Wer seine Bildschirmzeit auf unter zwei Stunden täglich reduziert, kann das Risiko für depressive Symptome um bis zu 27 Prozent verringern. Das zeigen Studien der Universität für Weiterbildung Krems, die beim 9. Kongress des Europäischen Forums für evidenzbasierte Prävention (EUFEP) zur Sprache kamen. Unter dem Titel „Für ein gesundes Morgen: Digitale Impulse zur Gesundheitsförderung und Prävention“ diskutierten Forschende aus Österreich und Deutschland am 30. September 2026 am Campus Krems und online. Sie gingen der Frage nach, was digitale Anwendungen in der Prävention leisten können und wo ihre Grenzen liegen. Veranstaltet wurde der Kongress von der Universität für Weiterbildung Krems gemeinsam mit dem Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS).
Gesundheitssysteme geraten durch den demografischen Wandel, steigende Kosten und knapper werdende Ressourcen zunehmend unter Druck. Prävention sei vor diesem Hintergrund „kein ergänzendes gesundheitspolitisches Instrument, sondern eine strukturelle Voraussetzung für die langfristige Funktionsfähigkeit unseres Gesundheitssystems“, sagte Univ.-Prof.in Dr.in Viktoria Weber, Rektorin der Universität für Weiterbildung Krems, bei der Eröffnung. Digitale Technologien könnten helfen, Menschen früher zu erreichen und Gesundheitsinformationen gezielter bereitzustellen. „Nicht jede digitale Anwendung verbessert die Gesundheit von Menschen. Nicht jede Innovation hält in der Praxis, was sie verspricht. Deshalb braucht Innovation eine solide Grundlage. Sie braucht Evidenz.“
Landesrat und NÖGUS-Vorsitzender Martin Antauer war durch Landtagsabgeordneten Richard Punz am Kongress vertreten. „Die beste Krankheit ist immer noch jene, die gar nicht erst entsteht“, betonte er. Digitalisierung biete große Chancen, die Technik dürfe aber niemals Selbstzweck sein: „Am Ende zählt nicht, was technisch möglich ist. Am Ende zählt, was den Menschen wirklich hilft.“ Ziel seien mehr gesunde Lebensjahre für die Menschen in Niederösterreich.
Das Programm stellte ein wissenschaftliches Komitee um Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner zusammen. Gartlehner leitet das Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Universität für Weiterbildung Krems und ist Direktor von Cochrane Österreich. „Digitalisierung, KI und große Sprachmodelle verändern gerade unser Leben“, sagte er. „Aber es gibt noch viele offene Fragen, vor allem was Prävention, Gesundheitsförderung und den Einsatz von Digitalisierung und KI anbelangt.“
Weniger Bildschirmzeit, bessere psychische Gesundheit
Univ.-Prof. Dr. Christoph Pieh, Leiter des Departments für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität für Weiterbildung Krems, gab einen Überblick über den Einfluss der Digitalisierung auf die Gesundheit. Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge zwischen hoher Bildschirmzeit und Adipositas, Bluthochdruck oder Cyberbullying. Experimentelle Studien, die ursächliche Zusammenhänge belegen können, gibt es dagegen erst rund 25 bis 30. Zwei davon wurden an der Universität für Weiterbildung Krems durchgeführt.
Reduzierten die Teilnehmenden ihre Smartphone-Bildschirmzeit auf unter zwei Stunden täglich, reduzierte sich auch das Risiko, depressive Symptome zu entwickeln, um bis zu 27 Prozent. Stress, Schlafqualität und Wohlbefinden verbesserten sich um 15 bis 20 Prozent. Stieg die Bildschirmzeit nach Ende der Intervention wieder an, gingen auch die Verbesserungen zurück. Pieh berät die EU-Kommission zum Thema Social-Media-Verbot. Bei Kindern und Jugendlichen verwies er auf die Vorbildrolle der Eltern und auf wissenschaftliche Empfehlungen wie Bildschirmfreiheit in den ersten drei Lebensjahren.
Dipl.-Psych. Stefan Lüttke von der Universität des Saarlandes sieht das größte Potenzial für KI in der Prävention bei Risikogruppen und frühen Krankheitsphasen, weniger bei Maßnahmen für die gesamte Bevölkerung. Über Digital Phenotyping, also die Auswertung von Daten aus Smartphones und Wearables zu Bewegung, Schlaf oder Sprache, lassen sich Veränderungen der psychischen Gesundheit frühzeitig erkennen. Auch Chatbots zeigten in Studien positive Effekte auf depressive Symptome.
