Wie können Lebensbedingungen in informellen Siedlungen nachhaltig verbessert werden – und warum ist dabei die Perspektive von Frauen entscheidend? Im Projekt GIRT („Strengthening Research and Educational Competences of HEIs for Gender sensitive Urban InfoRmal Settlement Transformation“), das nun an sein Ende kommt, untersucht die Universität für Weiterbildung Krems gemeinsam mit internationalen Partnern aus Äthiopien und Mozambique urbane Transformationsprozesse im globalen Süden und entwickelt neue transdisziplinäre Forschungsansätze.
Informelle Siedlungen sind weltweit ein prägendes Phänomen schnell wachsender Städte – besonders im globalen Süden. Sie entstehen dort, wo Urbanisierung schneller verläuft als Infrastruktur, Planung und Wohnungsbau Schritt halten können. Das vom ÖAD geförderte Projekt GIRT setzt genau hier an: Es untersucht, wie sich Lebensbedingungen in solchen Siedlungen verbessern lassen – mit besonderem Fokus auf Frauen.
„Die zentrale Intention war, die Lebensbedingungen von Frauen in informellen Siedlungen zu verbessern“, erklärt Projektleiterin Tania Berger vom Department Bauen und Umwelt der Universität für Weiterbildung Krems. Dabei zeigte sich rasch eine Forschungslücke: Über die spezifischen Lebensrealitäten von Frauen in diesen Kontexten existiert bislang nur wenig belastbares Wissen.
Besonders deutlich wird dies am Beispiel Äthiopien: Informelle Siedlungen gelten dort offiziell als illegal – mit weitreichenden Konsequenzen für die Bewohnerinnen und Bewohner. Zugang zu Wasser, Strom oder anderen grundlegenden Infrastrukturen ist oft eingeschränkt oder vollständig verwehrt.
Warum die Perspektive von Frauen entscheidet
Ein zentrales Ergebnis des Projekts ist die Bedeutung geschlechtersensibler Perspektiven für Stadtentwicklung. Frauen tragen in vielen Gesellschaften einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit – und damit die Grundlage des sozialen Zusammenhalts.
„Wenn die Lebensbedingungen von Frauen schlecht sind, wirkt sich das auf die gesamte Gesellschaft aus“, betont Berger. Werden ihre Bedürfnisse in der Stadtplanung berücksichtigt, profitieren davon alle: Kinder, ältere Menschen und letztlich auch Männer.
Gleichzeitig sind Frauen in Entscheidungsprozessen häufig unterrepräsentiert – insbesondere in patriarchal geprägten Gesellschaften. Das Projekt zeigte eindrücklich, wie stark Machtverhältnisse den Diskurs beeinflussen: In Workshops verstummten Teilnehmerinnen teilweise, sobald Vertreter offizieller Institutionen anwesend waren, erinnert sich Berger.
Lokale Expertise als Schlüssel
Ein wesentliches Merkmal des Projekts ist sein bewusst gewähltes Forschungsdesign: Die Feldforschung wurde ausschließlich von lokalen Partner_innen durchgeführt. Denn externe Forschende hätten den Zugang zu den Communities verzerrt. „Die Handlungsmacht liegt bei den lokalen Partnerinnen in der Forschung“, so Berger . Die Rolle der Universität für Weiterbildung Krems bestand darin, den Prozess methodisch zu begleiten, zu strukturieren und wissenschaftlich auszuwerten.
Insgesamt wurden mehr als 400 qualitative Interviews geführt, transkribiert und analysiert. Darauf aufbauend wurden transdisziplinäre Dialogprozesse initiiert, in denen unterschiedliche Stakeholder – von Bewohnerinnen über lokale Verwaltungen bis hin zu Planungsbehörden – gemeinsam Problemlagen diskutierten.
