30.06.2026

Gedächtnisbeschwerden im Alter kennen viele – und sie bereiten vielen Sorge. Dabei lässt sich mehr tun, als man denkt: Bis zu 45 Prozent der Demenzrisiken sind beeinflussbar, etwa durch geistige und soziale Aktivität. Genau hier setzte „Gesundes Museum" an. Das interdisziplinäre Projekt der Universität für Weiterbildung Krems prüfte, ob Museen zu Orten werden können, die aktiv zur Hirngesundheit älterer Menschen beitragen.

In sieben vierwöchigen Kursen nahmen 68 Personen ab 60 Jahren teil, im Schnitt neun bis zehn pro Gruppe. Statt große Gruppen durch die Säle zu führen, setzten die Kulturvermittler_innen auf individuelle Begleitung. Nach dem Prinzip des „slow viewing" standen pro Einheit lediglich drei bis vier Exponate im Mittelpunkt, ergänzt um Gesprächsrunden und Methoden, die mehrere Sinne ansprechen. Die Teilnahme war kostenlos. 

Mehr als ein Museumsbesuch

„Es ist dringend nötig, dass wir jetzt gute multidisziplinäre Angebote entwickeln, die die Menschen motivieren, einen aktiveren Lebensstil zu beginnen", sagt Univ.-Prof.in i. R. Dr.in Stefanie Auer, Projektleiterin und Leiterin des Departments für Demenzforschung und Pflegewissenschaft an der Universität für Weiterbildung Krems. „Ein wichtiger Bestandteil dieser Angebote muss die Würdigung der individuellen Bedürfnisse der Personen sein. Jeder und jede Person sollte lernen, wie man die Hirngesundheit bis ins hohe Alter erhalten kann und wo man hingehen kann, um Gleichgesinnte zu finden - zum Beispiel in ein Museum."

Die vorläufigen Auswertungen zeichnen ein vielversprechendes Bild und zeigen den Bedarf nach entsprechenden Angeboten: Nach den Kurseinheiten fühlten sich die Teilnehmer_innen wohler als zuvor, und viele berichteten, dass sie sich in der Gruppe weniger allein fühlten. „Dass wir hier mit jemandem reden können, ist toll", sagte eine Teilnehmerin. „Man beginnt ja zu Hause oft schon, mit sich selbst zu reden."

Kultur, die zusammenbringt

Co-Projektleiterin Univ.-Prof.in Dr.in Anja Grebe, Professorin für Kulturgeschichte und Museale Sammlungswissenschaften an der Universität für Weiterbildung Krems und Leiterin des dortigen Zentrums für Kulturen und Technologien des Sammelns, ordnete diese Beobachtungen aus museumswissenschaftlicher Perspektive ein. Sie beleuchtete, welchen gesellschaftlichen Auftrag Museen erfüllen können, wenn professionelle Kulturvermittlung Schwellen senkt und das gemeinsame Betrachten von Kunst und historischen Objekten zu Gespräch und Begegnung führt. 

„Museen sind wichtige Schnittstellen zwischen Vergangenheit und Zukunft. In einer immer hektischeren Gegenwart laden sie zu Entschleunigung und Kunstgenuss ein”, sagt Grebe. „Angeleitet von professionellen Kulturvermittler_innen wird die Begegnung mit Kunst zum Katalysator für Erinnerungen, weckt Neugier, Kreativität und regt zum Austausch an.”

Das Pilotprojekt belege die Erfolge inklusiver Kulturvermittlung ebenso wie den dringenden Bedarf an zukünftiger Forschung. „Das Geheimnis des ‘Gesunden Museums’ sind Wiederholung und Gemeinschaft”, betont Grebe. „Erst die vier wöchentlichen Kurseinheiten machen den Museumsbesuch zur Routine, und erst die gemeinsame Betrachtung der Objekte bildet die Grundlage für einen bereichernden Diskurs.”

Ein Gewinn für Museen

Was das Projekt für Museen bedeutet, zeigte Julia Häußler vom Kunsthistorischen Museum auf. Das Konzept des „Gesunden Museums“ ermöglicht Kultureinrichtungen, ihren Bildungsauftrag um die Förderung von Gesundheit, sozialer Teilhabe, Lebensqualität und Wohlbefinden zu erweitern. Damit können sie ihre Rolle als offene Begegnungsorte, die Menschen zusammenbringen und einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten, festigen.
 
Die Verbindung von Kulturvermittlung und Gesundheitsförderung eröffnet zudem neue Möglichkeiten für Kooperationen mit Gesundheits- und Sozialeinrichtungen sowie für die Einwerbung von Fördermitteln. Was als Forschungsprojekt begann, kann so zu einem festen Bestandteil der Vermittlungsarbeit werden – und die gesellschaftliche Relevanz von Museen sichtbar machen sowie ihre Zukunftsfähigkeit stärken.

Zum Projekt

Das im Dezember 2023 gestartete und vom Fonds Gesundes Österreich sowie der Wiener Gesundheitsförderung finanzierte Projekt richtete sich gezielt an Menschen ab 60 Jahren. In Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum, dem Wien Museum, der Albertina, dem Technischen Museum Wien und den Wiener Bezirksmuseen wurden Vermittlungsprogramme erprobt, die kognitive Stimulation und soziale Begegnung verbinden.

Zum Anfang der Seite