Fundament für komplexe Zeiten

Was wissenschaftliche Weiterbildung ausmacht, welche Akzente Forschung und Lehre setzen werden und warum die Donau-Universität Krems gut gerüstet ist für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Die Vizerektorin für Forschung sowie der Vizerektor für Lehre/Wissenschaftliche Weiterbildung im Gespräch.

Interview: Roman Tronner

upgrade: Die Donau-Universität Krems ist die öffentliche Universität für Weiterbildung. Wie unterscheidet sie sich von anderen Universitäten?
Viktoria Weber: In Struktur und Organisation unterscheidet sich die Donau-Universität Krems nicht von anderen öffentlichen Universitäten. Der entscheidende Unterschied ist ihr Fokus auf wissenschaftliche, lebensbegleitende Weiterbildung. Ihre Studierenden stehen in der Regel im Berufsleben und weisen langjährige Berufserfahrung auf. Die Forschung an der Universität profitiert von der praktischen Erfahrung der Studierenden ebenso wie von jener der Vortragenden, die aus dem öffentlichen Bereich sowie aus Unternehmen oder NGOs kommen. Aspekte aus der Lehre fließen in vorhandene Forschung ein, Fragestellungen aus der Lehre münden in neue Projekte der Forschung.
Thomas Ratka: Wie von Kollegin Weber skizziert, gibt es an der Donau-Universität Krems einen besonders intensiven Wissens- und Kompetenztransfer zwischen den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Vortragenden und den Studierenden. Es gibt aber noch einen bedeutenden Unterschied, auf den ich als Vizerektor für Lehre und wissenschaftliche Weiterbildung verweisen möchte: Das gute Betreuungsverhältnis. Wie eine jüngste Studie des Instituts für Höhere Studien zeigt, beträgt der Median der Studierendenzahl pro Lehrgang in der wissenschaftlichen Weiterbildung in Österreich 17, an der Donau-Universität Krems 12. Ein sehr guter Wert also, vor allem auch im Vergleich zu Grundstudien. Eine weitere Besonderheit unserer Universität ist die Organisation der Lehre: Mit innovativen Blended-Learning- Formaten, also der Kombination von Präsenz- und Online-Lehre, unterstützt die Donau-Universität Krems berufsbegleitendes Studieren. Sie weist daher eine hohe Vereinbarkeit von Beruf, Studium und Familie auf.

„Innovative Blended-­Learning Formate sind eine Stärke der Donau­-Universität Krems.“

Thomas Ratka

Sie betonen wissenschaftliche Weiterbildung. Wie unterscheidet sich diese von Weiterbildung generell?
Ratka: Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu allgemeiner Weiterbildung ist: Wissenschaftliche Weiterbildung erfolgt unter hohen Qualitätsmaßstäben, zu denen öffentliche Universitäten und Wissenschaft generell verpflichtet sind. Weiterbildung erfolgt erkenntnisgeleitet und evidenzbasiert, weil die Lehre auf Forschung basiert. An der Donau-Universität Krems – als Universität für Weiterbildung – ist sie zudem sehr stark an den gesellschaftlichen Herausforderungen orientiert. Eine Stärke von uns ist, Studien zur Bewältigung dieser zu entwickeln.
Weber: Wissenschaftliche Weiterbildung verbindet Lehre und Forschung. Sie ist forschungsgeleitet, orientiert sich an Erkenntnis und neuem Wissen, und muss keine kommerziellen Interessen im Blick behalten. Wissenschaftliche Weiterbildung ist somit nicht auf reine Wissensvermittlung reduziert.

