Die keltische Siedlung in Haselbach

Team der Donau-Universität Krems widmet sich im Rahmen eines internationalen Projektes der Erforschung keltischer Siedlungen

08.11.2017

Während in der Vergangenheit die Erforschung großer keltischer Zentren im Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit stand, fanden bislang mittelgroße Siedlungen der Latènekultur mit einer Fläche von 6 bis 10 Hektar wenig Beachtung. Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Donau-Universität Krems und der französischen Université de Strasbourg widmet sich seit 2015 diesem Desiderat. Im Mittelpunkt steht dabei eine keltische Siedlung, die sich im nördlich von Stockerau gelegenen Haselbach (Gemeinde Niederhollabrunn), Niederösterreich, befand und die in mehreren Grabungsetappen erforscht werden soll. Erst vor kurzem wurde dort die dritte Ausgrabung beendet, die wiederum interessante Ergebnisse zu Tage gefördert hat.

Bereits zum dritten Mal fanden in Haselbach durch ein internationales Team von ForscherInnen und Studierenden aus Frankreich und Österreich Ausgrabungen statt. Im Mittelpunkt der archäologischen Aktivitäten stand dieses Jahr das Zentrum der ehemaligen keltischen Siedlung. Mit Hilfe der im Vorfeld durchgeführten Bodenprospektion – quasi einer Röntgenaufnahme des Untergrunds – wurde dort ein quadratisches Gebilde lokalisiert, das – so die erste Vermutung der ForscherInnen – als Heiligtum gedient haben könnte. Ähnliche Strukturen wurden bereits in Roseldorf in Niederösterreich entdeckt, die dort eindeutig sakrale Funktionen hatten. Bei den Grabungen im Sommer 2017 wurde diese erste Annahme bestätigt. So wurden u.a. Pferdeknochen und eine keltische Münze sichergestellt, die durch ihre nachweisbare Funktion als Opfergaben auf die religiöse Verwendung des Ortes schließen lassen.

Ein weiterer erstaunlicher Fund war das Skelett einer jungen Frau, die im Alter von 18 bis 20 Jahren verstorben war. Von besonderem Interesse ist der Ort ihrer Bestattung, der nicht wie üblich abseits der Siedlung lag, sondern direkt in einem Getreidespeicher. Ein überaus seltenes Phänomen, das viele Fragen aufwirft. Beispielsweise an welchen Ursachen die junge Frau gestorben ist oder warum sie gerade an dieser Stelle beerdigt wurde.


Naturwissenschaftliche Methoden

Um diese und ähnliche Fragen überhaupt beantworten zu können, setzt das Team der ArchäologInnen bei ihrer Arbeit nicht nur auf die klassischen archäologischen Werkzeuge wie Grabungsbefunde, sondern auch auf ein breites Spektrum an modernen naturwissenschaftlichen Methoden wie Bodenanalysen oder mikromorphologische Auswertungen. So konnte beispielsweise durch mikromorphologische Untersuchungen nachgewiesen werden, dass die keltischen Grubenhäuser unter anderem als Stallungen fungierten, in denen Schafe und Ziegen gehalten wurden. Um die Fülle an naturwissenschaftlichen Verfahren nützen zu können, arbeiten die ArchäologInnen mit internationalen Kooperationspartnern wie dem geologischen Institut der Universität Prag und der Universität Reading in Großbritannien intensiv zusammen.


Siedlungsstrukturen

Die nächsten Projektschritte umfassen zwei weitere Grabungen, die für 2018 und 2019 geplant sind. Nach eingehender Bodenprospektion wurde das gesamte Siedlungsgebiet erfasst und in weiterer Folge in insgesamt fünf Ausschnitte eingeteilt, um planvolle Grabungen durchführen zu können. Nachdem nun der Nord- und Südteil sowie das Zentrum erforscht wurden, werden sich die ForscherInnen im nächsten Projektabschnitt dem Ost- und Westteil widmen. Durch dieses Vorgehen können interessante Erkenntnisse hinsichtlich der Struktur der Siedlung gewonnen werden, die sowohl funktionale als auch soziale Fragmentierungen aufweist. So konnte insbesondere im südlichen Teil Schmuck gefunden werden, der auf den Wohlstand der dortigen Einwohner schließen lässt. Außerdem konnte der Nachweis erbracht werden, dass die gesamte Siedlung organisiert angelegt wurde, da sich deutlich städteplanerische Ansätze in ihrem Aufbau abzeichnen.


Projektergebnisse und -perspektiven

Nach Ende der Ausgrabungskampagne ist für das Jahr 2020 eine umfassende Ausstellung in MAMUZ Museum Mistelbach geplant. Neben der Präsentation der Funde sollen diese auch im europäischen Kontext verortet werden. "Übergeordnetes Ziel unserer Bemühungen ist es, einen Beitrag zu einer umfassenden Wissenssynthese über keltische Siedlungsstrukturen in Europa zu leisten. Dabei ist die Zusammenarbeit mit den französischen KollegInnen von besonderer Bedeutung, weil sie einen unmittelbaren Austausch über archäologische Befunde in Frankreich und Österreich ermöglicht", so Mag. Dr. Peter Trebsche von der Donau-Universität Krems.

Steckbrief

Projekt: Keltische Siedlungszentren in Ostösterreich

Fördergeber: Abteilung Kunst und Kultur des Amtes der Niederösterreichischen Landesregierung, Landessammlungen Niederösterreich

Projektlaufzeit: 2015 – 2019
Department: Kunst- und Kulturwissenschaften, Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften

Projektleitung: Prof. Dr. Stephan Fichtl, Université de Strasbourg
Mag. Dr. Peter Trebsche, Donau-Universität Krems

Partner:
Université de Strasbourg/UMR 7044 ArcHiMédE 
Donau-Universität Krems
Abteilung Kunst und Kultur des Amtes der Niederösterreichischen Landesregierung, Landessammlungen Niederösterreich
Verein der Freunde des MAMUZ

Zum Anfang der Seite

 

Zum Glossar

Diese Website verwendet Cookies zur Verbesserung Ihrer Nutzererfahrung, für analytische Zwecke zur Optimierung unserer Systeme und für Marketingmaßnahmen. Indem Sie auf „OK" klicken bzw. die Website weiter verwenden, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Information zum Datenschutz.

OK