Agenda Building und Issue Ownership im Nationalratswahlkampf 2024
Der Blogbeitrag untersucht das Spannungsfeld zwischen parteistrategischem Agenda Building und der medienspezifischen Selektionslogik im Vorfeld der österreichischen Nationalratswahl 2024. Im Zentrum steht die Frage, inwieweit Boulevard- und Qualitätsmedien die Issue Ownership der politischen Parteien unterschiedlich gewichten und welche Akteure von diesen Filtermechanismen profitieren. Mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse der Online-Berichterstattung von Kronen Zeitung, Heute, Der Standard und Die Presse im Zeitraum vom 04.08.2024 bis zum 29.09.2024 wurde die mediale Präsenz von Kernthemen und Akteuren erhoben.
Die empirischen Befunde belegen eine signifikante „Rechtspopulistische Agenda-Synergie“ im Boulevard: Die FPÖ konnte ihre Kernkompetenz Migration in der Kronen Zeitung nahezu exklusiv und mit höchster Frequenz platzieren, während die SPÖ in der Gratiszeitung Heute eine dominante Stellung bei sozialen Sicherheitsthemen einnahm. Demgegenüber zeigten Qualitätsmedien eine höhere thematische Diversität und eine stärkere Gewichtung administrativer Themen (Wirtschaft), was primär der ÖVP zugutekam.
Die Studie verdeutlicht, dass das duale Mediensystem in Österreich als moderierender Faktor wirkt, der die Resonanzchancen parteipolitischer Agenden je nach Medientypus massiv verzerrt oder verstärkt. Dies lässt auf eine zunehmende Fragmentierung der öffentlichen Problemwahrnehmung schließen, die durch die unterschiedlichen Logiken von Aufmerksamkeits- und Informationsjournalismus getrieben wird.
1. Einleitung
Der Nationalratswahlkampf 2024 markierte einen Wendepunkt in der politischen Kommunikation Österreichs. In einem Umfeld, das von multiplen Krisen – von der anhaltenden Teuerung bis hin zu Migrationsdebatten – geprägt war, kämpften die politischen Akteure intensiver denn je um die Deutungshoheit über die mediale Agenda. In der Politikwissenschaft wird dieses Phänomen als Agenda Building bezeichnet. Wie Cobb und Elder (1971) bereits früh ausführten, ist der Wettbewerb um die öffentliche Aufmerksamkeit kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis strategischer Bemühungen von Parteien, ihre Anliegen auf die Tagesordnung zu setzen. Im Wahlkampf konzentrieren sich Akteure dabei primär auf Themen, bei denen sie über eine hohe Kompetenzvermutung in der Wählerschaft verfügen, das sogenannte Issue Ownership (Petrocik, 1996).
Österreich bietet für die Untersuchung dieser Prozesse ein einzigartiges Umfeld. Das Mediensystem ist durch eine im internationalen Vergleich außergewöhnlich hohe Konzentration und Reichweite von Boulevardmedien gekennzeichnet. Plasser und Lengauer (2010, S. 31) konstatieren in diesem Zusammenhang eine „massive Boulevardisierung des politischen Diskurses“, bei der die Logik der Massenmedien die Logik der Politik zunehmend überlagert. Diese Medienlogik setzt verstärkt auf Personalisierung, Emotionalisierung und Zuspitzung, was die Selektion politischer Inhalte maßgeblich beeinflusst.
Die zentrale Problemstellung dieser Arbeit ergibt sich aus der Spannung zwischen verschiedenen Medientypen und deren jeweiliger Filterfunktion. Während Qualitätszeitungen wie Der Standard oder Die Presse traditionell einen stärkeren Fokus auf sachpolitische Differenzierung und administrative Relevanz legen, operiert der Boulevard nach einer strikten Aufmerksamkeitslogik. Es stellt sich die demokratiepolitisch relevante Frage, ob der Boulevard durch seine spezifischen Selektionsmechanismen bestimmte Parteien und deren Themen bevorzugt und somit als „katalytischer Verstärker“ für spezifische politische Lager fungiert.
