15.06.2026

Was macht ländliche Regionen heute lebenswert und zukunftsfähig? Diese Frage gewinnt in Europa zunehmend an Bedeutung. Ländliche Räume befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel, der durch ökologische, digitale und bioökonomische Transformationen geprägt ist und durch die Covid‑19‑Pandemie zusätzlich beschleunigt wurde. Geführt hat dies zu mehr Vielfalt, Komplexität, aber auch mehr Ungleichheit unter ländlichen Regionen. Genau hier setzt das EU‑Projekt RURALITIC an, an dem die Universität für Weiterbildung Krems beteiligt ist.

Ländliche Regionen unterscheiden sich erheblich in ihren sozialen, wirtschaftlichen und räumlichen Voraussetzungen sowie in ihren Entwicklungspfaden und Herausforderungen. Das Verständnis von „ländlich“ muss somit grundlegend neu gedacht werden. Darauf aufbauend entwickelt das Projekt RURALITIC neue Konzepte, Daten, Typologien und Instrumente, um die aktuellen Dynamiken und Veränderungsprozesse besser sichtbar zu machen.

„Wir sehen anhaltende soziodemografische Veränderungen, die ländliche Räume sehr unterschiedlich betreffen“, erklärt Dr. Lydia Rössl-Grobbauer von der Universität für Weiterbildung Krems, die am Department für Migration und Globalisierung forscht. Während Städte und ihr Umland häufig Bevölkerungszuwächse verzeichnen, sind viele periphere Regionen mit Abwanderung und Überalterung konfrontiert. Die Covid-19-Pandemie hat deutlich gemacht, wie stark manche ländliche Gebiete auf Mobilität und Arbeitsmigration angewiesen sind – etwa in der Landwirtschaft. „Gerade saisonale Arbeitskräfte standen plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Das hat sehr klar gezeigt, wie verletzlich bestimmte Wirtschafts und Versorgungssysteme sind“, so Rössl-Grobbauer.

Ein vielfältiger Raum

Ziel ist es, ländliche Regionen in ihrer wachsenden Vielfalt neu zu verstehen. Dazu wird eine differenzierte Typologie entwickelt, die neben räumlichen und wirtschaftlichen Merkmalen auch soziale Faktoren wie Geschlecht, Lebensstile, Erwerbsformen und Wohlbefinden berücksichtigt. „Es geht nicht nur um statistische Kategorien, sondern auch um Wahrnehmungen, soziale Gruppen und die Dynamiken vor Ort“, betont Rössl-Grobbauer.

Auf dieser Grundlage lassen sich Entwicklungsdynamiken besser erfassen und politische Maßnahmen gezielter an die unterschiedlichen Realitäten und Potenziale ländlicher Räume anpassen.

Orientierung für Politik und Verwaltung

Die Universität für Weiterbildung Krems leitet in RURALITIC das Work Package zu Governance und Public Policy. Im Projekt wird untersucht, welche institutionellen Voraussetzungen und Kapazitäten unterschiedliche ländliche Räume mitbringen und welche politischen Ansätze auf europäischer, nationaler, regionaler und lokaler Ebene ihre Attraktivität stärken können. „Wir analysieren, welchen politischen Spielraum ländliche Räume haben, wer daran beteiligt ist und wie sie ihre vorhandenen Kapazitäten nutzen, um auf Herausforderungen zu reagieren“, sagt Rössl-Grobbauer. Dafür führt das Projektteam Interviews und Fokusgruppen mit Expert_innen, politischen Entscheidungsträger_innen, lokalen Akteur_innen und Interessenvertretungen durch. Auch bislang weniger sichtbare Akteur_innen sollen systematisch erfasst und in die Analyse einbezogen werden. Auf dieser Grundlage entstehen unter anderem eine öffentlich zugängliche „Rural Attractiveness Policy Database“ sowie eine „Library of Initiatives“.

PopFlows: Wanderungsbewegungen in Europa sichtbar gemacht

Mit „PopFlows“ hat das Projektteam außerdem eine Online-Anwendung entwickelt, die Migration und Mobilität in Europa anschaulich aufbereitet. Sie umfasst Daten aus zehn Ländern, darunter Österreich, und deckt abhängig vom jeweiligen Land einen Zeitraum von bis zu drei Jahrzehnten ab. Eine erste Auswertung für Österreich zeigt, dass vor allem Städte und gut erreichbare Regionen in ihrem Umland Bevölkerungszuwächse aufweisen, während abgelegenere Räume demografisch stärker unter Druck stehen.

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Raum Wien–Niederösterreich. Wien bleibt ein zentrales Ziel für Ausbildung, Arbeit und internationale Zuwanderung, zugleich ziehen viele Menschen aus der Stadt in das Umland – vor allem nach Niederösterreich und in geringerem Maß auch in gut erreichbare Teile des Burgenlands. Damit lassen sich für diesen Raum zwei Entwicklungen unterscheiden: Einerseits ziehen viele Menschen aus Wien aufs Land, andererseits wächst Wien weiterhin stark durch Zuzug aus dem Ausland.

Attraktivität als Schlüsselfaktor

Eine zentrale Leitfrage des Projekts adressiert ‚Rural Attractiveness‘ – also die Frage, was ländliche Räume als Lebens‑ und Arbeitsorte attraktiv macht. Dazu zählen etwa Arbeitsmarkt, Bildungsangebote, Verkehrsanbindung, digitale Infrastruktur, kulturelles Leben und landschaftliche Qualität. Welche Faktoren besonders ins Gewicht fallen, hängt von den jeweiligen regionalen Bedingungen ab. „Wenn wir ländliche Entwicklung und Attraktivität ernsthaft stärken wollen, brauchen wir ein viel breiteres Verständnis dafür, welche Maßnahmen und Initiativen tatsächlich wirken und warum“, sagt Rössl-Grobbauer.

Perspektiven für Europas ländliche Regionen

RURALITIC setzt methodisch auf einen interdisziplinären Ansatz, der Geografie, Soziologie, Ökonomie und Politikwissenschaft verbindet. Ethnografische Fallstudien werden dabei mit quantitativen Analysen, ökonometrischer Modellierung und räumlichen Projektionen verknüpft. Ziel ist es, Entwicklungen nicht nur zu beschreiben, sondern eine belastbare Grundlage für politische Entscheidungen zu schaffen – damit etwa Förderinstrumente, Infrastrukturprogramme und Integrationsmaßnahmen gezielter gestaltet werden können. „Ziel ist es, politische Handlungsempfehlungen zu entwickeln, die der Vielfalt ländlicher Räume gerecht werden und langfristig eine Neuausrichtung weg von pauschalen hin zu differenzierten, ortsspezifischen Strategien fördern“, fasst Rössl-Grobbauer die Zielsetzung des Projekts zusammen.

 

Projektinfo:

Titel: „Rural Revival: A Life in the Inspirational Countryside“, Acronym: RURALITIC

Fördergeber: EU; Horizon Europe, HORIZON-CL6-2024-COMMUNITIES-01-2

Laufzeit: 01.01.2025- 31.12.2028

Projektverantwortlich für die Universität für Weiterbildung Krems: Mag. Dr. Lydia Theresia Rössl-Grobbauer

Projektkoordinator: Institut national de recherche pour l’agriculture, l’alimentation et l’environnement (INRAE), Frankreich

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