01.06.2026

Archäologische Spuren römischer Präsenz nördlich der Donau im österreichischen Weinviertel und tschechischen Südmähren sind heute meist nicht mehr unmittelbar sichtbar. Dennoch war die Region ein Schauplatz vielfältiger militärischer, wirtschaftlicher und kultureller Interaktionen. Hier setzt das EU-geförderte Projekt „Roman Trails“ an der Universität für Weiterbildung Krems an: Es erschließt diese bislang wenig bekannte Vergangenheit und macht sie mithilfe digitaler Technologien und innovativer Vermittlungsformate für eine breite Öffentlichkeit erfahrbar.

Im Fokus steht die Entwicklung einer grenzüberschreitenden Themenregion im österreichisch-tschechischen Grenzraum. Gemeinsam mit dem Archäologischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, Brünn, werden archäologische Erkenntnisse systematisch aufbereitet und in konkrete Angebote übersetzt. „Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie einen unmittelbaren gesellschaftlichen Mehrwert schaffen“, erklärt Projektleiterin Raffaela Woller. „Das fördert nicht nur eine nachhaltige Entwicklung der Region, sondern ist auch ein wichtiger identitätsstiftender Faktor für die Bevölkerung vor Ort. Hand in Hand mit Bewusstseinsbildung und Identifikation mit dem eigenen kulturellen Erbe geht auch der Kulturgüterschutz – denn nur was man kennt und schätzt, will man auch schützen.“

Digitale Vermittlung macht Unsichtbares sichtbar

Im 2. Jahrhundert nach Christus startete das Römische Reich eine Gegenoffensive nördlich des Limes, um auf wiederkehrende Einfälle der Markomannen und anderer germanischer Gruppen zu reagieren. Zu diesem Zweck wurden Marschlager errichtet, die sich rasch aufbauen, sichern und wieder abbauen ließen. Sie bestanden zumeist aus quadratischen Gräben, die eine Gruppe von Zelten umschlossen.

Eine zentrale Herausforderung des Projekts liegt darin, dass von dieser römischen Präsenz heute vor Ort kaum noch Spuren sichtbar sind. Die temporären Militärlager bestanden aus vergänglichen Materialien wie Holz und anderem organischen Material. Im Gelände lassen sich mittels geophysikalischer Untersuchungen – etwa durch Bodenwiderstandsmessungen und mittels Geomagnetik – vor allem Strukturen wie Gräben und Toranlagen nachweisen; hinzu kommen zahlreiche Kleinfunde.

Hier setzt „Roman Trails“ mit digitalen Methoden an: 3D-Modelle archäologischer Funde, virtuelle Landschaftsrekonstruktionen und mobile Anwendungen ermöglichen es Besucherinnen und Besuchern, historische Situationen vor Ort nachzuvollziehen. Über digitale Schnittstellen – etwa QR-Codes entlang der Routen – werden wissenschaftliche Inhalte direkt im Gelände zugänglich gemacht. Die Visualisierungen sind dabei bewusst als Annäherungen gestaltet und verbinden wissenschaftliche Fundierung mit verständlicher Aufbereitung. 

Im Projekt Roman Trails wird Vergangenheit jedoch nicht nur sichtbar, sondern auch greifbar und riechbar: Speziell gestaltete Eventkonzepte, welche verschiedene Sinne ansprechen und somit für Zielgruppen mit besonderen Bedürfnissen herangezogen werden können, sollen spezialisierte Vermittlungsarbeit anleiten. Repliken archäologischer Funde lassen sich anfassen und die Gerüche der römischen Vergangenheit sogar teilweise „erschnuppern“.

Neue Wege der Zusammenarbeit über Grenzen hinweg

Das Projekt versteht den Raum nördlich der Donau nicht als historische Randzone, sondern als Gebiet intensiver Kontakte und Austauschbeziehungen. Auch der Donaulimes selbst war keine starre Grenze, sondern eher eine Begegnungszone, wie Raffaela Woller erläutert: „Die Region war keineswegs von permanenten Konflikten geprägt. Vielmehr zeigt die Forschung, dass Handel, Austausch und vielfältige Beziehungen das Zusammenleben bestimmten. Dieser kulturelle Dialog und der gegenseitige Respekt gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen waren auch wesentliche Faktoren für den langfristigen Erfolg des römischen Systems.“

Diese Perspektive spiegelt sich auch in der Projektstruktur wider: Als Interreg-Projekt fördert Roman Trails die Zusammenarbeit zwischen Österreich und Tschechien und trägt zur Entwicklung einer gemeinsamen kulturellen Identität über nationale Grenzen hinweg bei. Gleichzeitig entsteht ein Netzwerk aus Akteurinnen und Akteuren aus Archäologie, Tourismus, Kulturvermittlung und Regionalentwicklung. Sechs sogenannte „Roman Trails“ – Wander- und Radwege in Österreich, Tschechien sowie grenzüberschreitend – sind geplant. Sie verbinden ausgewählte Standorte miteinander und machen das römische Erbe der Region räumlich erfahrbar.

Ein zentrales Merkmal des Projekts ist sein transdisziplinärer Ansatz: Archäologische Forschung wird mit Tourismusentwicklung, digitaler Technologie und Bildungsarbeit verknüpft. Dadurch entstehen Formate, die sowohl wissenschaftlichen Ansprüchen genügen als auch für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich sind.

Diese Ausrichtung zeigt sich auch in der engen Zusammenarbeit am Campus Krems. Studierende der IMC Fachhochschule Krems sind in das Projekt eingebunden und erarbeiten im Rahmen von Bachelorarbeiten konkrete Konzepte für die touristische Entwicklung der Region. Ergänzend werden Summer Schools, Praktika und weitere Bildungsangebote entwickelt, die insbesondere den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern und Einblicke in die Praxis von Kulturvermittlung und Projektarbeit ermöglichen.

Nachhaltige Nutzung und langfristige Wirkung

Neben den digitalen Anwendungen und den „Roman Trails“ entsteht im Projekt ein umfangreicher Katalog für Veranstaltungs- und Vermittlungsformate. Dieser bündelt erprobte Konzepte für unterschiedliche Zielgruppen – von schulischen Angeboten bis hin zu touristischen Formaten – und stellt dazugehörige Materialien, Anleitungen und didaktische Ansätze bereit.

Ziel ist es, die Projektergebnisse langfristig nutzbar zu machen und über die Projektlaufzeit hinaus Wirkung zu entfalten. Die entwickelten Inhalte werden nicht nur entlang der Routen eingesetzt, sondern auch in Museen und Gemeinden der Region integriert.
Damit leistet „Roman Trails“ einen Beitrag zur Sichtbarmachung und Bewahrung eines bislang wenig beachteten kulturellen Erbes. Zugleich zeigt das Projekt exemplarisch, wie wissenschaftliche Erkenntnisse durch transdisziplinäre Ansätze in gesellschaftlich wirksame Anwendungen überführt werden können.

 

 

Projektinformation:

Titel: Roman Trails - On the Trail of the Romans in the Weinviertel Region and in South Moravia

Fördergeber: EU | Interreg AT-CZ, Projektnummer ATCZ00143

Laufzeit: 01.05.2024 - 30.04.2028

Projektverantwortlich für die Universität für Weiterbildung Krems: Raffaela Woller, BA MA

Projektmitarbeit: Assoz. Prof. Mag. Dr. Anna Maria Kaiser, Mag. Michaela Kukula

 

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