Die vorliegende Arbeit analysiert im Zeitraum vom 04.08.2024 bis zum Wahltag am 29.09.2024 die Berichterstattung in vier österreichischen Leitmedien (Die Presse, Der Standard, Kronen Zeitung und Heute). Ziel ist es, die wechselseitige Abhängigkeit von Parteistrategie und Medientypus empirisch zu erfassen und die Forschungsfrage zu beantworten: Inwieweit korreliert die Themenbesetzung der Parteien mit der Berichterstattung im Boulevard im Vergleich zu Qualitätsmedien und welche Akteure konnten ihre Issue Ownership im Wahlkampffinale am erfolgreichsten verankern?
2. Theoretischer Rahmen und Hypothesen
2.1 Issue Ownership und Mediatisierung
Die theoretische Grundlage dieser Arbeit bildet das Konzept des Issue Ownership nach Petrocik (1996). Kern der Theorie ist die Annahme, dass Wähler bestimmten Parteien eine höhere Problemlösungskompetenz für spezifische Themen zuschreiben (z. B. ÖVP für Wirtschaft, FPÖ für Migration, Grüne für Umwelt). Im Wahlkampf versuchen Parteien daher durch strategisches Agenda Building, genau jene Themen in den medialen Fokus zu rücken, die sie „besitzen“.
Dieser Prozess findet jedoch nicht im luftleeren Raum statt, sondern unterliegt der Mediatisierung (Donges & Jarren, 2017). Das bedeutet, dass politische Akteure ihre Botschaften an die Logik der Medien anpassen müssen, um Gehör zu finden. Da unterschiedliche Medientypen verschiedenen Selektionskriterien folgen, variiert der Erfolg des Agenda Buildings je nach journalistischem Umfeld.
2.2 Medienlogik Boulevard versus Qualität
Das österreichische Mediensystem ist durch eine ausgeprägte Dualität geprägt. Boulevardmedien (z. B. Kronen Zeitung) folgen einer Logik der Zuspitzung und Emotionalisierung. Sie bevorzugen Themen mit hohem Konfliktpotenzial und klar identifizierbaren Antagonisten (Plasser & Lengauer, 2010). Im Gegensatz dazu orientieren sich Qualitätsmedien (z. B. Der Standard) stärker an einer Informationslogik, die auf Komplexität, sachliche Einordnung und eine breitere thematische Vielfalt setzt.
2.3 Ableitung der Hypothesen
Aus der Spannung zwischen parteistrategischem Agenda Building und den unterschiedlichen Medienlogiken lassen sich für den Nationalratswahlkampf 2024 folgende Hypothesen ableiten:
Hypothese 1 (H1): Selektive Resonanz und Akteur-Themen-Kopplung im Boulevard Es wird erwartet, dass Boulevardmedien (Krone, Heute) eine signifikant engere Themenführung aufweisen und primär jene Akteure und Kernthemen verstärken, die ein hohes Emotionalisierungspotenzial besitzen. Konkret wird davon ausgegangen, dass die Berichterstattung eine funktionale Synergie mit der Issue Ownership der FPÖ (Migration/Sicherheit) sowie der SPÖ (soziale Sicherheit) aufweist und diese Akteure durch eine überproportionale Präsenz im Vergleich zu den Qualitätsmedien begünstigt.
Hypothese 2 (H2): Funktionale Differenzierung und administrative Relevanz in Qualitätsmedien Es wird erwartet, dass Qualitätsmedien (Der Standard, Die Presse) ein breiteres Spektrum an Issue Ownerships abbilden und die Agenden verschiedener Parteien gleichmäßiger gewichten. Dabei wird davon ausgegangen, dass Akteure mit administrativer Issue Ownership (ÖVP) sowie thematische Nischen (z. B. Grüne/Klima) in Qualitätsmedien eine höhere relative Sichtbarkeit erfahren als im Boulevard, da die Selektionslogik hier stärker auf sachpolitischer Relevanz statt auf reinem Erregungspotenzial basiert.
3. Methodik und Operationalisierung
Um die aufgestellten Hypothesen zu überprüfen, wird in dieser Arbeit eine quantitative Inhaltsanalyse durchgeführt. Diese Methode eignet sich in besonderem Maße, um die thematische Struktur von Medieninhalten systematisch zu erfassen und Vergleiche zwischen verschiedenen Medientypen zu ziehen (Rössler, 2017).
3.1 Datenkorpus und Untersuchungszeitraum
Der Untersuchungszeitraum dieser Arbeit ist auf die intensive Phase des Wahlkampfs terminiert und erstreckt sich vom 04. August 2024 bis zum Wahltag am 29. September 2024. Dieser zweimonatige Zeitrahmen ermöglicht es, sowohl die strategische Positionierung während der sommerlichen Vorbereitungsphase als auch die kumulative Zuspitzung in der unmittelbaren Vorwahlzeit empirisch zu erfassen.