In der Weiterbildung ist oft Lösungsorientierung und Anwendbarkeit gefragt. Forschung führt nicht immer sofort zu neuer Erkenntnis. Wie gehen Sie damit um?
Ratka: Die Donau-Universität Krems vermittelt in der Lehre Wissen mit gesellschaftlicher Relevanz. Daneben lehrt wissenschaftliche Weiterbildung Methoden, mit Ungewissheit und Komplexität umzugehen, um dabei auch neue und bis dato unbekannte Fragestellungen zu lösen. Das 21. Jahrhundert weist große Ungewissheiten auf, das zeigt sich nicht nur in der aktuellen Covid-19-Pandemie. Die klassischen Ansätze der Wissensvermittlung des 20. Jahrhunderts reichen nicht aus, um mit den dynamischen Entwicklungen Schritt zu halten.
Weber: Als Forscherin sage ich: Es ist das Wesen der Forschung und des wissenschaftlichen Arbeitens, mit Ungewissheit zurechtzukommen. Die komplexen Fragen der Gegenwart bergen ein hohes Maß an Ungewissheit, doch auf der Basis fundierten Wissens kann man sich auf unbekanntes Terrain begeben. Gerade die Wissenschaft bietet einem den sicheren Boden, von dem aus man sich ins Unbekannte vorwagen kann. Zur Bewältigung komplexer Fragen benötigt man beides, das Fundament sicheren Wissens und den Mut zur Auseinandersetzung mit dem Ungewissen.

„Wissenschaftliche Weiterbildung ist forschungsbasiert und dadurch mit besonderer Qualität verbunden.“

Viktoria Weber

In Bildungsfragen werden vermehrt „Micro-Credentials“, kürzere Formate  und dergleichen diskutiert. Wie ist Ihre Haltung zu diesem Thema?
Ratka: Die Donau-Universität Krems führt bereits Kurzprogramme wie Certified Programs oder Seminare durch. Wir wollen diese Kurzprogramme auch weiterentwickeln. Früher hieß es, man habe mit einem bestimmten Alter ausgelernt. Für die Zukunft sehe ich den Bedarf nach Zusatzqualifikation alle drei bis fünf Jahre. Dafür brauchen wir vermehrt Kurzprogramme, mit denen Wissen vertieft und erneuert wird. Auf OECD-Ebene ist ein Meinungsbildungsprozess zu universitären Micro-Credentials im Gange. Sich Studien dadurch vermehrt individuell zusammenzustellen, könnte eine zukunftsweisende Herangehensweise sein.
Weber: Wir sehen in allen Bereichen, dass sich die beruflichen Rahmenbedingungen rasch ändern. Es braucht daher auch kürzere Formate, in denen man sich mit Inhalten jedoch vertiefend auseinandersetzen kann. Die fachlichen Vertiefungsmodule, die wir im Rahmen der MBAs durchführen, sind beispielsweise stark nachgefragt. Sie ermöglichen auch ein individuelles Zusammenstellen der Lehrinhalte. Die Bezeichnung „Micro“ halte ich in diesem Zusammenhang aber für missverständlich, denn es geht nicht um möglichst kleine, sondern immer um wissenschaftlich fundierte Inhalte.

Die Donau-Universität Krems hat mittlerweile 25 Jahre Erfahrung in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Ihr Anspruch ist höchste Qualität. Wie sichert sie diese?
Weber: Qualität und Forschung sind untrennbar verbunden, die Donau-Universität Krems richtet sich an internationalen Maßstäben der Scientific Community aus. Das beginnt bei der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Rahmen unserer PhD-Studien. Bei der Entwicklung und Umsetzung dieser Studien, die durch die Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria (AQ Austria) akkreditiert sind, haben wir uns vom Beginn weg an den Salzburger Prinzipien bzw. den EU-Prinzipien für Innovative Doktoratsstudien orientiert. Die hohe Qualität der Forschung ist die Basis für Kooperationen auf nationaler oder internationaler Ebene, beispielsweise in EU-Forschungsprogrammen. Qualität der Forschung definiert sich daher auch durch ihre Organisation und die verfügbare Infrastruktur.
Ratka: Für den Bereich der Lehre möchte ich darüber hinaus auf die zahlreichen internationalen Akkreditierungen einzelner Universitätslehrgänge hinweisen. Lehrgänge werden standardmäßig auch durch unser eigenes Qualitätsmanagement evaluiert. Die Ergebnisse fließen in die Planung ein. Darüber hinaus sichern die wissenschaftlichen Beiräte der Lehrgänge die Qualität und das Feedback aus der Praxis. Die hohe Qualität der Lehre wird auch durch die Absolventinnen und Absolventen bestätigt: Laut Alumni-Studie beurteilen rund 80 Prozent die Donau-Universität als gut oder sehr gut.

