Künstliche Intelligenz fordert auch staatliches Handeln heraus, einerseits bei Verwaltungsabläufen, andererseits in der Implementierung von AI-bezogenen Rechtsmaterien. Theoretisch ließen sich namhafte Einsparungen und verbesserte Verwaltungsabläufe erzielen. Doch noch fehlt es im öffentlichen Dienst vieler EU-Länder an systematischem und produktivem Wissen für den verantwortungsvollen Umgang mit KI. Das EU-Projekt Al4Gov Accelerate entwickelt daher ein europaweites Studienprogramm, das öffentliche Verwaltungen fit für KI, Datenräume und digitale Governance macht. Das Department für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung der Universität für Weiterbildung Krems bringt in das Projekt seine umfassende Expertise ein.
Automatisierte Entscheidungsunterstützung, intelligente Datenanalysen oder generative KI versprechen auch im öffentlichen Sektor effizientere Abläufe und bessere Services für Bürger_innen. Laut einem OECD-Bericht[1] ließen sich 84 Prozent der repetitiven Verwaltungsabläufe in Großbritannien durch künstliche Intelligenz automatisieren. Theoretisch. Denn das Potenzial wird nicht gehoben. Ernüchterung zum KI-Einsatz gibt es auch in Unternehmen: Trotz Unternehmensinvestitionen in Höhe von 30 bis 40 Milliarden US-Dollar in Generative KI wie ChatGPT oder andere erzielen, so ein Bericht des renommierten Massachusetts Institute of Technology, 95 Prozent der Unternehmen keinerlei Rendite. Wichtigste Ursache: die mangelnde Lernfähigkeit der KI-Systeme, die zu keinerlei strukturellen oder prozeduralen Verbesserungen führen[2]. Für den erfolgreichen Einsatz von KI braucht es also nicht nur lernbereites Personal, sondern auch die richtigen KI-Systeme und das Wissen, wie die KI Feedback am effektivsten nützt. Dazu kommen in der Verwaltung weitere erhebliche Herausforderungen: rechtliche Unsicherheiten, ethische Fragen, mangelnde Datenqualität und ein eklatanter Mangel an qualifiziertem Personal. Genau hier setzt das EU-geförderte Projekt Al4Gov Accelerate (AI4GOV-X) an.
Nicht nur Technologie, sondern vor allem Skills
Das Projekt reagiert damit auf einen europaweit diagnostizierten Engpass an KI- und Datenkompetenzen im öffentlichen Dienst. Denn es geht nicht nur um die KI-Technologie, sondern vor allem um Fähigkeiten und Lernen. Ziel ist es, ein gemeinsames, international anerkanntes Studiencurriculum zu entwickeln, das B Mitarbeiter_innen öffentlicher Institutionen dazu befähigt, KI nicht nur anzuwenden, sondern sie strategisch zu gestalten, verantwortungsvoll zu implementieren und nachhaltig zu steuern. Mitarbeitende des öffentlichen Dienstes, Policy-Maker, GovTech-Akteur_innen sowie Forschende im Bereich digitale Governance sind die Zielgruppen, die angesprochen werden sollen. „Das Projekt ist eine Antwort auf den kritischen Mangel an digitalen und insbesondere KI-bezogenen Kompetenzen in europäischen öffentlichen Verwaltungen“, betont Projektforscherin Gabriela Viale Pereira vom Department für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung.
Joint Master Programme bildet weiter
Kernstück von Al4Gov Accelerate ist die Entwicklung eines Joint Master Programme, das von mehreren europäischen Hochschulen gemeinsam getragen und verliehen werden wird. Ergänzt wird dieses Studienangebot durch modulare Weiterbildungsformate, Micro-Credentials, Summer Schools und praxisorientierte Lernumgebungen. Damit richtet sich das Projekt gezielt an Berufstätige im öffentlichen Sektor – von Ministerien über nachgeordnete Behörden bis hin zu öffentlichen Unternehmen und politiknahen Organisationen. Das in Italien koordinierte Projekt umfasst 38 Konsortialpartner in 20 Ländern. In der Erarbeitung des Weiterbildungsangebots setzt es auf flexible Lernpfade, um einen möglichst nachhaltigen Aufbau digitaler Kapazitäten zu erreichen.
Ein zentrales Anliegen des Projekts ist, die Lücke zwischen technologischem Potenzial und administrativer Realität zu schließen. Viele KI-Projekte scheitern nicht an der Technologie selbst, sondern an fehlender Governance, unklaren Verantwortlichkeiten oder mangelndem Vertrauen. „Es geht darum, Prinzipien und Kompetenzen zu vermitteln – nicht einzelne Tools. Werkzeuge ändern sich schnell, grundlegende Konzepte bleiben“, erklärt Projektmanager Gregor Eibl.
