Museale Herausforderung Performancekunst

Forschungsarbeit soll Konzept für ein Performancearchiv der Landessammlungen Niederösterreich erarbeiten

18.12.2018

Expertise des Zentrums für Sammlungswissenschaften der Donau-Universität Krems fließt in Forschungsvorhaben von Marlies Surtmann zu Performancekunst ein. Projekt im Rahmen des NFB-Science Calls lotet Möglichkeiten aus, eine Kunstform des Momenthaften dauerhaft für die Öffentlichkeit zu erhalten.

Beim Begriff „Performancekunst“ denken viele an Aktionen wie Günter Brus‘ „Wiener Spaziergang“, Christoph Schlingensiefs öffentliche Auftritte oder Marina Abramovics Performance „The Artist is Present“, in der sie insgesamt 721 Stunden im New Yorker Museum of Modern Art stumm an einem Tisch saß. Performancekunst stellt den Prozess, das Momenthafte, die Präsenz der menschlichen Körper in den Mittelpunkt. Der Körper im Hier und Jetzt wird zum künstlerischen Ausdrucksmittel, die Vergänglichkeit Wesensmerkmal dieser Kunstform. Damit sperrt sich die Performancekunst der typisch archivarischen Aufgabe eines Museums, einen Status quo bestmöglich zu erhalten. Institutionelle archivarische Standards sind strengen Regeln unterworfen und auf eine detaillierte und unveränderte Konservierung ausgerichtet.

Was tun mit einer Kunstform, die immer in Bewegung ist und deren Charakteristikum die im Moment verhaftete Beziehung zu den Betrachtenden darstellt? Wie soll eine Zeitspanne, ein Ort, ein Raum in dem sich Körper bewegen und aufeinander reagieren, archiviert werden? „In Österreich besteht derzeit die unbefriedigende Situation, dass es trotz einer lebendigen jungen Performanceszene, die mit dem Wiener Aktionismus auch auf eine relevante Geschichte zurückgreift, keine Institution gibt, die explizit aktuelle, zeitgenössische Performancekunst sammelt sowie auch deren Anforderungen an ein Archiv erforscht. Zur Schließung dieser Lücke trägt Marlies Surtmann mit ihrer Grundlagenforschung zur Archivierung von Performancekunst bei“, beschreibt Mag. Armin Laussegger, Leiter des Zentrums für Museale Sammlungswissenschaften der Donau-Universität Krems, die Ausgangslage. Mag. Marlies Surtmann wird unter anderem von den Landessammlungen Niederösterreich, der Niederösterreichischen Forschungs- und Bildungsges.m.b.H. (NFB) und dem Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften bei ihrem Forschungsvorhaben unterstützt.

Archiv dem lebendigen Diskurs öffnen
Ausgangspunkt für Surtmanns Recherche bilden die Performancebestände des „Kunstraum Niederoesterreich“ und der Landessammlungen Niederösterreich. Aufbauend auf Forschungsergebnissen aus Cultural Studies, Performance Studies und Archivwissenschaften soll die Tradierung performativer künstlerischer Praktiken in diesem Forschungsprojekt im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen. Ziel ist es, die Dokumentationsbestände des „Kunstraum Niederoesterreich“ in die Landessammlungen einzugliedern und ein Konzept für ein Performancearchiv zu erstellen. Die Landessammlungen Niederösterreich planen in dieser Konzeption, die Sammlungsbestände in Ausstellungen sowie in einen lebendigen Diskurs zu überführen und damit die Erforschung, Tradierung und Vermittlung von Performancekunst zu forcieren.

Das Engagement von Marlies Surtmann wird im Rahmen des Science Call von der NFB gefördert. Ab Jänner 2019 wird die Nachwuchsforscherin drei Jahre am Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften der Donau-Universität Krems arbeiten. Betreut wird das Dissertationsvorhaben von Univ.-Prof. Dr. Elisabeth von Samsonow an der Akademie der bildenden Künste Wien. Dass die Dissertantin ab Jänner 2019 an der Donau-Universität Krems arbeiten wird, erklärt Armin Laussegger mit der Expertise seines Zentrums: „Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sammlungen zählt zu den wesentlichen Aufgabenbereichen und Anliegen des Zentrums für Museale Sammlungswissenschaften, das auf Grund seiner Kompetenzen die theoretischen Fragestellungen des Dissertationsvorhabens, die den Möglichkeiten des Sammelns einer ‚beweglichen‘ Kunstform nachgehen, begleitet.“

Expertise in Forschung und Praxis
Surtmann werden Theorien aus Kulturwissenschaften, Performance Studies, Philosophie und Archivwissenschaften als Ausgangspunkt für eine kritische Betrachtung der derzeitigen Standards für die Archivierung von Performancekunst dienen. Anhand der Auswertung und Analyse der Forschungsergebnisse soll ein Konzept für das Sammeln von Performancekunst entstehen, das Dokumentationsmaterial der Landessammlungen Niederösterreich und des „Kunstraum Niederoesterreich“ nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen erfasst. Das Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften kooperiert unter anderem mit dem Museum Niederösterreich, der Landesgalerie Niederösterreich, der Kunsthalle Krems und dem Karikaturmuseum Krems und verfügt so über breites Know-how aus der Praxis, welches in die Dissertation einfließen wird. Zentrumsleiter Armin Laussegger sieht eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: „In der Forschungsarbeit von Marlies Surtmann entstehen Synergien zwischen theoretischer Auseinandersetzung und praxisorientierter Umsetzung. Gemeinsam möchten Surtmann, die Landessammlungen Niederösterreich und das Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften der Donau-Universität Krems einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Sammlungs- und Archivforschung mit Schwerpunktsetzung auf Kunst- und Kulturwissenschaften in Niederösterreich leisten.“

 

Titel: Archiv für Performancekunst? Über die Archivierung, Tradierung und Vermittlung einer Kunstform in Bewegung, Dissertation
Betreuer: Univ.-Prof. Dr. Elisabeth von Samsonow, Akademie der bildenden Künste Wien
Laufzeit: 01.01.2019 – 31.12.2021
Unterstützer:
Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften, Donau-Universität Krems
Landessammlungen Niederösterreich
Niederösterreichische Forschungs- und Bildungsges.m.b.H. (NFB)
Akademie der bildenden Künste Wien
Kunstraum Niederoesterreich
AG Performative Archive (Schweiz)

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