06.07.2021

Nachbericht | Im Gespräch mit...

Nicht der Schutz von Arbeitsplätzen müsse unser zentrales Anliegen sein, sondern Arbeitskräfte zu schützen und zu entwickeln, so Rektor Mag. Friedrich Faulhammer in seiner Begrüßung der Veranstaltung ‘Corona und danach: Arbeitsplätze im ländlichen Raum am 22. Juni. Die von Univ.-Prof. Peter Filzmaier moderierte Diskussion wurde vom Alumni-Club der Donau-Universität Krems und dem Research Lab Democracy and Society in Transition organisiert und fand im Rahmen des Projekts ECOnet zur wirtschaftlichen und politischen Entwicklung im ländlichen Raum sowie in Kooperation mit dem Institut für Höhere Studien (IHS), dem Österreichischen Gemeindebund und KOMMUNAL statt.

Universitäten, aber vor allem die Donau-Universität Krems als Universität für Weiterbildung seien nicht nur ein sehr gut geeigneter Ort, um Arbeitskräfte zu entwickeln, sondern auch der ideale Ort zur Gestaltung des Diskurses in dieser Thematik. Viele gegenwärtigen Veränderungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie der Klimawandel, die Überalterung und die Digitalisierung, wären, so Faulhammer, auch ohne COVID-19 virulent geworden.

Tourismus schafft Wohlstand und Abhängigkeit

Bestimmte österreichische Regionen seien besonders stark von einzelnen Bereichen, insbesondere dem Tourismus und der Freizeitwirtschaft abhängig. Das habe Wohlstand beschert, der in vergleichbaren ländlichen Gebieten anderer Staaten nicht erreichbar gewesen wäre, so der Arbeitsminister. Durch die starke Abhängigkeit von insbesondere ausländischem Tourismus und die Schließung der besonders beschäftigungsintensiven Dienstleistungswirtschaft sei es pandemiebedingt zu besonders negativen Arbeitsmarkteffekten und damit verbundene Unsicherheit in Regionen gekommen, wo es zwar eine Vertrautheit mit saisonalen Schwankungen gibt, wo zur touristischen Hauptsaison aber normalerweise Vollbeschäftigung herrscht. 

Gestärkt trotz der Pandemie

Die Möglichkeit des digitalen Arbeitens hat den ländlichen Raum gestärkt, erklärt Kocher. Bei der Digitalisierung von Arbeitsplätzen sei pandemiebedingt eine Entwicklung, die sonst ungefähr zehn Jahre gedauert hätte, in knapp einem Jahr absolviert worden. Damit diese Stärkung der Attraktivität des ländlichen Raums von Dauer bleibt, wären nun insbesondere im Bereich Kinderbetreuung und Internetausbau weitere Maßnahmen notwendig. Formal besitzen hierzu nach wie vor die Maßnahmen aus dem 2017 verabschiedeten Masterplan für den ländlichen Raum Gültigkeit, der noch stark auf Shared Offices setzte. Diese sind zwar in den nun verabschiedeten Bestimmungen für das Home Office nicht berücksichtigt, doch sollte sich das Konzept durchsetzen, wie es etwa einige niederösterreichische Gemeinden planen, dann könnten Shared Offices in Gemeinden nachträglich gesetzlich erfasst werden, so der Minister. 

Kinderbetreuung wird einen Unterschied machen

Die kleinstrukturierte Wirtschaft im ländlichen Raum könne durchaus mit qualitativ anspruchsvollen Arbeitsplätzen abseits von Freizeitwirtschaft und Tourismus aufwarten, sei aber beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie vom Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen durch die öffentliche Hand abhängig. Einrichtungen, die nicht mittags und im Sommer monatelang ihre Pforten schließen, werden nicht nur entscheidend für die langfristige Qualität von Arbeitsplätzen sein, sondern werden auch notwendig sein, um höherqualifizierte Arbeitskräfte, bei denen beide Partner_innen ein erfüllendes Berufsleben anstreben, grundsätzlich anwerben zu können. Viele Gemeinden bemühen sich stark, so Kocher, dem Nachholbedarf in diesem Bereich zu begegnen. Er verweist auf gemeinsame Studien mit Moderator Peter Filzmaier, wonach die Bereitschaft zur Abwanderung aus dem ländlichen Raum mit der Höhe des formalen Bildungsgrads zunimmt. 

Was können Bürgermeister_innen tun?

Auch sonst können Politiker_innen der kommunalen Ebene darauf setzen, die grundsätzlich vielversprechende konjunkturelle Entwicklung durch das Bereitstellen entsprechender Strukturen auch für den ländlichen Raum zu nutzen. Entscheidend sei, dass der ländliche Raum nicht als verschlafen wahrgenommen werde, so Kocher. Gleichzeitig soll er aber auch Sehnsüchte nach unberührter Natur erfüllen, wie Filzmaier anhand eines Experiments aufzeigt: Spontan werde der ländliche Raum mit Bergen, Seen und Wäldern assoziiert. Das führe unweigerlich auch dazu, dass jene Aspekte, die für den Wirtschaftsstandort wichtig zu betonen wären, in den Hintergrund treten. 

Weiterbildungsziele der EU umsetzen

Kocher verwies auch auf die jüngste Zielsetzung der EU Staats- und Regierungschefs, jährlich mindestens 60% der Erwachsenen in Weiterbildungsmaßnahmen zu bringen. Das bis 2030 umzusetzen wird laut Kocher eine große Herausforderung für Österreich, derzeit sei man weit davon entfernt: „Wir haben viele Arbeitskräfte, deren Qualifikationen nicht den Anforderungen der modernen Zeit entsprechen.”

 

Impressionen

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