Die globale Epidemie einbremsen

Michael Brainin, Präsident der World Stroke Organization WSO und Schlaganfallspezialist, über globale Präventionsstrategien gegen die weltweit steigende Zahl an Schlaganfällen.

Interview: Katharina Roll, Roman Tronner

upgrade: Auf der WSO-Website ist zu lesen:Über sechs Millionen Menschen sterben jährlich an einem Schlaganfall. Wie hoch ist das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden?

Michael Brainin: Schlaganfälle sind weltweit die zweithäufigste Todesursache. In manchen Ländern sind sie sogar die häufigste, wie etwa in China, Brasilien, Indonesien oder Südkorea. Das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, liegt bei 1:3. Besonders die Länder mit niedrigem oder mittlerem Bruttonationaleinkommen (BNE) sind betroffen. In Westeuropa liegt das Risiko bei 1:4, in Osteuropa bei 1:3. Es ist die Aufgabe der World Stroke Organization, die Präventionsprogramme und die Akutversorgung auf der ganzen Welt zu verbessern.

Was macht einen Schlaganfall so gefährlich?

Brainin: Ein Schlaganfall verursacht keine Schmerzen wie ein Herzinfarkt. Oft werden die Symptome zu spät erkannt beziehungsweise warten die Betroffenen zuerst ab, bevor sie ins Krankenhaus fahren. Daher ist Aufklärung sehr wichtig und sollte schon in den Schulen betrieben werden. Alles, was halbseitige Störungen verursacht (z. B. Lähmung) und plötzlich auftritt, ist schlaganfallverdächtig und erfordert notfallmäßiges Handeln.

Die Risikofaktoren für Schlaganfall sind vor allem der individuelle Lebensstil, gibt es auch Umweltfaktoren?

Brainin: Alkohol, Übergewicht, Nikotin und in weiterer Folge Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel erhöhen das Risiko eines Schlaganfalls. Außerdem hat die Luftverschmutzung auf rund ein Drittel aller Schlaganfälle Einfluss. Gerade in China und Indonesien ist die Luftverschmutzung sehr hoch. Partikel, die kleiner als 10 Mikrometer sind, werden von den gängigen Schutzmasken nicht gefiltert und können auch über die Haut aufgenommen werden. Diese stellen dann einen Reiz zur Bildung von Arteriosklerose dar, die wiederum Gefäßkrankheiten wie Schlaganfall hervorruft.

Wo liegt Österreich im internationalen Vergleich?

Brainin: In den letzten 20 bis 30 Jahren hat die Rate an Schlaganfällen in Österreich deutlich abgenommen. Jährlich sind etwa 2,3 Personen pro 1.000 Einwohner von einem Schlaganfall betroffen. In Osteuropa liegt die Rate bei etwa 4,5 Personen pro Jahr und 1.000 Einwohner und darüber. Obwohl wir Inzidenzraten haben, die am ehesten mit anderen westeuropäischen Ländern vergleichbar sind, sind wir in vielerlei Hinsicht das Schlusslicht in Westeuropa. Österreich weist zum Beispiel eine alimentäre Belastung auf, da wir viele osteuropäische Ernährungsgewohnheiten haben. Übergewicht, Alkohol und Nikotinkonsum sowie Bluthochdruck sind die wichtigsten Risikofaktoren eines Schlaganfalls in Österreich.

Österreich hat – dank Ihrer Arbeit – mit den Stroke Units eine sehr gute Akutversorgung. Wie ist diese aufgebaut?

Brainin: Die Versorgung in Österreich wird von vielen als beispielhaft angesehen. Insgesamt haben wir ein Netzwerk von 39 Stroke Units. Wir haben die Versorgung nach evidenzbasierten Prinzipien errichtet, dem Konzept „Time is Brain“ folgend. Die geografische Lage der Stroke Units wurde annähernd ideal konzipiert. Somit kann zumindest eine Versorgungseinrichtung von jedem beliebigen Punkt in Österreich innerhalb von 45 Minuten erreicht werden. Dies ist wichtig, weil die Notfalltherapie nur innerhalb von etwa vier Stunden nach Auftreten der ersten Symptome durchgeführt werden kann.

Mit den Stroke Units konnte die Mortalitätsrate bei Schlaganfällen deutlich verringert werden. Welche anderen Maßnahmen spielen dabei noch eine Rolle?

Brainin: Die Mortalitätsrate bei Schlaganfällen in Westeuropa hat sich durch die Einführung neuer und nebenwirkungsärmerer Antikoagulationstherapien, einer Hemmung der Blutgerinnung, deutlich gebessert. Diese Therapie wird prophylaktisch bei einigen häufigen Herzrhythmusstörungen eingesetzt und verhindert die Bildung von Thrombosen. Patientinnen und Patienten, die therapiert werden, erleiden dadurch weniger und vor allem weniger schwere Schlaganfälle. Somit steigt auch die Überlebenschance.

„Männer über 50 und Frauen über 55 sollten die Polypille prophylaktisch einnehmen. Das wäre gleichzusetzen mit der Jodierung von Speisesalz oder chloriertem Trinkwasser.“

Michael Brainin

Zurück auf die globale Ebene: Das WSO-Vorhaben „Cut Stroke in Half“ will die Inzidenzrate durch im WesentlichenDrei Maßnahmen halbieren. Wie soll das erreicht werden?

