Studie: Einstellungen weiblicher Flüchtlinge

Frauen als Schlüsselfiguren bei der Integration geflüchteter Familien

04.11.2019

Mit dem großen Flüchtlingsstrom in den Jahren 2014 bis 2017 haben sich die Herausforderungen an Unterstützungseinrichtungen bei der Integration von Zuwanderern vervielfacht. Es mussten mehr Angebote zielgruppenspezifisch gestaltet werden, um einerseits die beste humanitäre Hilfestellung für Geflüchtete anbieten zu können und andererseits effektive Fördermaßnahmen für einen raschen Einstieg in der österreichischen Gesellschaft zu gewährleisten.

Das Department für Migration und Globalisierung der Donau-Universität Krems führte die Studie „Einstellungen, Erwartungen und Ressourcen weiblicher Flüchtlinge“ von 2017 bis 2018 im Auftrag des Bundesministeriums (BMEIA) mit Fokus auf weibliche Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Irak, Afghanistan, Somalia und Tschetschenien durch, um dadurch ein größeres Verständnis für die spezifischen Bedürfnisse sowie für die Wirkungsweise der vorhandenen Maßnahmen zu bekommen. Im Zentrum standen dabei die Bereiche Sprache und Bildung, Arbeit und Beruf, Rechtsstaat und Werte, Wohnen und Regionales, Gesundheit und Soziales.

„Frauen sind eine spezielle Zielgruppe, da sie eine Schlüsselstellung bei der Integration ihrer Familien spielen“, erklärt Studienautorin Univ.-Prof. Dr. Gudrun Biffl. „Darüber hinaus habe sie Ressourcen und Fähigkeiten, die sie in sich tragen oder im Laufe der Zeit im Herkunftsland erworben haben und die sie unter Umständen im Herkunftsland gar nicht voll nutzen konnten“ sagt Biffl. Diese gelte es mit gezielten Unterstützungsmaßnahmen so zur Entfaltung zu bringen, dass die weiblichen Flüchtlinge in Österreich ein selbstbestimmtes Leben führen können. In der Studie wurden Interviews mit 35 weiblichen Flüchtlingen aus fünf verschiedenen Herkunftsländern sowie 14 Interviews mit Ehemännern durchgeführt. Zusätzlich wurden drei Gruppendiskussionen mit 28 ExpertInnen und ehrenamtlich tätigen FlüchtlingsunterstützerInnen durchgeführt.

„Frauen sind eine spezielle Zielgruppe, da sie eine Schlüsselstellung bei der Integration ihrer Familien spielen.“

Univ.-Prof. Dr. Gudrun Biffl

Migrationswissenschafterin

Frauen in der Abhängigkeit
Eine zentrale Erkenntnis der Studie war, dass weibliche Flüchtlinge in vieler Hinsicht vulnerabler und in einer schwierigeren Lebenslage als männliche Flüchtlinge seien, da sie „in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis zu männlichen Familienmitgliedern oder der ethnisch-kulturellen Community stehen können“, erklärt Mag. Hakan Kilic, Mitarbeiter des Departments für Migration und Globalisierung. Eine in Österreich „übliche“ Entscheidungsfreiheit sei in einigen Familien der untersuchten Flüchtlinge weniger präsent als bei anderen. „Diese Frauen brauchen stärkere Unterstützungs- und Empowerment-Maßnahmen, um ihre eigenen Fähigkeiten zum Einsatz kommen zu lassen, wobei auch die Ehemänner in diesen Prozess involviert sein sollten“, betont Kilic.

Sprache, Mobilität und Kinderbetreuung
Alle interviewten Flüchtlinge wollen, um auch im öffentlichen Leben selbstständig unterwegs sein zu können, so rasch wie möglich Deutsch lernen, fühlen sich dazu aber unterschiedlich gut in der Lage. „Zum einen sind höhergebildete Personen mit ihren (oft guten) Lernfortschritten unzufrieden, während Menschen mit geringer Schulbildung das Erlernen der Sprache sekundär betrachten, da sie ohnehin nur wenige Möglichkeiten der Arbeitsaufnahme in Österreich für sich sehen und dafür würden auch einfache Deutschkenntnisse ausreichen“, führt Kilic aus. Zudem sind Faktoren wie fehlende Mobilität oder Herausforderungen bei der Kinderbetreuung Hinderungsgründe für den Besuch von Deutschkursen: Zwar sind die Kurse alle öffentlich erreichbar, jedoch sind die Kosten für die Verkehrsmittel subjektiv hoch und die Kurse überschneiden sich auch mit den Kindergarten- oder Schulzeiten der Kinder, was wiederum in einigen Fällen zu Problemen führt. Hier sehen sich besonders die Ehemänner/Väter vor neuen bis dato unbekannten Herausforderungen im Sinne der Kinderbetreuung. „Auch hier sind Unterschiede bei den Bildungslevels erkennbar“, so Kilic.

Kompetenzchecks bei Qualifikationen
Grundsätzlich werden neben Sprachkursen auch Aus- und Weiterbildungsprogramme geschätzt, aber es zeigen sich bei den befragten Personen große formale Bildungsunterschiede. Die deutliche Mehrzahl der interviewten Frauen gibt an, dass sie vorhaben, sobald wie möglich zu arbeiten. „Dadurch sind viele von ihnen auch bereit, Job-Angebote anzunehmen, die unter ihren eigentlichen Qualifikationen liegen. Formale Abschlüsse sind auch nicht immer aussagekräftig und mit unseren bzw. innerhalb der Herkunftsländer vergleichbar“, sagt Biffl. So sind beispielsweise Englischkenntnisse von offiziell identischen Abschlüssen bei Personen aus dem urbanen Raum auf Maturaniveau während sie im ländlichen Raum oft gar nicht vorhanden sind. „Es braucht also klare Kompetenzchecks, die sprachliche und andere fachliche Fähigkeiten überprüfen“, fordert Gudrun Biffl.