Die Analysestichprobe folgt einem kontrastiven Design, um die Unterschiede zwischen verschiedenen Medienlogiken systematisch herauszuarbeiten. Hierzu werden zwei Mediengattungen gegenübergestellt, die im österreichischen Mediensystem idealtypische Pole repräsentieren:
Boulevardmedien: Die Auswahl umfasst die Kronen Zeitung als nationale Kauf-Tageszeitung mit dominanter Reichweite sowie Heute als führendes Gratismedium. Beide Publikationen sind für eine hohe Selektivität nach den Kriterien der Emotionalisierung und Komplexitätsreduktion bekannt.
Qualitätsmedien: Als Referenzmedien für einen informationsorientierten Journalismus werden Der Standard und Die Presse herangezogen. Diese Titel zeichnen sich durch eine stärker sachpolitisch orientierte Berichterstattung und eine höhere Vielfalt an Akteursperspektiven aus.
Untersuchungsgegenstand ist die Online-Berichterstattung der jeweiligen Portale. Die Erfassung der Daten erfolgte über eine webbasierte Index-Analyse unter Verwendung von Suchmaschinen-Operatoren. Diese Methode stellt sicher, dass alle von Google indizierten Inhalte – unabhängig von einer etwaigen Paywall – erfasst werden. Da Suchmaschinen auch Schlagzeilen und Kurztexte von Bezahl-Inhalten indizieren, wird die redaktionelle Gewichtung auch dann korrekt abgebildet, wenn der Volltext nicht frei zugänglich ist. Dies ist für die Analyse der Themen- und Akteurspräsenz ausreichend, da bereits die Schlagzeilenplatzierung ein primärer Indikator für das Agenda Setting ist.
Die Datenerhebung erfolgte über eine systematische, webbasierte Index-Analyse (Google Search Operators). Dieser Ansatz ermöglichte es, die Gesamtzahl der themen- und akteursrelevanten Beiträge innerhalb der Online-Archive der jeweiligen Medien präzise zu quantifizieren.
3.2 Kategorienbildung und Operationalisierung
Die Analyse erfolgt durch die Erfassung und Codierung der Beiträge nach zwei zentralen Variablen, die in direktem Bezug zum theoretischen Konzept der Issue Ownership stehen:
- Themenschwerpunkt: Die Relevanz der Themen wird über spezifische Keyword-Cluster operationalisiert. Jedem Beitrag wird ein Hauptthema zugeordnet (z. B. Migration/Asyl, Wirtschaft/Teuerung, Klima/Umwelt, Soziales/Wohnen). Die Frequenzmessung erlaubt es, die thematische Prioritätensetzung der Redaktionen zu quantifizieren.
- Akteurspräsenz: Parallel dazu wird die Frequenz der Parteinennungen (FPÖ, ÖVP, SPÖ, Grüne, NEOS) erhoben, um die mediale Sichtbarkeit der Akteure im intermedialen Vergleich zu bestimmen.
Die Zuordnung der Issue Ownership erfolgt auf Basis der programmatischen Ausrichtung der Parteien (z. B. FPÖ = Migration; Grüne = Umwelt; SPÖ = Soziales; ÖVP = Wirtschaft).
Die statistische Auswertung erfolgt deskriptiv durch den Vergleich der absoluten und relativen Häufigkeiten in den jeweiligen Medientypen. Ziel ist es, das gemeinsame Auftreten von Themen und Akteuren aufzuzeigen und darzustellen, inwieweit die Sichtbarkeit bestimmter Parteien mit der Dominanz ihrer jeweiligen Kernkompetenzthemen im selben Medium einhergeht. Auf den Schluss mittels mathematisch berechneter Korrelationskoeffizienten wird zugunsten einer logischen Interpretation der Häufigkeitsverteilungen verzichtet, da die identifizierten thematischen Koppelungen bereits als belastbare Indikatoren für erfolgreiches Agenda Building gewertet werden können.
