16.02.2026

Textilien in armenischen Handschriften und frühen Drucken sind weit mehr als dekorative Elemente: Sie geben Auskunft über Handelswege, handwerkliches Wissen und kulturelle Verflechtungen über Jahrhunderte hinweg. Im vom FWF geförderten Projekt „Textiles in Armenian Manuscripts and Printed Books“ an der Universität für Weiterbildung Krems wurden diese bislang nur punktuell erfassten Quellen erstmals systematisch zusammengeführt. Mit dem Eintritt in die zweite Projektphase werden die gewonnenen Daten nun gezielt für Forschung, Dokumentation und Erhalt nutzbar gemacht.

Im ersten Projektjahr sichtete das Forschungsteam um Dr.in Patricia Engel weltweit digitale Bibliothekskataloge, Textildatenbanken, Fotoarchive sowie die internationale Fachliteratur. Ziel war es, Hinweise auf Textilien in armenischen Handschriften und gedruckten Büchern vom 4. bis zum 19. Jahrhundert zu sammeln und vergleichbar zu machen – ein Materialbestand, der bislang fragmentiert und uneinheitlich dokumentiert war.

Internationale Fachtagungen erwiesen sich dabei als wichtige Impulsgeber: Präsentationen auf Konferenzen wie der ICOM General Assembly 2025 in Dubai eröffneten neue Einblicke in bislang unveröffentlichte armenische Manuskripte, etwa aus Sammlungen im Libanon.
„Solche Begegnungen öffnen Türen zu Beständen, von deren Existenz wir zuvor oft nichts wussten“, erklärt Engel. „Gerade im internationalen Austausch zeigt sich, wie weit die materielle Überlieferung armenischer Buchkultur tatsächlich reicht.“

Ein neues Instrument für die Forschungspraxis

Eine zentrale Errungenschaft des Projekts ist die Entwicklung eines standardisierten Untersuchungsformulars für Textilien in armenischen Büchern. Grundlage dafür bilden bereits publizierte Hand- und Druckschriftenbeschreibungen, die im Projekt erstmals nach textilkundlichen Gesichtspunkten systematisiert wurden. Dieses Instrument schafft eine belastbare Basis, um Textilien künftig vergleichbar zu erfassen, auszuwerten und langfristig zu erhalten.

Eine erste Version des Formulars wurde 2025 in den Staats- und Nationalbibliotheken in Berlin und Warschau erprobt und evaluiert. In überarbeiteter Form kommt es nun bei eigenen Untersuchungen in der Türkei, Frankreich, Großbritannien, den USA und Armenien zum Einsatz. Darüber hinaus wird es auch an schwer zugängliche oder derzeit nicht bereisbare Institutionen – etwa in Israel oder Georgien – weitergegeben.

Die Nationalbibliothek Georgiens plant beispielsweise, das Formular mit Angaben zu Entstehungsorten, Datierungen und Schreibern zu verknüpfen und damit eine umfassende Dokumentation der armenischen Handschriften in Tiflis zu erstellen.

Handelsnetzwerke, Erinnerungstexte und kulturelles Wissen

Inhaltlich richtet das Projekt den Blick weit über einzelne Objekte hinaus. Analysiert werden unter anderem die Handelsbeziehungen armenischer Kaufleute, die von Eriwan über Isfahan bis nach Indien, Batavia oder Äthiopien reichten und europäische Zentren wie Venedig, Amsterdam oder Marseille ebenso einbezogen. So lassen sich Familiengeschichten von Kaufleuten mit der allgemeinen Geschichte Armeniens verknüpfen.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den sogenannten Ishatakarans – Erinnerungstexten am Ende von Handschriften, die Schreiber und Auftraggeber nennen und um Gebete für deren Seelenheil bitten.
„Diese Texte werden meist als theologische oder sprachwissenschaftliche Quellen genutzt“, so Engel, „für uns enthalten sie jedoch wertvolle Hinweise auf Materialbeschaffung, textile Verarbeitung und lokale Praktiken in den Schreiberschulen.“

Ausblick

In der laufenden zweiten Projektphase werden die entwickelten Instrumente nun international angewendet und weiter verfeinert. Langfristig soll die systematische Erfassung dazu beitragen, Textilien in armenischen Handschriften nicht nur besser zu erforschen, sondern sie auch als eigenständige, schützenswerte Kulturgüter sichtbar zu machen. Damit leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Armenologie ebenso wie zur internationalen Kulturerbe- und Materialkulturforschung.

 

Projektinfo

Titel: Textiles in Armenian Manuscripts and Printed Books
Fördergeber: Österreichischer Wissenschaftsfonds (FWF), Stand-alone-Projekt
Laufzeit: 2024–2027
Verantwortliche Forscherin: Dr.in Patricia Engel (Projektleitung), Research Lab Nachhaltiges Baukulturelles Erbe

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