Einfache Botschaft, schwer zu verstehen

Prävention ist der Königsweg, um Schlaganfälle zu vermeiden. Doch mit welchen Mitteln erreicht die Botschaft vom gesunden Leben Risikopatienten und ­-patientinnen? Welche Wege geht die Medizin?

Von Cathren Landsgesell

Bluthochdruck, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Adipositas, Rauchen, Alkohol, Diabetes, Stress und Luftverschmutzung: Die wesentlichen Risikofaktoren für Schlaganfall sind bekannt und damit eigentlich auch die Schlüssel, um Schlaganfälle zu vermeiden. Ob jemand  einen Schlaganfall erleidet oder nicht, ist weitgehend vom Lebensstil abhängig und damit – in der Theorie – auch einfach zu behandeln. Genau dieser Aspekt macht es jedoch zugleich so schwierig, Präventionsmaßnahmen auch an die Frau bzw. den Mann zu bringen. „Die Crux ist es, überhaupt ein Bewusstsein für das große Risiko eines Schlaganfalls zu schaffen. Die meisten Menschen glauben, es betrifft sie nicht. Die Wahrheit ist, es betrifft alle Menschen“, berichtet Anita Wiseman. Sie leitet als PR-Spezialistin die Kampagnenarbeit und das Fundraising der World Stroke Organization (WSO). Die WSO ist überzeugt, dass sich die Zahl der Schlaganfälle auf die Hälfte reduzieren lässt: „Cut Stroke in Half“ ist das leitende Motto des entsprechenden Programms.

Nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Parkinson, Meningitis oder Gehirntumore weltweit die zweithäufigste Todesursache. 90 Prozent aller Schlaganfälle wären vermeidbar, wenn die Risikofaktoren rechtzeitig adäquat adressiert würden. Nur, wie erreicht diese Botschaft die Menschen? Bereits das Ziel der WSO, die Zahl der Schlaganfälle um die Hälfte zu reduzieren, ist ambitioniert. Welche Wege gehen also Organisationen wie die WSO? Ihre Kampagnen müssen global wirksam sein, um die Schlaganfall-Epidemie einzudämmen.

„Wir wollen mit unseren Kampagnen eine größtmögliche Anzahl von Menschen für das Thema Schlaganfall sensibilisieren und sie zugleich dazu motivieren, Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Wir setzen uns außerdem weltweit für eine Verbesserung der Erkennung und Behandlung von Schlaganfall ein. Unser drittes Ziel ist, Schlaganfall-Überlebende und ihre Netzwerke bestmöglich zu unterstützen, um das Leben nach einem Schlaganfall besser zu gestalten“, sagt Anita Wiseman.

„Cut Stroke in Half“ heißt das Programm der WSO, das durch die Kampagnen befördert werden soll. Das Programm ruht auf drei Säulen: auf der sogenannten Polypille, einer Kombinationsmedikation mit niedrigdosierten Inhaltsstoffen zur Senkung des Blutdrucks, Statinen und Aspirin; der Kompetenz-Stärkung des beteiligten Gesundheitspersonals sowie der weiteren Verbreitung der App Stroke Riskometer. „Die Kampagnenarbeit ist darauf ausgerichtet, die Ziele von ‚Cut Stroke in Half‘ durch Information und einen Community-zentrierten Ansatz zu stärken“, sagt Wiseman. Die Polypille soll, wenn die klinischen Studien abgeschlossen sind, in die WHO-Liste der essentiellen Medikamente aufgenommen werden, denn sie adressiert die unmittelbaren Risikofaktoren für einen Schlaganfall wie eben den Bluthochdruck.

Die Kompetenzen des Gesundheitspersonals sollen im Hinblick auf Schlaganfall-Wissen und Prävention gestärkt werden während die App Stroke Riskometer auf das Selbstmanagement potenziell Betroffener abzielt.

