Zur Aussagekraft von Corona-Massentests

WissenschafterInnen der Donau-Universität Krems untersuchten in Kooperation mit weiteren Forschungseinrichtungen die Aussagekraft von Massentests

17.11.2020

Die Ergebnisse von zwei Cochrane Reviews zeigen, dass den Antigen-Schnelltests je nach Qualität 20 bis 70 Prozent der COVID-19-Infizierten entgehen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass einmaligen Massentests nur eine überschaubare Aussagekraft zukommt. Nur regelmäßiges Testen kann Sicherheit über den tatsächlichen Infektionsstatus bieten.

Die Bundesregierung plant, nach dem aktuellen Lockdown SARS-CoV-2-Massentests in Österreich durchzuführen. Dies dient unter anderem dazu, infizierte, aber symptomfreie Menschen zu erkennen und zu isolieren, sodass Infektionsketten vorsorglich unterbrochen werden. Zwei vor Kurzem publizierte systematische Übersichtsarbeiten der unabhängigen Cochrane Collaboration beurteilen die Sinnhaftigkeit von Massentests zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie allerdings skeptisch. Eine der Übersichtsarbeiten wurde unter Mitarbeit von ForscherInnen des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Donau-Universität Krems erstellt.

Diese Übersichtsarbeit untersuchte die Wirksamkeit von unterschiedlichen Massentests bzw. Screenings (z. B. Labortests, Fiebermessen) zur Eindämmung der Pandemie und zeigte deutlich, dass einmaliges Testen von großen Bevölkerungsgruppen ohne Symptome nicht sinnvoll ist. Die zweite Übersichtsarbeit untersuchte die Aussagekraft von Schnelltests. Dazu zählen auch Antigentests, wie sie für das Massenscreening angedacht sind. Diese schnitten nicht sonderlich gut ab. Antigen-Schnelltests übersahen 20 bis 70 Prozent der Infizierten je nach Qualität, Verfahren und Umsetzung.

Temporäre Sicherheit

Einerseits sind einmalige Antigentests eine Momentaufnahme und können dazu beitragen, dass sich die Untersuchten in vermeintlicher Sicherheit wiegen. Nur regelmäßiges Testen kann Sicherheit über den Infektionsstatus bieten. Einen Effekt auf das Pandemiegeschehen hat regelmäßiges Testen auch nur dann, wenn Personen mit positivem Test sich zuverlässig isolieren.

Berechnungen, denen diese festgestellten Unsicherheiten von Antigen-Schnelltests zugrunde gelegt wurden, zeigen folgendes: Werden in Österreich beispielsweise fünf Millionen symptomfreie Menschen getestet, dann müssen rund 100.000 Personen aufgrund eines möglichen falsch-positiven Testergebnisses in Isolation. Gleichzeitig werden ca. 6000 asymptomatische, aber infizierte Personen bei einem einmaligen Test übersehen. Sie sind falsch-negativ und können weiterhin andere Personen anstecken.

Diese Berechnung beruht auf Annahmen des MA 15 Gesundheitsdienstes der Stadt Wien bezüglich Qualität der Schnelltests. Nach diesen schlägt der geplante Antigentest bei 20 Prozent der Infizierten nicht an und zwei Prozent bekommen ein falsch-positives Ergebnis. Basierend auf Infektionsraten bei LehrerInnen in der „Gurgelstudie“ des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung wird angenommen, dass 0,6 Prozent der symptomfreien Bevölkerung unwissentlich SARS-CoV-2 in sich tragen.

Regelmäßige Tests sowie Contact-Tracing

Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH, Direktor von Cochrane Österreich an der Donau-Universität Krems, hält fest: „Massentests in bestimmten Risikogruppen, wie zum Beispiel im Pflegebereich, können durchaus sinnvoll sein. Aber sie müssen regelmäßig durchgeführt werden. Einmalige Massentests an der gesunden Bevölkerung sind fragwürdig. Die Bevölkerung sollte wissen, dass die Massentests keine komplette Sicherheit bieten und auch negative Effekte haben können.“

Dr. Barbara Nußbaumer-Streit, MSc, stellvertretende Direktorin von Cochrane Österreich an der Donau-Universität Krems, ergänzt: „Es wäre besser, die Ressourcen dort einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht werden, nämlich für das Testen von erkrankten Personen und das Nachverfolgen ihrer Kontakte. Es ist zu befürchten, dass das System durch Massentests noch mehr belastet wird“.

 

Grafik: Aussagekraft von Antigentests  (Annahmen: 80 Prozent Sensitivität und 98 Prozent Spezifität basierend auf Annahmen der MA 15 Gesundheitsdienst, Wiener Gesundheitsverbund,  0,6 Prozent Prävalenz basierend auf Ergebnissen bei LehrerInnen in: Wagner et al. Erstuntersuchung der Schul-SARS-CoV-2-Monitoringstudie („Gurgelstudie“).)

Grafik: Aussagekraft von Antigentests
(Annahmen: 80 Prozent Sensitivität und 98 Prozent Spezifität basierend auf Annahmen der MA 15 Gesundheitsdienst, Wiener Gesundheitsverbund,
0,6 Prozent Prävalenz basierend auf Ergebnissen bei LehrerInnen in: Wagner et al. Erstuntersuchung der Schul-SARS-CoV-2-Monitoringstudie („Gurgelstudie“).)

 

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