Der Lebensstil entscheidet

Linsencurry statt Schnitzel und täglich eine Runde mit dem Fahrrad: So könnte der gesunde Lebensstil eines Schlaganfall-Risikopatienten aussehen. Welche Kommunikation und Bewusstseinsarbeit braucht es, damit Patienten nicht abwehrend auf Anregungen reagieren?

Von Carola Timmel

Ein erheblicher Anteil der rund 24.000 Schlaganfälle pro Jahr in Österreich könnte durch rechtzeitige und bessere Aufklärung in Bezug auf Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen oder Alkohol vermieden werden. „Eine durchaus herausfordernde Angelegenheit“, weiß Dr. Wolfgang Serles, Leiter der Ambulanz für Schlaganfallprävention und Schlaganfallnachbehandlung am Wiener AKH, aus langjähriger Erfahrung: „Es ist nicht leicht, Patienten zu einer anderen Form des Lebensstils zu animieren.“

Die umfassende Information rund um das Thema ist ein wesentlicher Bestandteil der Patientenbetreuung: „Im Zentrum unserer Bemühungen steht das aufklärende Gespräch. Denn der Wissensstand der Patienten ist oft nicht ausreichend. Nehmen wir als Beispiel erhöhte Cholesterinwerte. Die Patienten wissen zwar, dass zu hohes Cholesterin nicht gut ist und dass eventuell Gefäßablagerungen die Folge sein können – einen daraus resultierenden Schlaganfall bringen sie aber eher nicht damit in Verbindung.“

Es gehe also zunächst darum, alle für den Patienten relevanten Informationen zu vermitteln, um ihm in einem zweiten Schritt mögliche Ansätze aufzuzeigen, die eine Reduktion des erhöhten Wertes positiv beeinflussen. Dies könnten im Falle des Patienten mit erhöhtem Cholesterinwert die fettarme, mediterrane Kost ebenso sein wie die Einnahme sogenannter Statine, also Medikamente, die den Cholesterinwert im Blut senken und vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen. Letzteres würde eventuell dann in Frage kommen, wenn beim Patienten die fettarme, mediterrane Kost keine Wirkung zeigt.

Wissenslücken gebe es auch in Bezug auf alle anderen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Nikotin oder Alkohol. „In Anbetracht der Tatsache, dass es sich beim Schlaganfall – nach Herzinfarkt und Krebs – um die dritthäufigste Todesursache in Österreich handelt“, ist umfassende Aufklärung von immenser Wichtigkeit, betont Serles.

Motivational Interviewing

„Aus Umfragen wissen wir, dass die wenigsten Österreicher die größten Risikofaktoren für Schlaganfall kennen“, sagt auch Britta Blumencron, Expertin für Gesprächsqualität in der Medizin. Wir haben es mit einer Wissensschere zu tun: Auf der einen Seite ist die Medizin, deren Repräsentanten sehr genau über die Hauptrisikofaktoren für Schlaganfall Bescheid wissen. Auf der anderen Seite befinden sich Menschen, die zwar genau spüren, dass ihr hoher Cholesterinspiegel und das tägliche „Packerl“ Zigaretten ihnen nicht guttun – die jedoch ihre Lebensgewohnheiten nicht mit der Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden in Verbindung bringen bzw. diese Tatsache verdrängen.

„Wichtig ist, dass keine Verbote ausgesprochen werden, die sind nämlich meist wirkungslos.“

Alexandra Dachenhausen

„Sind Zusammenhänge einmal geklärt, gibt es weitere Herausforderungen zu meistern“, sagt Blumencron: „Wie können Patienten dahingehend motiviert werden, ihr Verhalten zu ändern? Bei meinen Trainings berichten mir regelmäßig Pflegekräfte aus dem Intensivbereich zum Beispiel, wie sehr sie darunter leiden, dass kettenrauchende Patienten heimlich zur Zigarette greifen. Es handelt sich um jene Gruppe von Patienten, bei denen Fotos von amputierten Beinen auf den Zigarettenpackungen keine abschreckende Wirkung zeigen.

Die Frage aller Fragen ist: Ist es überhaupt möglich, diese Patientengruppe ins Boot zu holen? Selbst wenn dies unmöglich erscheinen mag: „Ja, auch zu diesen Patienten lässt sich ein Zugang finden“, sagt die Kommunikationsexpertin. Die moderne Kommunikationswissenschaft habe hier sehr effiziente Techniken entwickelt wie beispielsweise das sogenannte „Motivational Interviewing“. Bei der motivierenden Gesprächsführung gehe es darum, Vertrauen aufzubauen und die persönlichen Gründe für bestimmte Verhaltensweisen zu analysieren und zu besprechen. „Was ist für Sie das Schöne am Rauchen?“ könnte etwa eine Frage sein.

Im „Motivational Interviewing“ geht es darum, sich im Ausschluss-Verfahren an jenen Punkt anzunähern, der als störend empfunden wird: „Sie haben gesagt, Rauchen hilft Ihnen gegen Stress – gibt es auch etwas, das Sie persönlich am Rauchen stört?“ „Und wenn es nur das Faktum ist, dass die Partnerin bzw. der Partner es nicht mag, dass die Kleidung schlecht riecht, kann mit dieser Information weitergearbeitet werden“, sagt Blumencron. „Realistischerweise wird man in einem derartigen Gespräch die Person vom Rauchen nicht abbringen, aber vielleicht dahingehend motivieren, dass sie zu einem Info-Abend kommt. Und damit sei ein erster wesentlicher Schritt geschafft.

What’s in for me?

