. Sie lehrt an Universitäten, an Fachhochschulen sowie an mehreren Pädagogischen
Hochschulen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in Social Media, Fiktionstheorie, Open Educational Resources und mediengestützter
Sprachdidaktik.

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