Mehrwert durch Verschränkung

Die Online-Lehre hat große Vorzüge und erlaubt Flexibilität für Lehrende und Lernende. Aber erst die Kombination mit der Präsenzlehre bringt zufriedenstellende Effekte der Weiterbildung. Die Lösung heißt Blended Learning.

Von Cathren Landsgesell

Blended Learning, die Kombination aus Präsenz- und Online-Lehre, ist ein wesentliches Element der Donau-Universität Krems. Angetreten ist die Universität, akademische Weiterbildung für erwachsene Lernende und damit in der Regel berufsbegleitend durchzuführen. Die Möglichkeit, Online- und Präsenzzeiten zu kombinieren, macht für viele berufstätige Studierende ein Studium erst vorstellbar. Für die Donau-Universität Krems ist Blended Learning aufgrund der erfolgreichen Praxis zur Selbstverständlichkeit geworden. So selbstverständlich, dass es fruchtbringend ist, sich immer wieder die Bedingungen für den Erfolg bewusst zu machen. „Die Covid-19-Krise ist eine gute Gelegenheit, die grundlegenden Fragen zu stellen. Zum Beispiel die, was ‚Präsenz‘ eigentlich bedeutet“, sagt Monika Kil. Monika Kil ist Universitätsprofessorin für Weiterbildungsforschung und Bildungsmanagement an der Donau-Universität Krems. Die Meta-Ebene gehört in gewisser Weise zu ihrer Profession.

Der monatelange Online-Betrieb infolge der Sars-CoV-2-Pandemie erfolgte nahezu reibungslos: Lehrveranstaltungen, die am Campus stattgefunden hätten, wurden in den virtuellen Raum verlegt, es gab keine größeren technischen Probleme. Lehrende und Studierende sind sehr gut vertraut damit, über die Distanz zu lehren und zu lernen. Aus Sicht des Departments für Weiterbildungsforschung und Bildungstechnologien der Donau-Universität Krems ist die jetzige Situation eine Chance, Erkenntnisse der Weiterbildungsforschung noch stärker als bisher in der Gesellschaft wirken zu lassen und so ihr hohes Niveau weiterzuentwickeln: „Die Donau-Universität ist vor dem Hintergrund ihrer reichen Erfahrung in der Weiterbildung in einer vorteilhaften Lage, sie kann und muss begleitend erforschen, was Digitalität in Forschung und Lehre konkret bedeutet, wenn sie nicht nur punktuell, sondern – wie zu erwarten ist – in breitem Ausmaß eingesetzt wird“, sagt Monika Kil.

Mit dem Ansatz des Blended Learning verfügt die Donau-Universität Krems über einen zukunftsgerichteten Ansatz. Auch wegen technischer Beschränkungen war es zum Zeitpunkt ihrer Gründung 1995 im Bereich der akademischen Weiterbildung noch nicht üblich, einen Teil des Studiums über die Distanz zu ermöglichen. Seither haben sich die technischen Bedingungen sukzessive so weit verbessert, dass heute synchrone, also für alle Teilnehmenden zeitgleiche Online-Lehrveranstaltungen wie etwa Webinare, Flipped Classrooms oder andere neue Formate möglich sind.

Vom Wesen her aufrecht

„Die Donau-Universität Krems hat viele Entwicklungen aktiv mitgestaltet“, sagt Stefan Oppl, Leiter des Departments für Weiterbildungsforschung und Bildungstechnologien. Bemerkenswert aus Oppls Sicht ist nicht so sehr die Leichtigkeit, mit der die Universität für Weiterbildung während des Corona-bedingten Lockdowns auf die reine Online-Lehre umstellte, sondern dass sie das Konzept des Blended Learning seinem Wesen nach aufrechterhalten konnte, indem zeitversetzte und zeitgleiche Lehr- und Lernphasen wie zuvor verschränkt wurden. „Wir haben die synchronen Online-Anteile manchmal als ‚Präsenzersatzphasen‘ bezeichnet“, berichtet Oppl. Dabei impliziert die Wortschöpfung Präsenzersatzphase, dass kein Unterschied zwischen Online- Lehre und echter Präsenzlehre existiere. „Online-Lehre ist aber kein Ersatz für Präsenzlehre, sondern erfordert neue didaktische Konzepte, die die technologischen Möglichkeiten auch ausschöpfen können“, sagt Oppl.