60 globale Organisationen engagieren sich in der WSO, darunter Patientenorganisationen genauso wie Ärzte- und Wissenschaftsverbände. In ihren Kampagnen adressiert der Verband die allgemeine Öffentlichkeit, Angehörige der Gesundheitsberufe, die Scientific Community und Vertretungen wie die WHO oder die Vereinten Nationen, wo es eine enge Zusammenarbeit gibt. Auch Regierungen, Schulen, Eltern und Angehörige sozialer Berufsgruppen sind Zielgruppen im Kampf gegen den Schlaganfall.

Der strategische Rahmen aller Kampagnen wird gemeinsam mit allen Mitgliedern der WSO entwickelt, die wiederum Maßnahmenschwerpunkte in ihren Ländern setzen. „‚Global denken, lokal handeln‘, das ist unser Weg, um in den Communities wirksam zu werden“, so Wiseman. Die WSO stellt für die lokalen Akteure „Toolkits“ zusammen – vom einfachen Poster angefangen bis hin zum fertigen Template für Facebook-Postings. Die Kampagne 2018/2019 steht unter dem Motto „Up Again after Stroke“. Die Schwierigkeit aus Sicht der Kommunikation: „Wir wollen Menschen ermutigen, auch nach einem Schlaganfall nicht aufzugeben. Zugleich dürfen wir die Schwere der Folgen nicht herunterspielen“, sagt Wiseman. Am 29. Oktober mündet das Kampagnenjahr in den „World Stroke Day“, für den zahlreiche Veranstaltungen geplant sind.

Anita Wiseman

„Die Crux ist es, überhaupt ein Bewusstsein für das große Risiko eines Schlaganfalls zu schaffen. Die meisten glauben, es betrifft sie nicht. Die Wahrheit ist, es betrifft alle Menschen.“

Anita Wiseman

Gießkannenprinzip vermeiden

Während es sinnvoll ist, Bewusstseinskampagnen in allen Bevölkerungsgruppen und -schichten durchzuführen, auch wenn diese nicht zu den Risikogruppen zählen, so sind Vorsorgeuntersuchungen dann am wirksamsten, wenn sie nicht nach dem Gießkannenprinzip vorgehen, sondern gezielt Risikogruppen ansprechen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Departments für Evidenzbasierte Medizin der Donau-Universität Krems unter der Leitung von Gerald Gartlehner zur Überarbeitung der Vorsorgeuntersuchung. In Österreich ist die Vorsorgeuntersuchung seit 1974 eine Kassenleistung und bereits ab dem 18. Lebensjahr vorgesehen. „Das große Problem ist, dass die Menschen, die mutmaßlich am meisten von einer Untersuchung profitieren würden, nicht hingehen“, sagt der Mediziner und Epidemiologe der Donau-Universität Krems, Gerald Gartlehner. „Es gehen die ‚besorgten Gesunden‘ zur Vorsorge. Das sind diejenigen, die ohnehin gesund leben, nicht rauchen, nicht exzessiv Alkohol trinken, Sport betreiben usw. Die Risikogruppen für Lebensstilerkrankungen erreicht man durch die Vorsorgeuntersuchung nicht.“ Entsprechend kommt das Forschungsteam auch zu dem Schluss, dass sich die Sterblichkeitsraten etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch bei Schlaganfall, durch eine Vorsorgeuntersuchung nicht reduzieren lassen. Ein Grund, diese Untersuchungen einzustellen, ist dies aus Sicht von Gartlehner aber nicht: „Die Vorsorgeuntersuchung hat andere wichtige Effekte. Es hat sich gezeigt, dass sie zum Beispiel dem Bedürfnis der Patienten nach Gespräch und Beratung entgegenkommt.“

Erfolgsfaktor Mensch

Ist das Gespräch vielleicht ein Weg, um doch noch diejenigen zu erreichen, denen ein gesunder Lebensstil nicht so leicht zugänglich ist? Wie Anita Wiseman sagt, „klingt Prävention vielleicht langweilig, ist aber von allen Maßnahmen am effektivsten“. Das gilt umso mehr für die sekundäre Prävention, wenn Menschen bereits einen Schlaganfall erlitten haben. Jeder fünfte Patient wird bereits ein zweites Mal heimgesucht.