Die Donau-Universität Krems hat den Ansatz, Lehre und Forschung transdisziplinär durchzuführen. Wie sieht das konkret in der Praxis aus?
Weber: Unter Transdisziplinarität verstehen wir die Verbindung von Grundlage und Anwendung unter Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen. Transdisziplinarität schließt immer auch Wissen von außerhalb des akademischen Sektors mit ein – auf  diese Weise holen wir relevante gesellschaftliche Fragestellungen in die Forschung.
Ratka: Transdisziplinarität umfasst die Verbindung von Disziplinen, Denkweisen und Institutionen. Es geht um ein Hineinfühlen in die Lösungsansätze, Arbeitsweise und Begriffswelt der jeweils anderen. So können komplexe Fragestellungen besser gelöst werden. Studierende kommen unter anderem deswegen an die Donau-Universität Krems, weil sie andere Blickwinkel kennenlernen und vom Austausch profitieren möchten, ebenso wie die Lehrenden selbst. Der Austausch passiert aber nicht nur in der Lehre. Zahlreiche Konferenzen und Public-Outreach-Aktivitäten tragen ebenso zum Transfer bei.

Die Donau-Universität Krems arbeitet an der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen. Wie wird dies in Lehre und Forschung umgesetzt?
Weber: Die Universität greift in ihren vier gesamtuniversitären Forschungsschwerpunkten komplexe Fragestellungen von hoher gesellschaftlicher Relevanz auf: Denken wir an Themen in Zusammenhang mit der demographischen Entwicklung und der alternden Gesellschaft im Schwerpunkt  „Regenerative Medizin“, an Fragen der Migration, des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Europa oder des digitalen Wandels im Schwerpunkt „Kohäsive und innovative Gesellschaften“, an das Spannungsfeld des Bewahrens und der Erneuerung im Schwerpunkt „Kulturelles Erbe“ oder an die Zukunft der Bildung erwachsener Lernender im Schwerpunkt „Weiterbildungsforschung“.
Ratka: Wie eben genannt verfolgt die Universität auf mehreren Ebenen gesellschaftliche Fragestellungen und Herausforderungen, die dann in die Entwicklung neuer Studienprogramme einfließen. Unser Studienangebot zeichnet sich durch hohe Relevanz und Innovation aus.

 

Vizerektoren Weber Ratka


Welche Akzente sollen in den kommenden Jahren in der Forschung gesetzt werden?
Weber: Bei der Weiterentwicklung unserer Forschungsschwerpunkte geht es um Kontinuität. Forschung gibt nicht immer schnelle Antworten – im Gegenteil, sie braucht Geduld. Es ist daher unser Ziel, unsere gesamtuniversitären Schwerpunkte über die Zeit weiterzuentwickeln und auszubauen.
Unsere PhD-Studien unterstützen die Profilbildung und die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Alle PhD-Studierenden sind als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in drittmittelgeförderten Forschungsprojekten tätig. Es ist unser Ziel, in jedem unserer Forschungsschwerpunkte zumindest ein akkreditiertes PhD-Studium zu etablieren.
Weitere Akzente wollen wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern durch starkes Engagement in europäischen Projekten setzen. Dies erfordert die laufende Weiterentwicklung unserer Infrastruktur, zum Beispiel im Bereich der Laborausstattung oder des Forschungsdaten-Managements. Hier gibt es unter anderem mit der 2018 eröffneten Core Facility am Campus Krems ausgezeichnete Voraussetzungen. All diese Faktoren tragen dazu bei, hochqualifizierte Personen an die Universität zu bringen – und ihnen hier ein inspirierendes Arbeitsumfeld und ausgezeichnete Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten.

