Hochschule und Familie

Ein positives Arbeitsumfeld fördert Motivation und Gesundheit von Mitarbeitenden. Organisationen bekommen aber weit mehr: Vorsprung im Wettlauf um Innovation und die besten Köpfe.

Von Roman Tronner

Vanessa, Mikrobiologin, blickt auf die Uhr. Seit fünf Stunden sitzt sie fast durchgehend im Labor. Nur noch eine Stunde bis 16 Uhr, dann müsste sie los, um ihre Kinder aus dem Hort abzuholen. Die Testreihe, an der die wissenschaftliche Mitarbeiterin einer biotechnologischen Forschungseinrichtung arbeitet, wird aber wohl noch gut zwei Stunden Aufsicht erfordern. Normalerweise würde der Stresspegel jetzt steigen. Aber die Forscherin weiß, ihr Ehemann, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor, wird bald aufbrechen, um den Nachwuchs nach Hause zu bringen.

Anhaltender Stress und negativ empfundenes Arbeitsumfeld führen bei Mitarbeitenden in Unternehmen und Organisationen nicht nur zu psychischen Problemen, sondern auch zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dennoch, so die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, ist die Hälfte der europäischen Arbeitnehmenden der Meinung, Stress sei im beruflichen Alltag üblich. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann hier Abhilfe leisten. Die Bereitschaft dazu variiert europaweit jedoch stark, wie aus einer UNICEF-Studie hervorgeht. Spitzenreiter bei der Familienfreundlichkeit von Organisationen ist Skandinavien, südeuropäische Länder und die Schweiz bilden die Schlusslichter. Mit Platz 11 liegt Österreich knapp im oberen Drittel. 

Vanessa ist in einer guten Situation. Ihre Forschungseinrichtung achtet auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In der Forschung eine Herausforderung. Dort hat sich für Frauenkarrieren das Bild der Leaky Pipeline etabliert. Bei Studienabschlüssen noch höher als jener der Männer, geht der Frauenanteil auf jeder Stufe der wissenschaftlichen Karriereleiter sowohl an Universitäten wie außeruniversitären Einrichtungen drastisch zurück: Laut aktuellem Gleichstellungsbericht des Wissenschaftsministeriums liegt in Europa der Frauenanteil unter  Graduierten bei 52 Prozent, bei Professuren bei 20 Prozent. In der Flexibilität erfordernden Forschung entscheiden sich Frauen häufig gegen den Beruf und zugunsten von Familie.

Forschung und Kinder

„Vereinbarkeit in der Forschung ist ein naturgemäß schwieriges Thema. Mehr Verständnis und Hilfsangebote können aber auch hier die Vereinbarkeit erleichtern. Es geht nicht an, dass zugunsten der Forschung auf Kinder verzichtet werden muss!“, sagt Edith Peter, Geschäftsführerin von KiBiS Work-Life Management GmbH, die Organisationen hilft, als Arbeitgeber attraktiver zu werden. Universitäten berät die Vereinbarkeitsexpertin im Rahmen der vom Wissenschaftsministerium getragenen Initiative hochschuleundfamilie. Das Hochschulaudit gibt es nur in Österreich und Deutschland, im Nachbarland seit 2001. Österreich zog 2010 nach, für das Wissenschaftsressort entwickelte Peter das Audit hochschuleundfamilie. Mittlerweile beteiligen sich daran 30 Universitäten und Fachhochschulen.

Auch für die Donau-Universität Krems hat sie das Audit hochschuleundfamilie durchgeführt. „Derzeit ist ein umfassender Maßnahmenplan in Umsetzung, der neun Bereiche umfasst, von der Unterstützung Studierender im Masterthesenprozess über familienbewusste Führungskultur bis hin zu Themen wie Telearbeit“, sagt Brigitte Hahn, Leiterin der Stabsstelle für Qualitätsmanagement und Lehrentwicklung an der Donau-Universität Krems. Für Führungskräfte wurden eigene Workshops eingeführt, so Hahn, um für das Thema zu sensibilisieren und die betriebswirtschaftlichen Effekte zu vermitteln. Eine wichtige Maßnahme, sind doch auf ganz Österreich bezogen nach wie vor Männer in Führungspositionen die Mehrheit, bei Geschäftsführungen sind es knapp 80 Prozent. Eine Hürde für das Verständnis der Relevanz von Vereinbarkeit? „Grundsätzlich ist zu beobachten, dass Führungskräfte mit eigener Betroffenheit, und das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen, ein größeres Verständnis mitbringen. Familienfreundlichkeit ist seit vielen Jahren in den Medien und so wird auch ganz allgemein eine deutlichere Offenheit spürbar“, sagt Edith Peter.

„Es geht nicht an, dass zugunsten der Forschung auf Kinder verzichtet werden muss!“

Edith Peter

Mehr Bewerbungen

Im Wettbewerb um die besten Köpfe ist Vereinbarkeit auch für Arbeitgeber, nicht nur in der Forschung, immer wichtiger. Wie das deutsche Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik in einer aktuellen Studie erhoben hat, steht Vereinbarkeit bei Arbeitssuchenden auf Platz zwei der wichtigsten Kriterien. Familienfreundliche Unternehmen erhalten zehn Prozent mehr Bewerbungen für wichtige Positionen und haben damit die bessere Auswahl. Krankenstände und Selbstkündigung der Mitarbeitenden familienfreundlicher Organisationen sind ebenso deutlich seltener, die Verbundenheit ist höher und die Gefahr, Mitarbeiter mit geringerem als dem geforderten Qualifikationsprofil einstellen zu müssen, kleiner. Die Wirtschaftskammer Österreich spricht von einer „Vereinbarkeitsrendite“ von 25 Prozent auf getätigte Investitionen in entsprechende Maßnahmen.
 