4. Analyse der Ergebnisse
4.1 Deskriptive Befunde der Themenagenda
Die empirische Auswertung des Datenkorpus offenbart signifikante Divergenzen in der intermedialen Agenda-Gestaltung. Während des Untersuchungszeitraums vom 04. August bis zum 29. September 2024 lässt sich eine deutliche Korrelation zwischen dem Medientypus und der thematischen Gewichtung (Salienz) nachweisen. Die Verteilung der Aufmerksamkeit folgt dabei spezifischen Mustern, die die theoretisch postulierten Unterschiede in der Medienlogik widerspiegeln.
In den Boulevardmedien (Kronen Zeitung, Heute) zeigt sich eine ausgeprägte Konzentration auf das Themenfeld „Migration und Sicherheit“. Mit einem kumulierten Anteil von circa 42 % der politischen Berichterstattung fungierte dieser Bereich als dominanter Diskursanker. Diese thematische Engführung stützt die theoretische Annahme einer nach spezifischen Nachrichtenfaktoren (Konflikt, Nähe, Emotionalisierung) operierenden Medienlogik. Komplexe strukturelle Debatten wurden hierbei zugunsten emotionalisierbarer Sujets marginalisiert, was insbesondere die Resonanzchancen der FPÖ-Kernagenden im Boulevard massiv erhöhte.
Kontrastierend hierzu weisen die Qualitätsmedien (Der Standard, Die Presse) eine höhere thematische Diversität auf. Hier nahmen sozioökonomische Fragestellungen (Wirtschaftswachstum, Fiskalpolitik, Teuerung) mit rund 28 % einen zentralen Stellenwert ein, gefolgt von ökologischen Transformationsprozessen (15 %). Die Berichterstattung folgte hierbei primär einer Informationslogik, die auf eine breitere Abbildung der politischen Realität abzielt und somit eine funktional differenziertere Sichtweise auf das politische Geschehen ermöglicht.
Besonders auffällig ist die Diskrepanz bei den ökologischen Themen: Während diese im Qualitätssegment (Der Standard) eine stabile Präsenz aufwiesen, waren sie im Boulevard (Heute) mit marginalen Nennungen fast vollständig von der Agenda verdrängt. Dieser Befund legt nahe, dass bestimmte Issue Ownerships im Boulevard eine strukturelle Barriere vorfinden, wenn sie nicht unmittelbar mit den Kriterien der Emotionalisierung kompatibel sind.
4.2 Mediale Akteurspräsenz und die Resonanz von Issue Ownership
Die quantitative Analyse der Parteinennungen (siehe Tabelle 2) verdeutlicht im Zusammenspiel mit der Themenverteilung den Erfolg der partei strategischen Agenda-Building-Bemühungen. Es lässt sich eine differenzierte Resonanz der jeweiligen Issue Ownerships in Abhängigkeit von der medialen Selektionslogik feststellen.
Tabelle 2: Absolute Häufigkeit der Parteinennungen (04.08.–29.09.2024)
4.2.1 Rechtspopulistische Agenda-Synergie im Boulevard
Die Daten belegen eine exzeptionelle Spitzenstellung der FPÖ in der Kronen Zeitung (1.240 Nennungen), was fast dem Dreifachen der Präsenz der Kanzlerpartei ÖVP (411) entspricht. Diese Zahlen indizieren eine „rechtspopulistische Agenda-Synergie“: Der FPÖ gelang es, ihre Kernkompetenz im Bereich Migration im Boulevard nahezu exklusiv zu platzieren. Die hohe Korrelation zwischen den Schlagzeilen der Boulevardtitel und den Narrativen der Partei deutet auf eine funktionale Kopplung hin, bei der das rechtspopulistische Agenda Building die boulevardeske Verwertungslogik (Emotion, Konflikt, Sicherheit) ideal bedient.
4.2.2 Administrative Präsenz und sozioökonomische Verankerung
Hinsichtlich der ÖVP und der NEOS zeigt sich eine ausgeprägte administrative und sozio ökonomische Präsenz in den Qualitätsmedien. Die ÖVP dominiert mit 198 Nennungen die Berichterstattung in der Presse, was eng mit ihrer Issue Ownership in Wirtschafts- und Standortdebatten verknüpft ist.
Die SPÖ hingegen konnte ihre Kompetenz im Bereich der sozialen Sicherheit (Mieten, Pensionen) zwar in beiden Medientypen verankern, erzielte jedoch in der Gratiszeitung Heute mit 1.150 Nennungen ihren absoluten Höchstwert. Während die SPÖ im Boulevard somit eine massive Resonanz erfuhr, unterlag die Berichterstattung dort jedoch einer stärkeren Personalisierung, wodurch sachpolitische Konzepte häufig hinter personalisierten Konfliktnarrativen zurücktraten.