Dieses zu verhindern, ist eines der Ziele von Stefan Kiechl. Der Neurologe forscht und lehrt an der Universität Innsbruck. Eigentlich, so meint Kiechl, sollte die Prävention eines erneuten Schlaganfalls kein so großes Problem sein, wie es das immer noch ist. Mit Verweis auf blutdruck- und cholesterinsenkende Medikamente sagt er: „Die Medizin hat so große Fortschritte gemacht, dass für fast alle Risikofaktoren ausgezeichnete Therapiemöglichkeiten vorhanden sind.“ Dennoch fehlt etwas Entscheidendes für einen durchschlagenden Erfolg: „Es braucht eine strukturierte langfristige Nachsorge.“

Ein Schlaganfall ist nicht nur ein akutes Ereignis, sondern auch eine chronische Erkrankung. Kiechl spricht von „chronischen Komponenten“. Das Bewusstsein dafür ist auch bei den Patienten selbst noch nicht sehr ausgeprägt. Die Folgen eines Schlaganfalls können sehr schwerwiegend sein und sich oft erst Wochen bis Monate nach dem Schlaganfall manifestieren. Kognitive Störungen, Epilepsie und Depressionen zählen dabei zu den häufigsten Folgeerkrankungen. Stefan Kiechl hat gemeinsam mit einem interdisziplinären Forschungsteam im Projekt Stroke Card untersucht, was Erfolgsfaktoren der Sekundärprävention sind oder vielmehr sein könnten. Denn eine strukturierte Nachsorge wie bei Krebs oder bei Herzinfarkt gibt es beim Schlaganfall nicht.

Stroke Card

In der Stroke-Card-Studie bekamen die Patienten eine personalisierte App für das selbstständige Monitoring ihrer Risikofaktoren. Neben diesem Feedback-Tool erhielten die Patienten eine umfangreiche multidisziplinäre strukturierte Nachsorge-Untersuchung, in die auch die Pflegekräfte der akuten Stroke Unit wie auch die Ärzte und Therapeuten involviert waren. „Diese ganz einfachen Maßnahmen, die wirklich nicht aufwändig und nicht teuer sind, haben sehr erfreuliche Ergebnisse gebracht“, sagt Kiechl. Die Studie befindet sich derzeit in Begutachtung. „Selbstermächtigung“, meint Kiechl, sei ein Geheimnis des Erfolges: „Durch das Tool und die Betreuung durch ein Team, das sie bereits kennen, sind die Patienten motiviert, ihr Leben eigenständig zu verändern und die Risikofaktoren selbst einzustellen. Der zweite Erfolgsfaktor ist, dass sich ein multidisziplinäres Team um die Patienten gekümmert hat. Das ist ein Konzept, das sich in der akuten Schlaganfallbetreuung bereits bewährt hat. Letztendlich geht es darum, möglichst früh Warnzeichen und Risiken zu erkennen. Das geht nur, wenn man miteinander spricht.“


ANITA WISEMAN
Anita Wiseman ist  Kommunikationsexpertin und zuständig für  globale Öffentlichkeitsarbeit,  Campaigning und Fundraising der World Stroke Organization (WSO).

STEFAN KIECHL
Univ.-Prof. Dr. Stefan Kiechl ist Professor für Neurologie mit Schwerpunkt Schlaganfallforschung an der Universität Innsbruck und leitet gemeinsam mit Johann Willeit die dortige Neurovaskuläre Arbeitsgruppe. Er ist der Präsident der Österreichischen Schlaganfall-Gesellschaft.

GERALD GARTLEHNER
Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH ist Epidemiologe und leitet das Department für  Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Universität Krems. Er ist Direktor von Cochrane Österreich sowie stellvertretender Direktor des Research Triangle Institute International – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA.

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