Landwirtschaft steht derzeit besonders im Fokus: Extreme Wetterlagen, Trockenheit und Hitze, wirtschaftlicher Druck und sich verändernde Rahmenbedingungen stellen viele Betriebe vor große Herausforderungen. Auch die psychische Gesundheit von Landwirt_innen rückt dabei zunehmend in den Blick. Eine aktuelle Studie an der Universität für Weiterbildung Krems zeigt nun, wie hoch die psychische Belastung in dieser Berufsgruppe ist.
Für die Studie wurden zwischen Oktober 2024 und Februar 2025 knapp über zweitausend österreichische Landwirt_innen und parallel dazu ungefähr gleich viele Personen aus der österreichischen Allgemeinbevölkerung online befragt. Erfasst wurden unter anderem depressive Symptome, Angstsymptome, Schlafstörungen, wahrgenommener Stress und problematischer Alkoholkonsum. Zum Einsatz kamen standardisierte Fragebögen, die Hinweise auf psychische Belastungen liefern, jedoch keine klinischen Diagnosen ersetzen.
Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen sind deutlich: 28,0 Prozent der befragten Landwirt_innen erreichten den Schwellenwert für klinisch relevante depressive Symptome – gegenüber 21,4 Prozent in der Allgemeinbevölkerung. Bei Angstsymptomen lagen die Werte bei 31,1 beziehungsweise 14,6 Prozent. Auch Schlafprobleme waren bei Landwirt_innen häufiger (15,3 gegenüber 9,0 Prozent). Besonders deutlich fiel der Unterschied beim wahrgenommenen Stress aus: 66,9 Prozent der Landwirt_innen berichteten von einem hohen Stressniveau, verglichen mit 51,0 Prozent in der Allgemeinbevölkerung. Bei problematischem Alkoholkonsum zeigte sich hingegen ein anderes Bild: Hier lagen die Werte bei Landwirt_innen niedriger als in der Allgemeinbevölkerung.
„International wissen wir bereits einiges über die psychische Gesundheit von Landwirt_innen – im deutschsprachigen Raum ist die Datenlage dagegen noch sehr begrenzt. Mit unseren Ergebnissen wollen wir dazu beitragen, das Thema stärker sichtbar zu machen und eine Grundlage für gezielte Unterstützung zu schaffen“, sagt Studienautorin Elke Humer vom Department für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der UWK.
Viele Belastungen wirken gleichzeitig
Welche Faktoren hinter mit der psychischen Belastung zusammenhängen könnten, untersuchte das Forschungsteam anhand derselben Befragung. Als besonders belastend wurden Bürokratie und Dokumentationspflichten, die Agrarpolitik, Preisschwankungen sowie hohe Arbeitsbelastung, Stress und Zeitdruck bewertet.
Interessant ist jedoch, dass die am stärksten wahrgenommenen Belastungen nicht automatisch jene waren, die am engsten mit schlechter psychischer Gesundheit zusammenhingen. Besonders deutlich waren die Zusammenhänge bei finanziellen Sorgen, hoher Arbeitsbelastung und Zeitdruck sowie sozialer Isolation. Bürokratie und Agrarpolitik wurden zwar als besonders belastend bewertet, zeigten jedoch deutlich schwächere Zusammenhänge mit den untersuchten psychischen Gesundheitsindikatoren. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede wurden sichtbar: Während Männer beispielsweise Agrarpolitik, Bürokratie, öffentlichen Druck und Tierschutzaktivismus als belastender bewerteten, berichteten Frauen häufiger von Belastungen durch Pflegearbeit, körperliche Arbeit und Generationenkonflikte.
Auffällig ist zudem, dass der Klimawandel von den Landwirt_innen vergleichsweise selten als besonders belastender Faktor genannt wurde. Auch der Zusammenhang mit den untersuchten psychischen Gesundheitsindikatoren war schwach.
Forschung beleuchtet auch Suizidgefährdung
Eine weitere Auswertung des Forschungsteams widmete sich der Suizidalität unter österreichischen Landwirt_innen und macht ebenfalls Unterschiede zwischen Landwirt_innen und der Allgemeinbevölkerung sichtbar: 19,7 Prozent der befragten Landwirt_innen berichteten von Suizidgedanken, gegenüber 14,3 Prozent in der Vergleichsgruppe.
Innerhalb der Gruppe der Landwirt_innen standen unter anderem finanzielle Belastungen und eine hohe landwirtschaftliche Arbeitsbelastung mit Suizidgedanken in Zusammenhang. Gleichzeitig zeigten sich allerdings auch Faktoren, die mit geringerer Suizidalität verbunden waren, darunter körperliche Aktivität außerhalb der Arbeit und das Leben in einer Partnerschaft.
Belastung ernst nehmen und Hilfsangebote bereitstellen
Die Untersuchungen geben Einblick in die psychische Gesundheit von Landwirt_innen in Österreich und zeigen ein komplexes Zusammenspiel beruflicher, wirtschaftlicher und sozialer Belastungen. Die Ergebnisse unterstreichen aus Sicht des Forschungsteams die Bedeutung von niederschwelligen und auf die Lebens- und Arbeitsrealität von Landwirt_innen zugeschnittenen Unterstützungsangeboten. Dazu zählen etwa finanzielle Beratung, Angebote zur gegenseitigen Unterstützung und ein einfacher Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung.
Hilfe in Krisen
- Hilfe, wenn der Hof zur Belastungsprobe wird: Unterstützungsangebote der Landwirtschaftskammer NÖ
- Bäuerliches Sorgentelefon: 0810 676 810 (Montag bis Freitag, 8:30 bis 12:30 Uhr, ausgenommen gesetzliche Feiertage)
- Unter suizid-praevention.gv.at finden sich Notrufnummern und Erste Hilfe bei Suizidgedanken.
- Telefonische Hilfe gibt es weiters österreichweit bei:
- Telefonseelsorge (0–24 Uhr, kostenlos): 142
- Männernotruf (0–24 Uhr, kostenlos): 0800 246 247
- Frauenhelpline (0–24 Uhr, kostenlos) 0800 222 555
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