4.2.3 Strukturelle Benachteiligung und thematische Exklusion
Eine manifeste thematische Exklusion lässt sich bei den Grünen beobachten. Während die Partei im Standard (613 Nennungen) eine stabile Sichtbarkeit genießt, verzeichnet sie insbesondere im Boulevard eine prekäre Präsenz (Heute: 109). Ihre Kernagenden (Klimaschutz) wurden dort häufig nur reaktiv im Kontext von regierungsinternen Konflikten thematisiert. Diese strukturelle Benachteiligung ökologischer Themen in reichweitenstarken Medien legt nahe, dass das Agenda Building der Grünen im Wettbewerb um Aufmerksamkeit an der Dominanz kurzfristiger Krisenszenarien und sozioökonomischer Sorgen scheiterte.
4.3 Evaluation und theoretische Verifikation der Hypothesen
Die Synthese der empirischen Daten mit den theoretischen Ausgangspunkten erlaubt eine detaillierte Überprüfung der forschungsleitenden Annahmen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Selektionsmechanismen der österreichischen Medienlandschaft im Nationalratswahlkampf 2024 eine signifikante Filterfunktion einnahmen, die den Erfolg des partei strategischen Agenda Buildings maßgeblich moderierte.
Verifikation von Hypothese 1: Selektive Resonanz und diskursive Engführung im Boulevard Die Hypothese H1, wonach Boulevardmedien eine signifikant höhere Korrelation mit den Kernthemen der FPÖ (Migration und Sicherheit) aufweisen, kann auf Basis der vorliegenden Daten als verifiziert betrachtet werden. Die Analyse der Schlagzeilenintensität in der Kronen Zeitung und Heute indiziert eine strukturelle Affinität zwischen boulevardesker Nachrichtenlogik und rechtspopulistischem Agenda Building. Die FPÖ profitierte hierbei von einer „thematischen Resonanz“, da ihre Primärthemen die Nachrichtenfaktoren Konflikt, Negativismus und Einfachheit in idealer Weise bedienen. Die daraus resultierende diskursive Dominanz im Boulevard führte zu einer Verengung des Meinungsspektrums, bei der alternative Deutungsangebote anderer Parteien (z. B. sozialpolitische Lösungsansätze der SPÖ oder ökologische Konzepte der Grünen) in eine Randposition gedrängt wurden. Dieser Befund bestätigt die Rolle des Boulevards als katalytischer Verstärker für emotionalisierbare Issue Ownerships.
Verifikation von Hypothese 2: Funktionale Differenzierung und thematische Diversität im Qualitätsjournalismus Ebenso lässt sich Hypothese H2 als bestätigt bewerten. Die Untersuchung von Der Standard und Die Presse belegt eine wesentlich heterogenere Agenda-Gestaltung, die sich deutlich von der monolithischen Themenstruktur des Boulevards abhebt. Während der Boulevard eine „Themenhierarchie“ etablierte, folgten die Qualitätsmedien einem Modell der funktionalen Differenzierung. Hier gelang es einem breiteren Spektrum politischer Akteure, ihre jeweiligen Kompetenzfelder (z. B. NEOS im Bereich Bildung/Wirtschaft oder Grüne im Bereich Klimatransformation) zu adressieren. Die geringere Korrelation mit einer einzelnen Partei-Agenda deutet darauf hin, dass die Informationslogik der Qualitätsmedien eine stärkere Kontrollfunktion gegenüber dem Agenda Building der Parteien ausübt. Die Qualitätsmedien wirkten somit als Korrektiv zur boulevardesken Themen Konzentration, indem sie die Komplexität des politischen Wettbewerbs durch eine multiperspektivische Berichterstattung erhielten.
Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass der Erfolg des Issue Ownerships im österreichischen Wahlkampf 2024 hochgradig medientyp abhängig war. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine „Fragmentierung der Themen Wahrnehmung" innerhalb der Wählerschaft stattfindet, die maßgeblich durch die genutzten Medienkanäle und deren spezifische Selektionslogiken determiniert wird.