Was gute Techniken dieser Art jedenfalls beinhalten sollten, sind Elemente der „Change Communications“, also der Veränderungskommunikation: Der Patient möchte wissen, was er persönlich davon hat – „What’s in for me?“, heißt es kurz und einprägsam im Englischen. „Wenn Betroffene den Sinn und Nutzen einer Therapie für sich erkennen, werden sie ‚compliant‘, sprich: therapietreu sein und sorgsamer mit ihrer Gesundheit umgehen“, sagt Blumencron.

Wesentlich in diesem Zusammenhang sind auch Vereinbarungen, die zwischen Behandelnden und Patienten am Ende des Gespräches getroffen werden, so die Kommunikationsexpertin. Erfreulicherweise ist das „shared decision making“, also das gemeinsame Treffen von Therapie-Vereinbarungen ein immer beliebteres Tool.

„Es ist nicht leicht, Patienten zu einer anderen Form des Lebensstils zu animieren.“

Wolfgang Serles

Kombi aus Motivation und pharmakologischer Gabe

Eine Expertin, die sich mit soziologischen Phänomenen im Zusammenhang mit dem Thema Schlaganfall beschäftigt, ist Alexandra Dachenhausen, Soziologin an der Donau- Universität Krems: „Die Bereitschaft bzw. Möglichkeit, Informationen über Krankheiten bzw. gesundheitliche Bedrohungen aufzunehmen, sind individuell unterschiedlich. Manche Patienten schaffen es durch Veränderung ihrer Lebensgewohnheiten, metabolische Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht, erhöhter Blutzucker, Diabetes oder erhöhtes Cholesterin zu reduzieren, bei anderen ist eine Kombination aus motivierenden Maßnahmen und pharmakologischer Gabe zielführender“, sagt Dachenhausen.

Die WHO und WSO (World Stroke Organization) haben in diesem Zusammenhang drei Einzelstrategien definiert, darunter die „bevölkerungsweiten Präventionsmaßnahmen“. Motivation und „Empowerment“ stehen im Zentrum dieses Maßnahmenbündels.

„Dazu zählen auch regierungszentrierte Interventionen wie z. B. Salz- und Zuckerreduktion oder Eingriffe in Rauchgewohnheiten im öffentlichen Raum wie Rauchverbot an Arbeitsplätzen und Restaurants oder die drastische Erhöhung der Tabaksteuer“, sagt Dachenhausen.

Nicht zu unterschätzen sei die rasante Entwicklung der verschiedensten unterstützenden Technologien wie Smartphones, durch welche insbesondere junge Menschen zu erreichen sind. Die App Stroke Riskometer beispielsweise ermöglicht unkompliziert und schnell das individuelle absolute und relative Schlaganfallrisiko zu erfahren. Auf Basis evidenzbasierter Daten stellt die App Vorschläge zur Erreichung eines gesünderen Lebensstils zur Verfügung. Eine kürzlich durchgeführte randomisierte kontrollierte Pilotstudie zeigte, dass diese App einen motivierenden Wert hat und ein Potenzial, die Lebensstilrisikofaktoren zu reduzieren.

„Auch in der medikamentösen Therapie gibt es laufend Fortschritte zu beobachten“, sagt Dachenhausen. In diesem Zusammenhang sei insbesondere die sogenannte Polypille zu erwähnen. Die Polypille ist eine Kombinationstablette. Sie enthält Medikamente, die im klinischen Alltag zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen verwendet werden wie blutdrucksenkende Medikamente, Statine und Aspirin.

Wie immer Präventionsmaßnahmen im Zusammenhang mit Schlaganfall auch aussehen: „Wichtig ist, dass keine Verbote ausgesprochen werden, die sind nämlich meist wirkungslos“, so Dachenhausen.

„Auch im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung könnte Wertvolles im Sinne der Schlaganfall-Prävention getan werden“, sagt Dachenhausen. Zwei primär-präventive Maßnahmen sind relativ leicht umzusetzen: ansprechende Bewegungsangebote und ein stärkerer Fokus auf gesunde Ernährung.

Was im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit ganz wichtig ist: Gute Initiativen sollten nicht konterkariert werden. Denn, so Alexandra Dachenhausen, was nützten Kampagnen und Maßnahmen, wenn im Fernsehen oder in Filmen parallel dazu dann beispielsweise doch geraucht werde. In der Schlaganfall-Prävention wichtig sind eindeutige Akzente, die in der Kommunikation gesetzt werden.


WOLFGANG SERLES
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Serles ist Leiter der Ambulanz für  Schlaganfallprävention und Schlaganfallnachbehandlung am Wiener AKH. Als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Präventivmediziner beschäftigt er sich mit den Risikofaktoren von Schlaganfall in der Primär- und Sekundärprävention sowie mit Behandlungsmethoden nach einem Schlaganfall.

BRITTA BLUMENCRON
Mag. Britta Blumencron ist seit über 15 Jahren im Gesundheitsbereich tätig und Expertin für Gesprächsqualität in der Medizin. Sie trainiert  Gesundheitsfachkräfte in effektiver Patienten-Kommunikation und lehrt  Gesundheitskommunikation an der Donau-Universität Krems am Zentrum  für Gesundheitsmanagement.

ALEXANDRA DACHENHAUSEN
Mag. Alexandra Dachenhausen, MAS ist Soziologin mit einer  postgradualen Ausbildung zur Gesundheitsmanagerin. Als  wissenschaftliche Mitarbeiterin des Departments für Klinische  Neurowissenschaften und Präventionsmedizin der Donau-Universität Krems beschäftigt sie sich seit 25 Jahren vorrangig mit dem Thema Schlaganfall.

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