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"Von der Medienarchiv-Steinzeit in den digitalen Datenhighway"
Kamingespräch mit Dr. Peter Dusek, ORF
28.04.2005
Der Leiter des ORF-Archivs erklärte im Lehrgang "Bildmanagement" warum nur 5 min der Mondlandung weltweit erhalten seien, sprach über optische Orgienhaftigkeit und betonte die Notwendigkeit gut ausgebildeter Bild-Dokumentare mit "Bewertungswissen"

Von der Medienarchiv-Steinzeit in den digitalen Datenhighway

Dusek Gruppe 72dpi
Foto: Ingo Dejaco ZOOM
Dr. Dusek im Gespräch mit Studenten

"Ich bin gekommen als Betriebsunfall der Benutzer", eröffnete Dr. Peter Dusek in seinem Kamingespräch im Lehrgang "Bildmanagement".
Dr. Dusek, der seit den Anfangstagen des ORF in der Archivierung und als Redakteur tätig war, fungierte unter anderem als Kurator des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands. Parallel zu "Österreich II" mit Hugo Portisch baute er das Historischen Archivs des ORF auf. Seit 1988 ist er Hauptabteilungsleiter des Fernseharchivs des ORF, mit über 100 MitarbeiterInnen.

Gut ausgebildete Mitarbeiter als Schlüssel

Über die Konvergenz der Medien wusste Dr. Dusek zu berichten, es solle und könne in der Archivierung nicht mehr unterschieden werden zwischen Text und audiovisuellen Quellen. Als besondere Schwierigkeit nannte er die fehlenden Übereinkünfte und Standards. „Die letzte echte Norm war der 35mm-Film. Es gäbe weder digitale noch Beschreibungs-Normen.“ Bei Filmen gäbe es darüber hinaus keine internationale Buchnummer, an der sich der Nutzer orientieren könnte. Außerdem finden sich bei 50 unterschiedlichen Mozart-Dokumenten 50 verschiedene Schreibweisen des Namens. Selbst Mozahrt mit stummem h komme vor. Qualitätskontrolle ist gerade deshalb so notwendig.

„Maximal 50% sind in der Archivierung Software, 50% sind gut ausgebildete, motivierte Mitarbeiter“, bestätigte Dusek. Viel wusste er über die Arbeitsorganisation zu sagen. „Partnerschaftliches Behandeln ist nur durch die Kenntnis der Arbeit des Anderen zu erreich.“ Deswegen hat er sich dafür stark gemacht, dass auch ArchivmitarbeiterInnen redaktionelle Beiträge, die „Zeitenblicke“ gestalten dürfen. Außerdem hat er ein Rotationssystem, ein „Fruchtwechselprinzip“, wie Dusek es nannte, eingeführt. So sind alle MitarbeiterInnen wechselweise mal im Kundenkontakt und mal in der Qualitätskontrolle und die MitarbeiterInnen können durch Angebote der kreativen Selbstverwirklichung am Haus gehalten werden.

5 min Bildmaterial auf dem Mond

Ein gutes Beispiel für die Relevanz von Archiven stellt laut Dr. Dusek die erste Mondlandung. Das Programm, das damals übertragen wurde hatte eine Länge von 24 Stunden. Das einzige, das heute davon noch übrig ist sind 5 min auf dem Mond, das restliche Programm ist komplett weg. „Wenn man Schimpansen hätte wegschneiden lassen hätten sie nach einem ähnlichen Prinzip archiviert“, wetterte Dusek. Originale wurden zerschnitten, es gäbe überlieferte Stammtische ohne Ton – Film, Tonband, Radio etc. waren als Medien einfach nicht im Bewusstsein.

Derzeit lagern bereits über 2 Mio. Bewegtbilder und Fotografien im audiovisuellen Archiv, 15.000 Fotografien werden in Kooperation mit der Nationalbibliothek digitalisiert. Das Bewusstein, dass das Archiv einen Wert darstellt, musste erst geschaffen werden. Im Vergleich zu den Kosten der Produktion stellt die Nutzung von Archivmaterial nun einen Bruchteil dar, deshalb dürfe Archivierung und die Benutzung des Archivs auch nicht kostenlos sein.
Nach der Reformierung der Dokumentation im ORF-Archiv haben sich die Kosten des Archivs verdoppelt, die Nutzung jedoch verzehnfacht. Gute Archive senken also Kosten!
Moderne Archive sind also eine win-win-Situation.
Vertrauenbildende Maßnahmen und beinharte PR seien besonders im Archiv-Bereich wichtig. „Nennen Sie´s anders. Archiv klingt nach Staub.“ Museen sind als Begriff positiv besetzt, Archive leider negativ. Der höchste Adel des Film-Archivars sei z.B. der „Cineast“.

Die digitale Welt im Fegefeuer

„Wir sind in der digitalen Welt noch im Purgatorium.“ Es bedarf Stichproben und Warnsystemen, um auf die Nichtlesbarkeit oder Beschädigung von Medien frühzeitig hinweisen zu können. Die Datenspeicherung sei nach wie vor ein breites Problemfeld.

Die Archivierung erfolgt im ORF im Verhältnis 1:3 – von 12 Stunden Material werden 4 Stunden aufgehoben. Das Archiv hat die Löschkompetenz, die Redaktion traut sich nicht – stellte Dusek gegenüber. Deswegen sei es auch so wichtig, die Archivare von Beginn an in die Produktionskette mit einzubeziehen. Kulturell wertvolles und teuer produziertes wird in erhöhtem Maß bewahrt.
„Dokumentation“ schloss Dusek „ist Mut zur Bewertung. Jede Zeit hatte ihr Fernsehen und jede Zeit hatte ihre optische Orgienhaftigkeit.“
Bewertungswissen und Relevanzspeicherung, diese beiden Komponenten, betonte er, seien von vordringlicher Wichtigkeit für die Dokumentations-Branche, besonders wenn es um die Speicherung von Bildwissen geht.