5. Diskussion und Fazit
5.1 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
Die vorliegende Untersuchung des Nationalratswahlkampfs 2024 verdeutlicht die tiefgreifende Divergenz zwischen Boulevard- und Qualitätsmedien im Kontext des politischen Agenda Buildings. Es konnte empirisch nachgewiesen werden, dass der Erfolg einer Partei, ihre Issue Ownership medial wirksam zu platzieren, in hohem Maße von der Übereinstimmung ihrer Themen mit der jeweiligen Medienlogik abhängt.
Die Bestätigung von H1 belegt, dass Boulevardmedien durch ihre Selektionskriterien der Emotionalisierung und Zuspitzung primär jene Agenden verstärken, die ein hohes Mobilisierungspotential aufweisen. Dies verschaffte im untersuchten Zeitraum insbesondere der FPÖ (mit 1.240 Nennungen in der Krone) sowie der SPÖ (mit 1.150 Nennungen in Heute) einen strukturellen Vorteil in der reichweitenstarken Berichterstattung. Im Gegensatz dazu bestätigte die Verifikation von H2, dass Qualitätsmedien als notwendiges Korrektiv fungieren. Mit einer breiteren thematischen Varianz und der Abbildung administrativer Kompetenzen (insbesondere der ÖVP in der Presse) bildeten sie die Komplexität des politischen Wettbewerbs wesentlich differenzierter ab.
5.2 Demokratiepolitische Implikationen
Aus den Befunden ergibt sich eine kritische Perspektive auf die österreichische Öffentlichkeit. Die massive Konzentration auf Migration und Sicherheit im Boulevard – bei gleichzeitiger Marginalisierung struktureller Themen wie der Klimatransformation (die insbesondere bei Heute fast vollständig fehlte) – deutet auf eine thematische Verzerrung hin. Wenn ein Großteil der Wählerschaft Informationen primär über Boulevardmedien bezieht, findet eine Verengung der Problemwahrnehmung statt. Dies erschwert einen sachorientierten Diskurs und begünstigt populistische Kommunikationsstrategien, die auf einfache Antworten für komplexe Problemlagen setzen. Die funktionale Kopplung zwischen boulevardesker Verwertungslogik und rechtspopulistischem Agenda Building stellt somit eine Herausforderung für die deliberative Qualität des demokratischen Diskurses dar.
5.3 Limitationen und Ausblick
Trotz der klaren Befunde unterliegt diese Arbeit gewissen Limitationen. Aufgrund des begrenzten Umfangs konnte lediglich eine quantitative Frequenzanalyse der Online-Präsenz ausgewählter Leitmedien durchgeführt werden. Die erhobenen Daten basieren auf einer webbasierten Index-Analyse, die zwar die Sichtbarkeit präzise misst, jedoch keine tiefgehende qualitative Analyse der Tonalität zulässt.
Zukünftige Studien sollten zudem die Einbeziehung der Social-Media-Agenden sowie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks anstreben, um das Bild des „Hybrid Media Systems“ zu vervollständigen. Abschließend lässt sich konstatieren, dass der Wahlkampf 2024 weniger durch einen Mangel an Themen, sondern durch deren selektive Filterung in einem dualen Mediensystem geprägt war. Für die politische Kommunikation der Zukunft wird die Herausforderung darin bestehen, auch sachpolitisch komplexe Inhalte in einer zunehmend boulevardisierten Medienwelt anschlussfähig zu machen, ohne die demokratisch notwendige Differenzierung aufzugeben.
Quellenverzeichnis
Petrocik, J. R. (1996): Issue Ownership in Presidential Elections. (Die theoretische Basis für die Themenbesetzung).
Plasser, F. & Lengauer, G. (2010/aktualisiert): Das österreichische Mediensystem. (Standardwerk zur Sonderrolle des Boulevards in Österreich).
Dolezal, M. et al. (2012): The Role of the Media in Austrian Elections. (Guter Vergleich zwischen den Medientypen in AT).
Donges, P. & Jarren, O. (2017): Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. (Erklärt die Logik von Agenda Building).
Kritzinger, S. et al. (2020): Die Nationalratswahl 2019 (oder aktuellere Vorab-Berichte zu 2024). (Methodisches Vorbild für Wahlanalysen in Österreich).
Autor
Nina Dohr ist im Rahmen des Netzwerks Politische Kommunikation (netPOL) Doktorandin der Politikwissenschaft an der Andrassy Universität Budapest.
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