Universitäre Kooperation in Zeiten der Digitalisierung

Hochkarätig besetztes Panel präsentierte Aspekte des neu erschienenen Bandes „Die vernetzte Universität“ und diskutierte mit den TeilnehmerInnen

03.02.2021

Die Novelle des Universitätsgesetzes einerseits und die von der Digitalisierung angestoßenen Veränderungen andererseits haben einen gemeinsamen Nenner: Kooperation im Hochschulbereich. Die Universitätsprofessoren Günther Burkert, Peter Parycek, Martin Polaschek und Rudolf Stichweh beleuchteten am 26. Jänner 2021 aktuelle Hemmnisse der Kooperation ebenso wie die Universität als Anwesenheitsinstitution.

Das Verhältnis von Universitäten und Gesellschaft unter dem Eindruck der Digitalisierung war der rote Faden, der die Beiträge des Webinars vom 26. Jänner 2021 verband. In seiner Begrüßung gab Mag. Friedrich Faulhammer, Rektor der Donau-Universität Krems, eine thematische Hinführung in Form eines Abrisses der Hochschulgesetzgebung der 2. Republik bis zum Universitätsgesetz (UG) 2002. Dabei hielt er fest, dass die Anstöße zur Veränderung meist von außen, etwa der Wirtschaft oder dem Ministerium kamen.

Univ.-Prof. Dr. Günther Burkert, Sektionschef i.R. für den Bereich Forschungspolitik der Universitäten, Fachhochschulen und Privatuniversitäten im Wissenschaftsministerium, folgte mit seiner Präsentation ausgewählter Thesen des neu erschienenen Bandes „Die vernetzte Universität – Von der Kritik der Ökonomisierung zur Neuausrichtung auf die Gesellschaft“. Dabei griff er auch den historischen Überblick auf und stellte dem Modell der unternehmerischen Universität des aktuellen UG das Modell der kooperativen Universität entgegen. Burkert zufolge ende gerade eine Epoche, die vom Effizienzgedanken bestimmt war. Mit dem Anbruch eines umfassenden digitalen Wandels rücke seiner Meinung nach die Kreativität – ein schwer zu messender Wert – in den Fokus. Es fehle noch eine Metrik der Kreativität, ebenso wie das Eingeständnis, dass es Wesentliches gäbe, das nicht gemessen werden könne, konstatierte Burkert.

Wissensgenerierung und Innovation durch „Commons“

Konnte im alten Modell der Output an den Hochschulen durch mehr Geld und zusätzliche Forschende gesteigert werden, liege im Zeitalter der Digitalisierung eine große Chance in der Kombination und Kooperation auch räumlich verteilter Einheiten. In diesem Wandel läge auch für kleine Länder großes Potenzial. Die stark ausdifferenzierte Hochschullandschaft Österreichs mit ihren spezialisierten Universitäten einschließlich der Kunstuniversitäten sieht Burkert als Stärke. Um im globalen Wissenschaftswettbewerb relevant zu bleiben, sei Kooperation ein Schlüssel, wobei der Experte auf den Quantensprung der österreichischen Forschung dank der Forschungsinfrastrukturdatenbank verwies. Der Kooperationsgedanke umfasse aber nicht nur die Institutionen der Hochschulen. Burkert spricht von „Commons“, einer Wissensallmende, das heißt Wissen sollte als frei zugängliches Gut mit der Allgemeinheit geteilt werden. Zu diesem Zweck sei auch ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Universitäten und der Gesellschaft von Bedeutung. Das geschehe unter der Prämisse, dass durch den Zugang möglichst vieler zu möglichst viel Wissen Innovation forciert und neues, darauf aufbauendes Wissen generiert werden könne. Diese Offenheit im Wissensaustausch zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und der Gesellschaft wird durch transdisziplinäre Zugänge unterstützt. Gerade in der anwendungsnahen Forschung mit hoher Transdisziplinarität liegt eine Stärke der Donau-Universität Krems. Sie ermöglicht einen Austausch mit der Gesellschaft etwa durch das Einfließenlassen der (Berufs-)Erfahrung der Studierenden in Lehre und Forschung und sorgt damit für einen starken Wissens- und Kompetenztransfer. Um die Gesellschaft erfolgreich einzubinden, tritt Burkert für einen Diskurs mit allen Interessierten ein, damit auch das Vertrauen in die Einrichtung Universität wachsen könne. Dabei sollen ökonomische, soziale, ökologische und demokratische Ziele berücksichtigt werden, so Burkert.

