Wer nachts von einem Wadenkrampf geweckt wird, greift rasch zu Magnesium. Das Mineral gilt als das Mittel gegen Krämpfe schlechthin. Belegt ist diese Wirkung allerdings nicht. Medizin transparent von Cochrane Österreich an der Universität für Weiterbildung Krems hat die verfügbaren Studien für einen aktualisierten Faktencheck erneut geprüft. In aussagekräftigen Untersuchungen schneidet Magnesium nicht besser ab als ein Schein-Präparat. Zu Krämpfen beim Sport fehlen verlässliche Studien sogar vollständig.
Muskelkrämpfe kommen oft ohne Vorwarnung. Der Muskel, meist in Wade oder Fuß, zieht sich unwillkürlich zusammen, verhärtet sich und schmerzt. Verantwortlich dafür sind Nervenzellen, die in zu dichter Folge Signale an die Muskelzellen schicken und den Muskel so in Spannung halten. Bei der Entspannung von Muskeln spielt Magnesium eine Rolle, und für Muskeln und Nerven ist es lebensnotwendig. Der Gedanke, mit einem entsprechenden Präparat gegenzusteuern, liegt deshalb nahe. Ob er sich in Studien bestätigt, prüfte das Team von Medizin transparent anhand einer ausführlichen Recherche in wissenschaftlichen Datenbanken.
Magnesium und Placebo gleichauf
Ob ein Mittel gegen Krämpfe wirkt, kann sich in aussagekräftigen Studien zeigen, bei denen der Zufall entscheidet, wer welches Mittel bekommt: Ein Teil der Testpersonen nimmt Magnesium, der andere ein wirkstofffreies Scheinpräparat, ein Placebo. So kann die Erwartung, ein wirksames Mittel zu bekommen, das Ergebnis nicht beeinflussen. Ausgewertet wurden eine Übersichtsarbeit mit elf solcher Studien sowie eine neuere Einzelstudie. Teilgenommen hatten Erwachsene mit nächtlichen Beinkrämpfen oder Krämpfen ohne eindeutige Ursache, geprüft wurden handelsübliche Verbindungen wie Magnesiumcarbonat, Magnesiumcitrat oder Magnesiumoxid. Nach rund einem Monat war zwischen den Gruppen kein Unterschied erkennbar, weder bei der Anzahl der Krämpfe noch bei ihrer Intensität oder ihrer Dauer.
Die neuere Einzelstudie beobachtete die 173 Teilnehmenden einen Monat länger und deutet an, dass die Zahl der Krämpfe nach zwei Monaten täglicher Einnahme zurückgehen könnte, ihre Intensität aber nicht. Belastbar ist dieser Befund nicht, da es sich um eine einzelne Studie handelt, die sowohl methodische Mängel hat, als auch vom Hersteller des Präparats finanziert wurde. Dieser könnte ein wirtschaftliches Interesse an einem positiven Ergebnis haben.
Was beworben werden darf und was zu beachten ist
Rechtlich zählen Nahrungsergänzungsmittel zu den Lebensmitteln und nicht zu den Arzneimitteln. Ein Zulassungsverfahren, in dem die Wirksamkeit mit Studien zu belegen wäre, ist für sie deshalb nicht vorgesehen. Welche gesundheitsbezogenen Aussagen erlaubt sind, regelt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Zulässig ist nur, was belegt ist. Für Magnesium gegen Krämpfe fehlen diese Belege, entsprechend darf damit auch nicht geworben werden. Dieselbe Regel gilt gleichermaßen für Influencerinnen und Influencer in sozialen Medien.
In üblichen Mengen vertragen die meisten Menschen Magnesium gut. Als sichere Obergrenze nennen Fachleute des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung 250 Milligramm täglich, zusätzlich zu dem, was über die Ernährung aufgenommen wird. Darüber hinaus können Durchfall oder weicher Stuhl auftreten. Gesunde Menschen scheiden überschüssiges Magnesium über den Urin aus. Bei Nierenschwäche kann es dagegen zu einer gefährlichen Magnesium-Vergiftung kommen.
Seltener Mangel im deutschsprachigen Raum
In Österreich, Deutschland und der Schweiz kommt ein Magnesiummangel jedenfalls selten vor. Er entsteht meist infolge bestimmter Erkrankungen, etwa der Nieren, oder durch die Einnahme spezieller Medikamente. Nachweisen lässt er sich über einen Bluttest, der die Magnesium-Konzentration im Serum bestimmt. Der Verdacht auf einen Mangel gehört in jedem Fall ärztlich abgeklärt, um die Ursachen zu finden.
Ein Krampf ist jedenfalls kein Beleg für einen Magnesiummangel. Wird bei einer ärztlichen Untersuchung tatsächlich einer festgestellt, lässt er sich mit einem Präparat behandeln. Gegen den akuten Krampf selbst hilft kräftiges Dehnen des betroffenen Muskels. Und wer sich ausgewogen ernährt, deckt seinen Tagesbedarf im Regelfall ohnehin über Getreide, Gemüse, Meeresfrüchte oder Fleisch.
Medizin transparent ist ein Projekt von Cochrane Österreich an der Universität für Weiterbildung Krems. Das Team überprüft Gesundheitsbehauptungen aus den Medien und der Werbung auf ihren wissenschaftlichen Wahrheitsgehalt. Der vollständige Faktencheck zum Thema Probiotika und Abnehmen ist auf der Website von Medizin transparent abrufbar.
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