Was wird die Zukunft für die Lehre bringen?
Ratka: Innovative Blended-Learning-Formate, also die Kombination von Präsenzphasen mit E-Learning, mit denen wir berufsbegleitendes Studieren unterstützen, sind eine Stärke der Donau-Universität Krems. An diesen wollen wir nicht nur festhalten, sondern sie proaktiv gestalten. Die Zeit, die die Studierenden am Campus verbringen, ist Qualitätszeit. Präsenzlehre bleibt daher wichtig und wesentlicher Bestandteil, gleichzeitig werden wir auch weiterhin auf innovative digitale Formate setzen. Ein weiterer Punkt liegt in der Personalisierung der Lehre. Daher werden wir das Augenmerk auf die weitere Modularisierung und Individualisierbarkeit der Curricula legen. Wir werden uns auch für die Schaffung universitätsübergreifender Lehrgänge einsetzen. In puncto Internationalität verfügt die Donau-Universität Krems durch ihre Joint-Master-Degrees wie etwa die Erasmus-Mundus-Programme über große Kompetenz. Unterstützt werden wir dabei von unseren wissenschaftlichen Beiräten.

Die Donau-Universität Krems hat sehr rasch auf Online-Betrieb infolge der Covid-19-Pandemie umgestellt. Welche Lehren können daraus mitgenommen werden?
Ratka: Online-Lehre ist für die Donau-Universität Krems kein Neuland, sondern langjährige Erfahrung. Der Covid-19-bedingte Wechsel zur Online-Lehre erfolgte in wenigen Tagen. Die Umstellung wurde auch durch die Studierenden sehr gut aufgenommen. Wir werden im Herbst im Dualmodus bzw. Hybridmodus fortfahren. Lehrveranstaltungen sollen zusätzlich auch online verfügbar sein, um mehr Flexibilität zu gewährleisten. Die Donau-Universität Krems ist hierfür sowie auch mittelfristig sehr gut gerüstet. Darüber hinaus profitiert die Lehre sehr von unserem gesamtuniversitären Forschungsschwerpunkt „Weiterbildungsforschung“. Wir sitzen quasi an der Quelle, um weiterhin die beste Kombination von Präsenzphase sowie E-Learning durchführen zu können.

Abschließend, welche Rolle wird Weiterbildung in 25 Jahren spielen?
Weber: In einer Zeit des raschen Wandels wird Weiterbildung und lebensbegleitendes Lernen vom Stellenwert her künftig das tragende Konzept in Bildungsfragen sein. Der Wert von Wissenschaft und wissenschaftlicher Weiterbildung für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft kann meiner Ansicht nach gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Ratka: Auf die Lebensspanne gesehen werden Menschen deutlich mehr Zeit in Weiterbildung verbringen als heute. Ich würde sogar weitergehen und sagen: Das System universitärer Weiterbildung durch öffentliche Universitäten wird in der Bildungslandschaft einen zentralen Stellenwert einnehmen. Denn wenn sich Erwerbstätige nicht laufend weiterbilden, verliert eine Volkswirtschaft an Wettbewerbsfähigkeit. Da muss der Staat investieren und Ressourcen freisetzen, nicht nur wie heute in das Grundstudium. Das Nachdenken über die Finanzierung von wissenschaftlicher Weiterbildung wird dann längst abgeschlossen sein. Die Finanzierung wird, da bin ich sicher, 2050 jedenfalls als staatliche Aufgabe gesehen werden und das universitäre System dementsprechend ausgestaltet sein.


Univ.-Prof. Dr. Dr. Thomas Ratka, LL.M. ist Vizerektor für Lehre/Wissenschaftliche Weiterbildung der Donau-Universität Krems. Er leitet das Department für Rechtswissenschaften und Internationale Beziehungen und hält die Professur für Europarecht und Medizinrecht.

 

Univ.-Prof. Dr. Viktoria Weber ist Vizerektorin für Forschung der Donau-Universität Krems. Sie hält eine Professur für angewandte Biochemie und leitet das Department für Biomedizinische Forschung.

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