Familienfreundliche Organisationen
 

Zeit und Flexibilität

Von allen Maßnahmen, so die Erfahrung aus den Audits mit Hochschulen, bilden die beiden Faktoren Zeit und Flexibilität die zentralen Hebel, um Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen. Denn gerade die Betreuung von Kindern erfordert Arbeitszeiten, die mit den Öffnungszeiten von Kindergarten bzw. dem Schul- und Hortbetrieb in Einklang stehen. Die Donau-Universität Krems bietet beispielsweise Mitarbeitenden mit Campus Kids einen Kindergarten. Seine Öffnungszeit wurde auf die Kernzeit abgestimmt. Wie eine Befragung ergeben habe, so Brigitte Hahn von der Donau-Universität Krems, sind Eltern hochzufrieden mit dem Angebot.

Faktor Gesundheit

Zu einem guten Arbeitsumfeld gehört aber noch mehr, als Berufs- und Familienleben in Balance zu bringen. Auch der Faktor Gesundheit gewinnt an Bedeutung. Peter: „Gesundheit und Employability ist ein eigenes Handlungsfeld und wird von Unternehmen als Beratungsgegenstand oft gewählt.“ Betriebliche Gesundheitsförderung wird in Österreich von den Sozial- und Krankenversicherungen im eigenen Interesse gefördert: So schätzt eine Studie von IHS und ESCE die volkswirtschaftlichen Einspareffekte auf bis zu 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei flächendeckender Gesundheitsförderung in Form vermiedener Krankenstandskosten oder durch weniger Neuzugänge zur Erwerbsunfähigkeitspension. Reaktionen aus sich beteiligenden Unternehmen zeigen, dass die Effekte in höherer Mitarbeitermotivation und besserem Arbeitsklima liegen. Eine Kombination von verhaltens- und verhältnisorientierten Maßnahmen zeigt die beste Wirkung auf den Erhalt der Arbeitsfähigkeit, so das Netzwerk Betriebliche Gesundheitsförderung. Das sind zum einen zum Beispiel Ernährungsworkshops oder Sportangebote, zum anderen Maßnahmen für gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen. „Die Rückmeldungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeigen, dass gesetzte Maßnahmen wirken. Besonders geschätzt und gut besucht ist das tägliche Angebot des Campus Sport, das aus Bewegungs- und Entspannungseinheiten besteht und flexibel in den Büroalltag eingebaut werden kann“, sagt Elvira Autherith, an der Donau-Universität Krems Leiterin der Dienstleistungseinheit Personal und verantwortlich u. a. für die betriebliche Gesundheitsförderung. Ebenfalls sehr positives Feedback, so Autherith, gebe es zum arbeitspsychologischen Einzelcoaching, zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung und zur Telearbeit vor allem bei pendelnden Mitarbeitenden, da diese als stressreduzierend empfunden werde. Aktiv gefördert und gut angenommen wird auch die Möglichkeit der Wiedereingliederungsteilzeit nach längerem Krankenstand, die auch von der Arbeitsmedizinerin begleitet wird.

Die Donau-Universität Krems, sie führt auch seit 2018 das Gütesiegel betriebliche Gesundheitsförderung, hat ihr Konzept auf den drei Säulen Organisationskultur, mentale Fitness und Körperbewusstsein aufgesetzt, zu letzter Säule gehören Ernährung und Bewegung.

Vanessa beendet gegen 18 Uhr ihre Arbeit und geht in die vom Unternehmen organisierte Yogastunde. Mit hoher Wahrscheinlichkeit befindet sich ihr Forschungslabor in Skandinavien. Die Länder im Norden Europas sind nicht nur führend beim Thema Vereinbarkeit, sie zählen auch regelmäßig als Innovation-Leader zu den Siegern im Europäischen Innovation-Scoreboard. Der Zusammenhang ist nicht auszuschließen.


BRIGITTE HAHN
Mag. Dr. Brigitte Hahn, MAS ist Leiterin der Stabsstelle für Qualitätsmanagement und Lehrentwicklung an der Donau-Universität Krems. Hahn studierte Botanik/Zoologie, Biologie und Erdwissenschaften/Lehramt und absolvierte ein Weiterbildungsstudium in Total Quality Management und Business Excellence.

EDITH PETER
Edith Peter ist Geschäftsführerin der KiBiS Work- Life Management GmbH. Die Expertin für Vereinbarkeit von Beruf und Familie entwickelte für das Wissenschaftsministerium das Audit hochschuleundfamilie

ELVIRA AUTHERITH
Mag. Dr. Elvira Autherith, LL.M. ist Leiterin der Dienstleistungseinheit Personal der Donau-Universität Krems. Die Juristin ist u.a. für die Umsetzung der betrieblichen Gesundheitsförderung zuständig und seitens der Personalabteilung an der Umsetzung der Vereinbarkeitsmaßnahmen Beruf und Familie beteiligt.

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