Die Donau-Universität Krems hat die digitale Transformation der Lehre, die jetzt so schlagartig an Fahrt aufgenommen hat, immer schon mitgeprägt. Lebensbegleitendes Lernen und akademische Weiterbildung für berufstätige Menschen sind wichtige Pfeiler einer digitalen Wissensgesellschaft. Für den Chief Digital Officer der Donau- Universität Krems, Peter Parycek, ist es daher jetzt an der Zeit, zu fragen, was die „massive Verschiebung infolge der Digitalisierung“ für die Arbeitswelt, aber auch für die Universitäten selbst bedeutet. Der Universitätsprofessor für E-Governance leitet das Department für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung. Die Funktion Chief Digital Officer übernahm er just mit Januar 2020, kurz vor dem Ausbruch der Covid-19-Krise.

„Präsenz fördert den Respekt vor wissenschaftlichem Wissen, auch seinen Mühen und seiner Divergenz.“

Monika Kil

Die vergangenen 25 Jahre haben den Aufstieg der Wissensvermittlung via Plattformen wie beispielsweise YouTube oder Khan Academy gesehen, erklärt Parycek, und ebenso die Konzentration von enormen Forschungsaufwendungen für Künstliche Intelligenz durch eine geringe Anzahl von Unternehmen. Diese beiden Trends zur Plattformlehre und zur damit verbundenen verstärkten Forschung durch Unternehmen stellen auch die Rolle von Universitäten in Frage. „Wir müssen uns damit auseinandersetzen, was die Einheit von Forschung und Lehre im digitalen Zeitalter für eine Weiterbildungsuniversität bedeutet“, fordert Parycek.

Ambivalenz der Digitalisierung

Zur Zeit der Gründung der Donau-Universität Krems war noch nicht abzusehen, mit welcher Wucht die Digitalisierung alle Lebensbereiche 25 Jahre später durchströmen würde. Digitale Technologien gelten heute als ambivalent – ermöglichend und beschränkend zugleich. „Faustisch“, rastlos nach dem Höchsten strebend, nennt es Monika Kil. Gegen den Schwindel, der sich mit der technologischen Entwicklung einstellt, hilft nur Selbstreflexion. „Die Digitalität muss sich in den Dienst der Pädagogik stellen. Wir als Bildungsforscher sind es, die die Qualität festlegen und Anforderungen formulieren müssen“, sagt Kil. Sie arbeitet an einer empirischen Bildungsforschung, die den Blick nicht nur auf die Wirkungen der digitalisierten Lehre richtet, sondern auch auf ihre „unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen“.

Mögliche unerwünschte Nebenwirkungen, wie etwa technologische Exklusion oder der Verlust von menschlicher Nähe, von unmittelbarer Rückkopplung und Resonanz, gibt es aus ihrer Sicht viele. Angefangen vom Halten eines Stifts hat Lernen physiologische Grundlagen, die eine noch so gute Technik nicht ersetzen kann oder soll. „Lernen ist bis in die neuronalen Verbindungen hinein ein körperlicher, durch Bewegung und sozialen Austausch vermittelter Prozess“, sagt sie. „Erst durch diese körperliche Komponente werden die kognitiven Reserven geschaffen, die man im ganzen Leben braucht.“ Distanz und Präsenz sind daher aus ihrer Sicht gleichermaßen wichtig, um zu nachhaltigen Lerneffekten zu kommen. „Das ist ja die große Stärke eben des Blended Learning, beides zu vereinen“, so Kil.

Zeitgleich ist besser. Aber nicht immer.

Aus verschiedenen Studien ist bekannt, dass es dem Erfolg zuträglich ist, wenn Online-Lernen synchrone und interaktive Elemente enthält. „Mitunter sind ganz banale Dinge entscheidend“, sagt Andreas Gegenfurtner. Er ist Professor für Psychologie an der Universität Passau. Sein Schwerpunkt sind digitale Medien in der Lehre und im Lernen. Die Aufmerksamkeit von Teilnehmenden an einem Webinar beispielsweise ist wesentlich besser, wenn nicht nur die Lehrenden, sondern auch sie selbst ihre Laptop-Kamera eingeschaltet haben. „Wenn man weiß, man wird beobachtet, sind die Hemmungen, etwas anderes nebenbei zu tun, wesentlich größer“, sagt Gegenfurtner. Ablenkung, Rückzug und fehlender sozialer Austausch nagen demgegenüber tendenziell an dem notwendigen Maß an Selbstmotivation und Eigenverantwortung, das man braucht, um auch auf Distanz erfolgreich zu lernen. Die Arbeit in Kleingruppen, die auch mit Videokonferenztechnologie inzwischen problemlos möglich ist, kann entscheidened dazu beitragen, die Motivation zu erhöhen.

