Dem Gehirn beim Heilen helfen

Ob Schlaganfall, Schädel­-Hirn­-Trauma, Multiple Sklerose oder Parkinson: Neueste Erkenntnisse zeigen, dass das Gehirn vieles selbst heilen kann. Das hat auch zum Umdenken bei eingesetzten Rehabilitationsmaßnahmen geführt.

Von Michaela Endemann

Zu den häufigsten Krankheitsbildern, deren Regenerationsprozess unterstützt werden kann, gehören Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Multiple Sklerose, inkomplette Querschnittsyndrome sowie entzündliche Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks, gutartige Tumore, Bandscheibenvorfälle, Polyneuropathien und auch Muskelerkrankungen.

Am Beginn einer Rehabilitation stehen eine Beurteilung der sensomotorischen sowie kognitiven Defizite und die Einteilung der Schwere der neurologischen Schädigung und deren Symptome. Beim Schlaganfall reichen die Symptome von Seh- und Sprachstörungen sowie Schluckbeschwerden über Lähmung, Taubheitsgefühl, Schmerzen und Schwindel mit Gangunsicherheit bis hin zu Spastiken (Erhöhung der Muskelspannung) und kognitiven Störungen.

Unsere Gehirnstrukturen sind dynamischer, als noch vor einigen Jahrzehnten angenommen. Verletzungen kann es bis zu einem gewissen Grad ausgleichen und geschädigte Areale durch andere kompensieren, und das bis ins hohe Alter. „Im neurophysiologischen Kontext bedeutet Plastizität eine Veränderung bzw. Modulation des zentralen Nervensystems durch Reize, Stimuli und Informationen. Das Gehirn verändert sich lebenslang durch Erfahrungen und Eindrücke, neue Verbindungen bilden sich zwischen neuronalen Strukturen“, erklärt Michaela Pinter, Universitätsprofessorin für Neurorehabilitationsforschung an der Donau-Universität Krems.

Diese Erkenntnisse haben die Methoden der Neurorehabilitation beeinflusst. Schonung ist passé. Trainieren von sensomotorischen und kognitiven Funktionen ist zum zentralen Bestandteil geworden. „Wer gehen will, muss das Gehen üben, und nicht nur ein Bein in den Gelenken beugen und strecken“, so Andreas Mayr, Leiter des Labors für Gang- und Bewegungsanalyse und der Robotik-Abteilung am LKH Hochzirl – Natters der Tirol Kliniken. Dies gelte auch für Spastiken. „Heute weiß man, dass sich auch unter einer Spastik ein schwacher Muskel befinden kann, der trainiert werden muss, um dem Körper seine eigentliche Funktion wieder zurückzugeben“, so Mayr. „Durch das Training wird die Muskulatur gestärkt, die peripheren Nerven regenerieren sich und das Zentralnervensystem wird gefördert und gefordert“, sagt auch Nikolaus Steinhoff, ärztlicher Direktor der Neurorehaklinik Kittsee. Erfreulicher Nebeneffekt: Die Patienten erholen sich rascher.

Training mit dem Roboterpferd

Neben Lauf- und Handrobotern steht den Therapeuten in Hochzirl auch ein Roboterpferd zur Verfügung. Eine Therapie mit „Hirob“ kann nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose und Kindern mit Hirnschädigungen sowie Patienten mit Parkinson, Querschnittslähmung oder orthodischen Erkrankungen eingesetzt werden. „Durch stufenlose Regulierung der Therapiegeschwindigkeit und -intensität können Patienten bereits in der Frühphase der Rehabilitation therapiert werden“, erklärt Andreas Mayr.

Noch viel Entwicklungsarbeit haben Exoskelette, Anzüge zur Unterstützung der Motorik und Ansätze mit virtueller Realität vor sich. Im bereits abgeschlossenen Projekt REHABitation der FH Technikum Wien in Zusammenarbeit mit dem Neurologischen Rehabilitationszentrum Rosenhügel konnten Schlaganfallpatienten ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten virtuell trainieren, bevor sie beispielsweise real in einem Supermarkt einkaufen gehen, und die Übungen auch nach der stationären Reha daheim telemonitorisch fortsetzen. „Die Tele-Neurorehabilitation mit dem Monitoring des Übungsprogramms steckt im Zeitalter der Digitalisierung noch ‚in den Kinderschuhen‘ – wird aber essenzieller Pfeiler der Neurorehabilitation von morgen sein“, meint dazu auch Michaela Pinter.

Technik ist nicht alles

So aufgeschlossen Therapeuten wie Ärzte in Österreich diesen neuen Techniken gegenüber sind, so realistisch sind sie auch, was die Anwendung betrifft. Einig sind sich die Experten, dass gerade bei den neuen Ansätzen, also Training statt Schonung, die Mitarbeit der Patienten über den Therapieerfolg entscheide. Andreas Mayr ist dabei das Selbstbewusstsein und die Entscheidungsfähigkeit des Patienten, zum Beispiel das Aussuchen der Ballfarbe während des Trainings, besonders wichtig. „Studien haben gezeigt, dass Trainings zur Verbesserung des Selbstmanagements nach einem Schlaganfall die Lebensqualität und die Effizienz der Lebensgestaltung verbessern“, sagt Karl Matz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Neurowissenschaften der Donau-Universität Krems.