Vor diesem Hintergrund setzt das Curriculum bewusst auf einen kompetenzbasierten Ansatz. Vermittelt werden Grundlagen der KI-Nutzung ebenso wie vertiefte Kenntnisse zur Entwicklung von KI-Systemen, zur Bewertung von Risiken und zur Einbettung in bestehende Verwaltungsstrukturen. Ein besonderer Fokus liegt auf rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen – vom Datenschutz über Sicherheitsanforderungen bis hin zur praktischen Umsetzung des EU-AI-Acts, der derzeit Schritt für Schritt in Kraft tritt und den Umgang mit AI regelt bis hin zum Verbot kritischer Anwendungen. „Der richtige Umgang mit KI bedeutet immer auch, rechtliche, ethische und organisatorische Fragen mitzudenken“, so Viale Pereira.
Soft Skills spielen ebenso wichtige Rolle
Darüber hinaus adressiert Al4Gov Accelerate Kompetenzen auf mehreren Ebenen: individuell, organisatorisch und systemisch. Neben technischen und juristischen Kenntnissen spielen auch Soft Skills eine zentrale Rolle – etwa kritisches Denken, interdisziplinäre Zusammenarbeit oder nutzerzentriertes Design. Ziel ist es, Teilnehmende am Master Programme in die Lage zu versetzen, KI-Projekte realistisch zu bewerten, geeignete Einsatzfelder zu identifizieren und Innovationen in ihre Organisationen zu tragen.
Die Universität für Weiterbildung Krems bringt ihre langjährige Expertise in den Bereichen E-Governance, digitale Transformation und wissenschaftlich fundierte Weiterbildung in das Projekt ein. Sie übernimmt leitende Aufgaben in der Entwicklung von extrakurrikularen Formaten, darunter Summer Schools, praxisnahen Challenges sowie betreute Praktika in Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft. Zudem fungiert sie als zentrale Ansprechpartnerin für den österreichischen und deutschsprachigen Raum.
Summer School als wichtiges Austauschformat
Ein sichtbares Highlight ist die jährlich stattfindende AI4Gov Summer School, die in Krems stattfindet. In einem intensiven, einwöchigen Format arbeiten Teilnehmende an konkreten Problemstellungen aus ihrem beruflichen Alltag – von der Idee über den Prototyp bis zur Präsentation einer umsetzbaren Lösung. „Die Teilnehmenden sollen ihre Ergebnisse zurück in ihre Institutionen tragen und dort weiterentwickeln können“, beschreibt Gregor Eibl den Anspruch.
Flankiert wird das Bildungsangebot durch den Aufbau einer europäischen Wissens- und Innovationsplattform, die den Austausch zwischen Hochschulen, öffentlichen Verwaltungen und Unternehmen fördert. In geschützten digitalen Umgebungen – sogenannten Sandboxes – können KI-Anwendungen getestet und weiterentwickelt werden, ohne reale Verwaltungsprozesse zu gefährden. So entsteht ein lernendes Netzwerk, das Forschung, Lehre und Praxis systematisch verbindet.
Langfristig zielt Al4Gov Accelerate darauf ab, eine neue Generation von KI-kompetenten Entscheidungsträger_innen im öffentlichen Sektor auszubilden. Damit leistet das Projekt nicht nur einen Beitrag zur digitalen Souveränität Europas, sondern stärkt auch das Vertrauen in den verantwortungsvollen Einsatz von KI im Staat. Oder, wie Gabriela Viale Pereira es formuliert: „Der Kern des Projekts ist Capacity Building – Wissen und Fähigkeiten, die bleiben und wirken.“

Projektinfo
Projekttitel: Al4Gov Accelerate (AI4GOV-X)
Förderungsgeber: Europäische Union – Digital Europe Programme (HaDEA)
Förderkennzeichen: Grant Agreement Nr. 101190043
Laufzeit: 2024–2028
Projektkoordination: POLI.DESIGN S.C.R.L., Mailand (Italien)
Beteiligung der Universität für Weiterbildung Krems:
Department für E-Governance und Administration
Leitung von Arbeitspaketen zu extrakurrikularer Ausbildung, Summer Schools, Praxisformaten und Kompetenzentwicklung im deutschsprachigen Raum
[1] Governing with Artificial Intelligence: The State of Play and Way Forward in Core Government Functions, OECD 2025
[2] The GenAI Divide STATE OF AI IN BUSINESS 2025, MIT 2025
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