„Online-Lehre ist kein Ersatz für Präsenzlehre, sie erfordert neue didaktische Konzepte.“

Stefan Oppl

Gegenfurtner hat allerdings in einer Studie festgestellt, dass unter bestimmten Bedingungen das Gegenteil der Fall sein kann: Eine Gruppe von ausgebildeten PädagogInnen war wesentlich zufriedener mit einem asynchronen Online-Modul als mit den synchronen Elementen ihrer Weiterbildung. Gegenfurtner vermutet, dass dieses auch für ihn überraschende Ergebnis damit zu tun hat, dass zeitliche Flexibilität für diese Gruppe besonders wichtig war, sie aber zugleich auch noch nicht so übersättigt war mit Online-Angeboten. „Das wäre dann auch ein Novelty-Effekt, der aber recht schnell abklingt, wenn man sich an das neue Medium gewöhnt hat“, sagt Gegenfurtner. Der Neuheitseffekt im Zusammenhang mit der menschlichen Leistungsfähigkeit ist die Tendenz, dass sich die Leistung bei der Einführung neuer Technologien bloß als Reaktion auf das gestiegene Interesse an der neuen Technologie zunächst verbessert, jedoch nicht durch Lernen. Gegenfurtners Conclusio aus diesem Forschungsprojekt ist einmal mehr, dass es kein Patentrezept für erfolgreiche Online- Angebote gibt. „Daher ist Online- Lehre keine technische, sondern eine didaktische Herausforderung.“

„Mitunter sind für den Erfolg des Online-Lernens ganz banale Dinge entscheidend wie das Einschalten der Laptop-Kamera durch die Teilnehmenden.“

Andreas Gegenfurtner

Dass synchron immer besser ist, stimmt also auch nicht. Manchen Lernenden kommt es zeitweise unter bestimmten Umständen entgegen, einmal nicht synchron und interaktiv zu lernen. „Als Universität für Weiterbildung müssen wir hinterfragen, welche Kompetenzen und welche Inhalte wir mit welchen Lehrformaten am besten vermitteln können“, sagt auch Peter Parycek.

Zwei Arten der „Präsenz“

Dabei müsse Präsenz, so Parycek, neu gedacht werden. „Zukünftiger Präsenzunterricht wird sich über Zeit-Synchronizität definieren und nicht über den gemeinsamen Ort.“ Eine mögliche Entwicklung sei daher eine weitere Reduzierung von Momenten der Begegnung, die zur selben Zeit und am selben Ort stattfinden, wie etwa Seminare, Besprechungen oder Konferenzen. Daher müsste gerade die Universität für Weiterbildung hinterfragen, welche Kompetenzen und welche Inhalte wir mit welchen Lehrformaten am besten vermitteln können.

„Es stellt sich besonders die Frage, wie die tatsächlichen Begegnungen am Campus zu ganzheitlichen, unvergesslichen Lernerfahrungen werden können. Die Präsenzmodule von heute werden zukünftig vielleicht besonders die sozialen Kompetenzen stärken, Austausch und Kreativität zwischen den Studierenden fördern, das wechselseitige und handlungsorientierte Lernen noch stärker in den Mittelpunkt rücken und sich aus den Seminarräumen hinaus in die Region verlagern. Auch bei Online-Modulen wird der Anteil der synchronen, interaktiven Anteile größer werden“, skizziert er die möglichen Lernwelten von morgen.