Brainin: Eine Prävention, die bevölkerungsbasiert ist, d. h. nicht nur Hochrisikopersonen, sondern alle umfasst, ist nicht etabliert. Daher wollen wir Maßnahmen für eine Massenprävention einführen. Im Prinzip umfasst die WSO-Präventionsstrategie drei Maßnahmen: die Polypille, geschulte Gesundheitsarbeiter in der Gemeinde (bei uns analog der ,,Gemeinde-Schwester‘‘) und eine E-Health-Maßnahme, die App Stroke Riskometer. Die Polypille ist eine Tablette, welche niedrig dosierte Blutdrucksenker und Cholesterinsenker enthält. Männer über 50 und Frauen über 55 Jahre sollten diese Polypille prophylaktisch einnehmen. So eine Maßnahme wäre dem Ausmaß nach gleichzusetzen mit der Jodierung von Speisesalz oder chloriertem Trinkwasser.

Wie bringt man Menschen dazu, die Polypille vorsorglich zu nehmen? In Österreich gäbe es sicher eine gewisse Skepsis, wohl auch unter der Ärzteschaft, weil mit einer Polypille ja die individuelle Medikation fehlt.

Brainin: Österreich ist für den Ersteinsatz der Polypille weniger gut geeignet, zumal wir ja ein gutes Gesundheitssystem haben. Allerdings muss man anführen, dass auch in Österreich solche Massenpräventionsmaßnahmen nicht existieren. Die viel beworbene Gesundenuntersuchung ist als Prävention weniger geeignet als vielmehr zur Frühdiagnostik (z. B. für Krebserkrankungen). Außerdem muss für den Einsatz die politische Ebene gewonnen werden, denn sie ist eine allgemeine Gesundheitsmaßnahme. Die Polypille ist für sogenannte Low Income Countries sehr gut geeignet, wir sind jetzt in Brasilien und Indien dazu aktiv. Damit diese „Pille‘‘ auch regelmäßig eingenommen wird, muss man Hintergrundwissen vermitteln. In diesem Bereich werden die Community Health Worker eingesetzt. Diese klären die Bevölkerung über die Wirkungen und eventuelle Nebenwirkungen auf und beraten über Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensstils. Eine in der Fachzeitschrift „The Lancet“ jüngst veröffentlichte Studie zum Einsatz der Polypille im Iran zeigt: Die Leute halten sich an die Einnahme der Polypille in 80 Prozent der Fälle, was einen sehr hohen Prozentsatz darstellt.

Die dritte Präventionsmaßnahme stellt die App Stroke Riskometer dar. Was kann diese?

Brainin: Diese App fungiert als ein Lifestyle Modifier. Es zeigt den Personen die prozentuale Wahrscheinlichkeit an, innerhalb der nächsten 10 Jahre an einem Schlaganfall zu versterben. Gleichzeitig sehe ich, was ich tun muss, um das Risiko zu verringern. Mit entsprechenden Gesundheitsmaßnahmen sehe ich genau, um wie viele Prozent ich mein Risiko verringern kann. Mittlerweile wurde die App in 17 Sprachen übersetzt. Da weltweit rund zwei Drittel der Erwachsenen ein Smartphone benutzen, erreichen wir mit dieser App viele Menschen. Unser Ziel ist es, selbst die kleinsten Dörfer mit unserer Botschaft zu erreichen.

Was müsste die Weltgesundheitsorganisation dazu tun?

Brainin: Derzeit führen wir Gespräche mit der WHO. Diese haben das Ziel, die Polypille auf die offizielle WHO-Liste der wichtigsten Medikamente zu setzen. Dies würde die Kosten und die Verfügbarkeit der Polypille weltweit wesentlich verbessern. Das ist zum Teil bereits gelungen.

Wie hoch stehen die Chancen, das Ziel einer 50-prozentigen Reduktion der Schlaganfälle weltweit in 20 Jahren erreicht zu haben?

Brainin: Ich halte dieses Ziel für realistisch. Natürlich weiß man nicht, wie sich die Verschmutzung und das Klima weiterentwickeln. Aber bei annähernd konstanten Bedingungen halte ich es für schaffbar. Alleine in den letzten 150 Jahren ist die Lebenserwartung von 50 auf 80 Jahre gestiegen. Dies ist unter anderem auf Impfungen und Hygienemaßnahmen zurückzuführen. Mittlerweile hat sich der Fokus von Infektionskrankheiten auf nicht übertragbare Krankheiten verschoben. Deswegen müssen wir alles tun, um diese Epidemie einzubremsen.


MICHAEL BRAININ

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c.mult. Michael Brainin leitet das Department für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin an der Donau-Universität Krems. Er war Mitbegründer des nationalen Stroke Unit Networks und von 2003 bis 2006 Gründungspräsident der Österreichischen Stroke Society. Von 2012 bis 2014 fungierte er als Präsident der Europäischen Stroke Organization. Zurzeit (2018 – 2020) ist er Präsident der World Stroke Organization. Zusätzlich organisiert er als Co-Vorsitz den ESO-WSO-2020-Kongress in Wien. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem die Ehrung „Marinescu Medal“ von der Rumänischen Society für Neurologie und den niederösterreichischen Würdigungspreis / Wissenschaftspreis (2017).

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