Hintergrund jeglicher neuen Maßnahmen in der Neurorehabilitation ist die Grundlagenforschung, wie zum Beispiel Ergebnisse zur Neuroplastizität, die die Neurorehabilitation bereits verändert haben. Fragen wie die Schwäche der Vorfußhebung, der Einsatz von Botulinumtoxin gegen Spastik oder eine interdisziplinäre Vorgehensweise könnten in Zukunft ebenfalls Ansätze für verbesserte Reha-Maßnahmen liefern.

„Das Gehirn verändert sich lebenslang durch Erfahrungen und Eindrücke, neue Verbindungen bilden sich zwischen neuronalen Strukturen“

Michaela Pinter

Folgen des Schlaganfalls

Die Schwäche der Vorfußhebung ist ein weit verbreitetes Problem bei neurologischen Erkrankungen wie dem Schlaganfall. „Vielfach ist sie verbunden mit Spastizität und komplexeren motorischen Problemen, die zu gehäuftem Stolpern und Stürzen führen“, erklärt Michaela Pinter. Zur Korrektur wird als Therapie die Funktionelle elektrische Stimulation (FES) angewandt. In einem dazu bereits abgeschlossenen Projekt konnte Michaela Pinter zeigen, dass eine tiefergehende, implantierte Stimulation des Nervs der üblicherweise angewandten Oberflächenstimulation überlegen zu sein scheint. 

Weiteres Feld der Forschung: kognitive Störungen nach einem Schlaganfall. „Jeder zehnte Schlaganfallpatient, der noch keine Demenz hatte, leidet ein Jahr nach dem Ereignis an einer Demenz“, erklärt Matz. Einer finnischen Studie zufolge soll ein Programm mit Optimierung von Gefäßrisikofaktoren, regelmäßiger Bewegung, gesunder Ernährung und kognitiven Übungen diese kognitiven Funktionen verbessern. In einer Analyse mit einer ähnlich gestalteten norwegischen Studie konnten Matz und seine Kollegen eine Verbesserung der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit zeigen.
 

Schlaganfall-Demenz
 

Botulinumtoxin gegen Spastik

Auch die Erhöhung der Muskelspannung, die Spastizität, ist häufig Folge eines Schlaganfalls und Gegenstand der Forschung. Bei rund 24.000 registrierten Schlaganfällen in Österreich 2018 gebe es allein bis zu 9.000 zerebrovaskulär Betroffene, so Pinter: „Die spastische Tonuserhöhung der Muskulatur führt zur Interferenz mit der Willkürmotorik sowie zu Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens.“ Neben Physiotherapie, physikalischen Maßnahmen und der medikamentösen Therapie wird die Injektion von Botulinumtoxin in Leitlinien von Fachgesellschaften zur Reduktion der fokalen Spastizität empfohlen. „Der Effekt von Botulinumtoxin wurde bislang vor allem anhand passiver Ziele, wie der Veränderung des Muskeltonus oder der Beweglichkeit einzelner Gelenke, gemessen und publiziert“, so Pinter. Ein neues Forschungsprojekt der Donau-Universität Krems soll den Effekt von Botulinumtoxin-Injektionen auf konkrete motorische funktionelle Verbesserungen, insbesondere der Gehgeschwindigkeit, untersuchen.


KARL MATZ
Ass.-Prof. Dr. Karl Matz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Neurowissenschaften der Donau-Universität Krems. Der Primararzt leitet die Neurologie-Abteilung am Landesklinikum Mödling.

ANDREAS MAYR
Dr. Andreas Mayr ist Leiter des Labors für Gang- und Bewegungsanalyse und der Robotik-Abteilung am LKH Hochzirl – Natters der Tirol Kliniken und Human Movement Scientist in der Abteilung Neurologie am LKH Hochzirl – Natters, Tirol Kliniken. 

MICHAELA PINTER
Univ.-Prof. Dr. Michaela Pinter, MAS, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, ist Leiterin des Zentrums für Neurorehabilitation der Donau-Universität Krems. Seit 2009 hält sie dort die Universitätsprofessur für Neurorehabilitationsforschung. Pinter studierte an der Medizinischen Universität Wien, von der sie 2001 die Venia Docendi erhielt. Nach Abschluss der Facharztausbildung in Wien folgte ein Studienaufenthalt am Baylor College Houston

NIKOLAUS STEINHOFF
Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff, Hon.-Prof. (FH), ist Facharzt für Neurologie, ärztlicher Leiter des OptimaMed Neurologischen Rehabilitationszentrums Kittsee und der gesamten OptimaMed-Gruppe. Davor war Steinhoff ärztlicher Leiter der Intermediate Care Unit Neurologie am Landesklinikum Hochegg.

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