Mangelndes Verständnis für Kompetenzen
Auch sind sich viele Frauen ihrer eigenen Fähigkeiten nicht bewusst. Sie haben in ihrer Herkunftsfamilie gekocht, genäht, möglicherweise auch kleine Handwerksstücke erstellt und verkauft, sehen darin aber kaum Ressourcen, die außerhalb der Familie verwertbar wären. Dabei ist das nicht nur die Ansicht der Frauen, sondern auch ihrer Männer. Die Ehemänner sehen in den „typisch weiblichen“ Tätigkeiten keine Kompetenzen, die am Arbeitsmarkt verwertbar wären. Auch über eine selbstständige hauptberufliche Ausübung solcher Tätigkeiten wurde bisher kaum nachgedacht, obwohl vor allem die Männer gerne in Österreich selbstständig tätig werden möchten.

Großstadt als Arbeitsplatzmagnet
Der Arbeitsplatz wird als wichtiger Schritt zur Unabhängigkeit und für die Integration gesehen. Viele der Frauen wollen weder von ihrem Mann, noch von Unterstützungen abhängig sein. Allerdings stellen Kinder vor der Schulpflicht durchaus ein Dilemma dar. „Viele Mütter möchten oder sehen sich dazu verpflichtet in dieser Zeit zuhause bleiben, um für ihre Kinder da zu sein. Für die erfolgreiche Arbeitssuche ist aber auch der Wohnort von großer Relevanz – vor allem wenn es in unmittelbarer Umgebung nicht für beide Elternteile einen Arbeitsplatz gibt, wird ein Wohnortswechsel angedacht“, sagt Kilic. Hier zieht es die Familie eher in die Großstadt, weil dort mehr Möglichkeiten erwartet werden und weil es oft auch eine eigene ethnisch-kulturelle Community gibt, von der man sich Unterstützung erwartet.

Gefestigte Genderrollen
Gerade hinsichtlich der Berufstätigkeit der Frau kann man Herausforderungen für das Miteinander in der Familie erkennen. Zwar geben alle Männer an, dass sie einer Berufstätigkeit ihrer Frau nichts in den Weg legen würden, aber es wurde in einzelnen Fällen betont, dass es sehr schwierig wäre, wenn die Frau einen Job hätte und der Mann nicht. Dadurch würde der Mann in der Community unter Umständen sein Ansehen verlieren. Ähnlich verhält es sich mit der Aufgabenteilung in der Familie: Kindererziehung ist speziell in bildungsfernen Familien Aufgabe der Frauen. Hier liegt auch eine große Herausforderung für eine spezifische Unterstützung der Frauen: „Die Frauen werden sich der gleichberechtigten Möglichkeiten zwischen Männern und Frauen in Österreich bewusst, können dieses Wissen für sich aber nicht immer umsetzen“, resümiert Migrationsexpertin Biffl.

Kontakt zu ÖsterreicherInnen
Problematisch bzw. als schwierig wird von vielen der Befragten die Möglichkeit zum Austausch und der Kommunikation mit ÖsterreicherInnen eingestuft. Zum einen erleben einige Alltagsrassismus, der Kontakte erschwere. Zum anderen haben die ethnisch-kulturellen Communities in großen Städten bereits so dichte Netzwerke etabliert, dass ein Kontakt mit ÖsterreicherInnen nicht unbedingt notwendig ist. „Hier besteht die Gefahr der Bildung von Parallelgesellschaften, denen durch Förderung von interkulturellen Austauschangeboten entgegenzuwirken ist“, fordert Biffl.

Leben für die Kinder
Viele Frauen betonten in den Interviews, dass sie vor allem für eine erfolgreiche Zukunft ihrer Kinder leben. Ihre eigenen Bedürfnisse stellen sie hinter die Zukunftshoffnungen für ihre Kinder zurück. Sie sehen in den meisten Fällen auch nicht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, da sie häufig gar nicht gewohnt sind, selbst Entscheidungen treffen zu können. Um Frauen bei der sozialen Integration in Österreich zu unterstützen, können Angebote zu ihrem Empowerment beitragen.

 


  • Projektzeitraum: 01.04.2017 – 31.05.2018
  • Fördergeber: Bund (Ministerien)
  • Förderprogramm: AMIF
  • Projektverantwortung: Donau-Universität Krems, Department für Migration und Globalisierung, Univ.-Prof. Dr. Mathias Czaika
  • Zitiervorschlag: Biffl, Gudrun; Kilic, Hakan; Zentner, Manfred (2019): Einstellungen, Erwartungen und Ressourcen weiblicher Flüchtlinge. Grundlagenstudie zu den tatsächlich wahrnehmbaren Möglichkeiten von Frauen mit Fluchterfahrung. Studie gefördert aus den Mitteln des Nationalen Aktionsplans für Intergration. Schriftenreihe Migration und Globalisierung, Krems (Edition Donau-Universität Krems)
  • Volltext Link: https://door.donau-uni.ac.at/view/o:415

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