Transdisziplinarität als Methode
GIRT verbindet interdisziplinäre Forschung mit transdisziplinären Ansätzen. Während interdisziplinäre Zusammenarbeit bereits eine Herausforderung vor allem im Rahmen des Projektes darstellt, geht Transdisziplinarität einen Schritt weiter: Sie integriert auch nicht-wissenschaftliche Akteur_innen in den Forschungsprozess. „Transdisziplinäre Forschung ist ein demokratisierendes Werkzeug“, erklärt Berger. Ziel ist es, ein gemeinsames Problemverständnis zu entwickeln und darauf aufbauend Lösungen zu erarbeiten.
Doch gerade im Kontext des globalen Südens stößt dieser Ansatz an Grenzen. Viele Voraussetzungen, die in westlichen Forschungszusammenhängen als selbstverständlich gelten – etwa freie Meinungsäußerung, zeitliche Ressourcen oder finanzielle Absicherung – sind hier nicht gegeben. Ein Beispiel: Für viele Bewohnerinnen informeller Siedlungen bedeutet die Teilnahme an Workshops einen Einkommensverlust. „Freiwilligkeit ist für Menschen, die in sehr prekären Verhältnissen leben, oft keine realistische Option“, so Berger.
Zwischen Unsicherheit und Transformation
Die Forschung machte deutlich, wie volatil urbane Lebensrealitäten in schnell wachsenden Städten sind. In Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, mussten nach der ersten Auswahl letztendlich andere Untersuchungsgebiete gefunden werden, da die ursprünglich ausgewählten Siedlungen geräumt wurden oder Konflikte dort eskalierten.
Selbst formal anerkannte Wohngebiete bieten keine Sicherheit: Bewohnerinnen berichteten von ständiger Angst vor Umsiedlung im Zuge groß angelegter Modernisierungsprogramme.
„Formaler Mietvertrag bedeutet nicht automatisch sichere Wohnung“, resümiert Berger . Diese Erkenntnis erweitert das Verständnis von Informalität deutlich.
Dialog als Erfolg
Konkrete strukturelle Veränderungen lassen sich in der kurzen Laufzeit eines Projekts kaum messen. Dennoch sieht das Forschungsteam einen wichtigen Erfolg: den Dialog zwischen bislang getrennten Akteursgruppen. „Dass Verwaltungsvertreter und Bewohnerinnen informeller Siedlungen überhaupt miteinander gesprochen haben, ist bereits ein Fortschritt“, so Berger, die das Projekt auch unter dem Gesichtspunkt angewandte Science Diplomacy betrachtet. Diese mit dem Projekt neu geschaffenen Kommunikationsräume bilden die Grundlage für langfristige Veränderungen – auch über das Projekt hinaus.
Lernen für den globalen Kontext
Ein zentrales Ergebnis von GIRT liegt in der Weiterentwicklung transdisziplinärer Forschung im globalen Süden. Das Projekt zeige, wie stark methodische Ansätze an lokale Kontexte angepasst werden müssten, so die Wissenschaftlerin. Zugleich eröffnet die Zusammenarbeit neue Perspektiven für europäische Forschung und Lehre. „Wir lernen, anders zu denken – wirklich ‘out of the box’ “, betont Berger.
Darüber hinaus trägt das Projekt zur friedensstiftenden Verständigung bei: Wissenschaftliche Kooperationen zwischen Regionen, die politisch im Konflikt stehen, können Vertrauen schaffen und langfristig zur Stabilisierung beitragen.
Transformation als langfristiger Prozess
Mit dem Ende der Projektlaufzeit stellt sich die zentrale Frage nach der Nachhaltigkeit. Ziel ist es, die aufgebauten Netzwerke und Prozesse weiterzuführen und in zukünftigen Projekten zu vertiefen.
GIRT zeigt: Geschlechtersensible Stadtentwicklung ist kein Randthema, sondern ein Schlüssel für nachhaltige urbane Transformation – mit Relevanz weit über die untersuchten Regionen hinaus.
Projektinfo:
Strengthening Research and Educational Competences of HEIs for Gender sensitive Urban InfoRmal Settlement Transformation
Laufzeit: 2022-2026
Fördergeber: OEAD, Austrian Partnership Programme in Higher Education and Research for Development
Projektverantwortlich: Dipl.-Ing.in Dr.in Tania Berger, Department für Bauen und Umwelt
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