Kooperation attraktiver machen

Den Gedanken der Vernetzung und Kooperation griff auch Univ.-Prof. Dr. Martin Polaschek, Rektor der Universität Graz, auf und verwies auf das NAWI Graz, das als Best Practice-Beispiel einer institutionellen Zusammenarbeit im Hochschulbereich gilt. Das „Hohelied der Kooperation“ stimme Polaschek schon länger an, verortet aber bei den rechtlichen Rahmenbedingungen oftmals einen Hemmschuh, da Kooperation bisher tendenziell finanziell nachteilig für die Universitäten sei und der Wettlauf um Studierende das Handeln mitbestimme. Nach 15 Jahren der Profilbildung und Abgrenzung solle nun das Gemeinsame wieder gefunden und betont werden. Ein Weg zur Kooperation läge, so Polaschek, in der Kombination der Profile. Die Anreize zur Kooperation seien für die Hochschulen überwiegend intrinsische: das gemeinsame Erschließen neuer Forschungsfelder sowie neuer Angebote in Lehre und Forschung. Anschubfinanzierungen könnten natürlich helfen, doch seien Universitäten keine „Beutegemeinschaften“, sondern interessiert an wissenschaftlicher Qualität durch Kooperation. Daraus folge für Polaschek, dass universitäre Leistungen neu gemessen werden müssten. Ein niederschwelliger Zugang zum wissenschaftlichen Diskurs sei eine wichtige Aufgabe der Universitäten für Polaschek.

Anachronismus Anwesenheitsinstitution?

Univ.-Prof. Dr. Rudolf Stichweh, Senior Professor für Soziologie am „Forum Internationale Wissenschaft“ und Leiter der Abteilung für Demokratieforschung an der Universität Bonn, beleuchtete eine andere Facette des Spannungsfelds Digitalisierung und Universitäten. Auf der einen Seite „verstehe sich Digitalisierung von selbst“, wenn man etwa die Online-Verfügbarkeit von Daten und Literatur bis hin zu Big Data oder die vielerorts angebotenen Lehrveranstaltungsaufzeichnungen betrachte. Gleichzeitig sei für Stichweh die Universität immer noch ihrem Wesen nach eine Anwesenheitsinstitution, die an einem konkreten Ort, dem Campus, der Bibliothek, etc., lokalisiert sei und wo es zur Interaktion zwischen (physisch) Anwesenden käme. Das träfe in der Lehre ebenso wie in der Forschung, beispielsweise im Labor, zu, gab Stichweh zu bedenken. Gute Universitäten würden sich seiner Meinung nach dadurch auszeichnen, dass sie diesen Anwesenheitskern um sinnvolle digitale Angebote erweiterten. In diesem Punkt kann die Donau-Universität Krems jahrelange Erfahrung in der Entwicklung und Umsetzung innovativer Blended-Learning-Formate vorweisen.

Aus globaler Perspektive zeichne sich für den Soziologen ab, dass die Zukunft der Wissenschaft von multizentrischer Forschung geprägt sein wird, wobei die Rolle Chinas weiterhin wachsen werde, während die USA und Großbritannien relevante Größen blieben. Für Europa sieht er das Finanzierungsmodell als kritische Frage für die zukünftige Entwicklung, ebenso wie das Erfordernis guter Schulen.

Start einer Webinar-Reihe

Die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Webinars nutzten auch die Möglichkeit, Fragen an die Expertenrunde zu richten. Die Moderation des Webinars übernahm Univ.-Prof. Mag. Dr. Peter Parycek, MAS MSc, Leiter des Departments für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung, das die Onlineveranstaltung organisierte. Es war von Anfang an klar, dass das weite Themenspektrum bei weitem nicht abschließend behandelt werden konnte. So war dieser Termin auch erst der Beginn einer Webinar-Reihe, die am 15. April 2021 zum Thema „Die entzauberte Universität“ mit Univ.-Prof. Dr. Antonio Loprieno fortgesetzt wird.

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