Allgemeine Sprachmodelle seien jedoch nicht für die Psychotherapie konzipiert. In einer Studie mit 29 Chatmodellen erfüllte keines die klinischen Anforderungen. Bei geäußerten Suizidgedanken nannten die Systeme in 80 Prozent der Fälle eine falsche Notrufnummer. „Meine Empfehlung ist, in Weiterbildung zu investieren“, sagte Lüttke. „Sie können dieses Werkzeug nur dann benutzen, wenn Sie selbst viel Wissen haben.“
Körperbilder, Gesundheitsdaten und Pflegeroboter
Wie stark soziale Medien das Körperbild prägen, zeigte Mag.a Gerlinde Rohrauer-Näf von der Gesundheit Österreich GmbH anhand von Daten aus dem Panel Gesundheitsförderung. 58 Prozent der Frauen zwischen 16 und 24 Jahren geben an, dass ihnen Medien das Gefühl vermitteln, ihren Körper verschönern zu müssen. Rund 55 Prozent der jungen Menschen nutzen soziale Medien länger als zwei Stunden täglich, und intensive Nutzung verstärkt den Vergleichsdruck. Gegensteuern sollen zwei Projekte. „YOUareART“ setzt auf Workshops in Museen. „Body Project Austria“ ist ein evidenzbasiertes Programm, das international das Risiko für Essstörungen um 60 Prozent senken konnte. Ab Herbst ist ein kombinierter Rollout beider Projekte geplant.
Dr.in Anne Busch von der Fachhochschule Wiener Neustadt ging der Frage nach, wie belastbar selbst erhobene Gesundheitsdaten sind. In Projekten mit dem Austrian Institute of Technology korrelierte die von Smartwatches gemessene Schlafqualität nur moderat mit der subjektiv empfundenen. Ein KI-Modell erkannte Vorhofflimmern in 75 Prozent der Fälle richtig, hatte aber Schwierigkeiten mit Datensätzen, die von der Norm abwichen. Auch Betriebssystem, Software-Updates und Messbedingungen beeinflussten die Ergebnisse.
FH-Prof. Jakob Doppler von der Fachhochschule St. Pölten zeigte, dass KI in der Pflege bereits konkrete Anwendungen findet, etwa bei der Spracherkennung in der Flugrettung. Pflegeroboter seien dagegen noch weit entfernt, und menschliche Empathie bleibe in der Gesundheitsversorgung zentral.
Chancengleichheit und Apps auf Rezept
Mag.a Dr.in Magdalena Eitenberger von der Universität Wien und dem Ludwig Boltzmann Institut für Digital Health and Patient Safety warnte, dass sich bestehende Benachteiligungen im Gesundheitssystem auf digitale Technologien übertragen. So funktionieren KI-gestützte Apps zur Erkennung von Hautveränderungen bei dunklerer Haut deutlich schlechter. Telemedizin könne Chancengleichheit erhöhen, etwa für chronisch Kranke oder in ländlichen Regionen. Das gelte allerdings nur, wenn sie gut in das Gesamtsystem eingebettet sei. Eitenberger plädierte dafür, Technologien gemeinsam mit Patientinnen, Patienten und Gesundheitspersonal zu entwickeln. Außerdem solle gezielt in einfach nutzbare Anwendungen investiert werden, die Versorgungslücken schließen.
Erfahrungen aus Deutschland brachte Prof. Dr. Sebastian Merkel von der Ruhr-Universität Bochum ein. Deutschland führte 2020 als erstes Land weltweit Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) ein, die ärztlich verschrieben und von den Krankenkassen erstattet werden. Über ein beschleunigtes Verfahren können Anwendungen bereits in die Erstattung aufgenommen werden, bevor ihr Nutzen nachgewiesen ist.
Kostenträger kritisieren seither hohe Preise bei fehlender Evidenz. Insgesamt wurden bisher rund 1,6 Millionen DiGA in Anspruch genommen. Ihr Anteil an den Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung liegt unter einem Prozent. Für eine mögliche Einführung in Österreich empfahl Merkel transparente Verfahren und Raum für Erprobung. Zudem müssten DiGA bei Ärztinnen, Ärzten sowie Patientinnen und Patienten bekannter werden.
Ergänzt wurde das Programm durch vier Workshops. Dort konnten die Teilnehmenden unter anderem digitale Tools für psychische Gesundheit und Mixed-Reality-Anwendungen für die Pflege testen. Im Anschluss an den Kongress fand der Research Summit der Universität für Weiterbildung Krems zum Thema Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Gesundheit statt. Die Keynote hielt Univ.-Prof. Dr. Günter Klambauer von der Johannes Kepler Universität Linz.
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