DEUTSCH
Zentrum für Infrastrukturelle Sicherheit Zentrum für E-Governance Studienprogramme & Seminare News Archiv Veranstaltungen CeDEM Conference Series Forschung Team Studienprogramme und Seminare Forschung und Projekte Sicherheitsplattform Veranstaltungen Faculty und Team
Digitale Utopien
21.10.2013
Was E-Beteiligung bewirkt, woran ihr Erfolg gemessen werden kann und warum überregionale Vernetzung im digitalen Raum noch schwierig ist, untersucht Judith Schoßböck aktuell im Zentrum für E-Governance der Donau-Universität Krems.

Wie lässt sich Bürgerbeteiligung sinnvoll gestalten, wie sollte ein gutes E-Partizipationsprojekt aufgebaut sein, und wie
lassen sich junge Menschen für politische Themen begeistern? Nach der ersten, von Euphorie über technikgetriebene Beteiligungsprozesse geprägten Phase gehen Wissenschaftler nun verstärkt daran, die Frage der Machbarkeit
von Online-Beteiligung zu erforschen, E-Demokratie-Initiativen zu evaluieren und politischen Entscheidungsträgern
beratend zur Seite zu stehen.

 

Eine von ihnen ist Judith Schoßböck.

Privat wie beruflich verfolgt die netzaffine Oberösterreicherin den Digitalisierungsprozess seit mehreren Jahren. Schoßböck lebt mittlerweile in Wien, wo sie auch ihr Studium in Literatur- und Kommunikationswissenschaft absolviert hat, und arbeitet seit 2009 an der Donau-Universität Krems.


Jugend für Europa begeistern

Dort, im Zentrum für E-Governance, beschäftigt sie sich aktuell im Rahmen des EU-Projekts „OurSpace – The Virtual Youth Space“ mit zentralen Fragen rund um politisches Engagement und politische Beteiligung von Jugendlichen. Das Projektziel lautet, jungen Menschen eine Diskussionsplattform für ihre Anliegen zu geben und sie in Kontakt mit Entscheidungsträgern und öffentlichen Repräsentanten zu bringen. Durch die Vernetzung von Jugendlichen aus Österreich, Griechenland, Tschechien und dem Vereinigten Königreich soll die internationale Plattform jungen Erwachsenen die Möglichkeit bieten, sich mit Peers aus anderen Ländern zu vernetzen und auszutauschen, um europäische Lösungen für europäische und vermeintlich nationale Probleme zu erarbeiten. Dabei sollten sich, so der Wunsch der Fördergeber, möglichst viele Junge beteiligen, da ihre Anliegen ernst genommen werden müssten. Die Realität zeigt jedoch, wie bei vielen anderen Beteiligungsprojekten auch, dass sogenannte Massendeliberationen schwer umsetzbar sind. „‚OurSpace‘ macht sehr schön die kulturellen Unterschiede der einzelnen Nationen sichtbar“, erzählt Schoßböck von der Endphase des Projekts.

 

„In jedem Land funktionieren zum Beispiel On- und Offline-Aktionen anders, daher ist auch die überregionale Vernetzung schwieriger.“ In Griechenland wurde erfolgreich auf Fernsehwerbung für das Projekt gesetzt. In Tschechien funktionierten ganz gezielte Kooperationen mit dem Jugendparlament oder Livediskussionen mit politischen Amtsträgern
am besten, um Jugendliche auf die Plattform zu holen. Die Beteiligung der österreichischen Jugendlichen ist bis jetzt am
geringsten, unter anderem auch, weil noch ein Pilotprojekt bevorsteht, das ab September im Zuge der Nationalratswahl in Zusammenarbeit mit Schulen starten wird.

>> http://www.joinourspace.eu


Strukturprobleme lösen

Deutlich am besten angenommen wird „OurSpace“ von den griechischen Jugendlichen, wie die Zahlen aus einer Zwischenerhebung zeigen. Also dort, wo die Menschen unmittelbar von Problemen wie einer instabilen politischen und wirtschaftlichen Situation betroffen sind. „Nationale Probleme, Ausländerthemen, aber auch globale Diskussionen interessieren. Aber es ist schwierig, Jugendliche für EU-Themen zu begeistern“, sagt Schoßböck. Unter anderem stellten sich Sprachbarrieren auf der Plattform als Hindernis für länderübergreifende Diskussionen heraus. Meist sei es eben nicht ein Zeichen von Desinteresse, so die Wissenschaftlerin, vielmehr würden Strukturprobleme dahinterstecken. Und Themen müssten so aufbereitet werden, dass sie auch für Jugendliche relevant sind.


Gezielte Beteiligung

Was sind also die Parameter für gelungene Online-Partizipation? Grundsätzlich gelte, dass kleine Projekte auf regionaler Ebene
besser funktionieren, wissen Schoßböck und ihre Kollegen in Krems, die zahlreiche digitale Partizipations- und Demokratieprojekte, etwa für die Stadt Wien oder das Bundeskanzleramt, begleitet und evaluiert
haben. Heute ist klar: Das Ziel sollte nicht sein, Massen zu bewegen, sondern Personen und Experten zu beteiligen, die sich
für ein bestimmtes Thema interessieren, und mit deren Wissen gute Lösungen zu finden.


Judith Schoßböck und ihr Kollege Michael Sachs haben einen Katalog mit Qualitätskriterien erstellt. Dieser beinhaltet unter
anderem die Frage, inwiefern sich politische Entscheidungsträger mit den Ideen der Teilnehmer auseinandersetzen. Oder wie relevant das Thema in der Öffentlichkeit ist. Schreiben und Publizieren Wissenschaftliches Arbeiten kombiniert die
Kommunikationswissenschaftlerin am liebsten mit journalistischen Tätigkeiten und Verlagsarbeit.


Sie schreibt regelmäßig für verschiedene Online-Medien und ist mit Engagement leitende Redakteurin des Open-
Access-Magazins „JeDEM“, das am Zentrum für E-Governance herausgegeben wird. Das Fachmagazin für E-Democracy und Open Government veröffentlicht vier Schwerpunktausgaben pro Jahr. Schoßböck und ihre Kollegin Noella Edelmann arbeiten
dabei mit einem internationalen Redaktionsteam, das eingegangene Beiträge nach strengen Kriterien einem Peer-Review-Prozess unterzieht. Neben aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen berichtet „JeDEM“ über Best Practices ebenso wie über
laufende Projekte und Fallbeispiele aus der Praxis. Der kommende Schwerpunkt wird sich der E-Demokratie in Asien widmen.

>> http://www.jedem.org/


Soziodigitale Utopien

Fragen rund um die Entwicklung von Technik und Mensch begleiten die junge Forscherin seit Jahren, wie sie erzählt. Unter anderem auch, weil sie immer wieder auf ihre als Buch veröffentlichte Diplomarbeit über „Letzte Menschen: Postapokalyptische Narrative und Identitäten“ angesprochen wird.
Was wäre, wenn der Mensch ausstirbt? Wenn die Technik überhandnimmt? Mutanten die Welt beherrschen? Mit solchen soziodigitalen Utopien beschäftigt sich Judith Schoßböck am liebsten. In ihrer freien Zeit wirkt sie bei diversen Projekten rund um diese Themen mit. Sie ist Mitglied einer Internetforschungsgruppe an der Universität Wien, publiziert über Cyborgs und begeistert sich speziell für (junge) interaktive Kunst. Dieses Interesse führt sie durchaus auch mal bis in die Wüsten Nevadas zum legendären „Burning-Man-Festival“.