Für Peter Parycek, der auch im Digitalrat der deutschen Bundesregierung sitzt, sind die Herausforderungen der Digitalisierung für das Blended Learning denn auch nicht technischer Natur: „Es ist vor allem eine didaktische Frage. Man muss sich überlegen, was man warum synchron gestalten will, was zeitunabhängig zur Verfügung gestellt werden kann, was man virtuell organisiert und was man vielleicht hybrid anbietet. Ziel muss es vor allem sein, dass ein Mehrwert für Studierende entsteht und Lernen durch Austausch mit Lehrenden und anderen Studierenden sowie Inhalten unter Einbeziehung aller örtlichen und zeitlichen Dimensionen ermöglicht wird.“

Selbstbestimmt Schwerpunkte setzen

Stefan Oppl ist entschlossen, diese didaktische Herausforderung zu nutzen, um die Lehre noch mehr an die individuellen Bedürfnisse der Studierenden anzupassen. Für die Mehrzahl der rund 8.000 Studierenden an der Donau-Universität Krems ist das Studium bereits die zweite akademische Ausbildung, beinahe alle stehen im Berufsleben. „Ich sehe die Möglichkeit, Module so zu gestalten, dass wir der Heterogenität der Studierenden noch besser gerecht werden“, meint Oppl. „Etwa, indem wir physische Anwesenheit genauso ermöglichen wie die synchrone virtuelle Teilnahme an bestimmten Teilen von Modulen. Wir werden in naher Zukunft ohnedies vor der Frage stehen, wie wir die vorhandenen Räume optimal nützen, um unter anderem den Maßnahmen in Verbindung mit der Sars-CoV-2-Pandemie gerecht zu werden. Daher brauchen wir eine gleichwertige Möglichkeit, auch virtuell teilnehmen und interagieren zu können.“

Auch inhaltlich sei durch die digitalen Medien womöglich noch mehr Flexibilität möglich, als sie die Donau-Universität Krems ohnedies bietet. „Wir arbeiten daran, die Module auch organisatorisch und daktisch so abzustimmen, dass individuelle Schwerpunktsetzungen leichter umsetzbar sind“, sagt Oppl.

„Als Universität für Weiterbildung müssen wir hinterfragen, welche Kompetenzen und welche Inhalte wir mit welchen Lehrformaten am besten vermitteln können.“

Peter Parycek

Der den Anforderungen des digitalen Zeitalters entgegenkommenden Interdisziplinarität würde mehr Flexibilität ebenso entsprechen wie auch den Anforderungen des „lebensbegleitenden Lernens“. „Wir werden in Zukunft wesentlich mehr online lehren müssen“, stellt Gegenfurtner fest. Eine Perspektive, die auch den Lehrenden einiges abverlangt. „Wie schaffen es die Lehrenden, trotz Distanz motivierend zu sein?“, fragt Monika Kil. „Die Belastungen für das Lehrpersonal sind enorm gestiegen“, stellt sie fest. Präsenz fördere den „Respekt vor wissenschaftlichem Wissen, auch seinen Mühen und seiner Divergenz“, während die Stärke der digitalen Medien eben in ihrer Flexibilität liege.

Die Donau-Universität Krems bietet seit 25 Jahren beides. Eine Stärke, die es zu erhalten gilt: Beides zu erhalten und nicht das eine anders zu bewerten als das andere wird aus Sicht von Monika Kil in Zukunft eine große Herausforderung sein: „Präsenz darf kein elitäres Angebot werden.“


MONIKA KIL
Univ.-Prof. Dr. Monika Kil ist Universitätsprofessorin für Weiterbildungsforschung und Bildungsmanagement (derzeit karenziert) an der Donau-Universität Krems. Sie forscht u.a. zu Lernforschung für erwachsene Lernende und Interdisziplinärer Weiterbildung.

STEFAN OPPL
Univ.-Prof. DI Dr. Stefan Oppl, MBA ist Professor für technologiegestütztes Lernen an dem von ihm geleiteten Department für Weiterbildungsforschung und Bildungstechnologien der Donau-Universität Krems.

ANDREAS GEGENFURTNER
Prof. Dr. Andreas Gegenfurtner ist Professor für Psychologie mit Schwerpunkt Lehren und Lernen mit digitalen Medien an der Universität Passau. Er habilitierte sich im Fach Bildungswissenschaften an der Universität Regensburg.

PETER PARYCEK
Univ.-Prof. Mag. Dr. Peter Parycek, MAS MSc ist Chief Digital Officer der Donau-Universität Krems. Er leitet das Department für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung sowie in Berlin das Kompetenzzentrum Öffentliche IT am Fraunhofer Fokus Institut. Er ist Mitglied im Digitalrat der Deutschen Bundesregierung.

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