04.09.2026

Eine wesentliche Aufgabe von Primärversorgungszentren ist es, Notaufnahmen durch die ambulante Betreuung nicht dringlicher Fälle zu entlasten. Dass diese Wirkung allerdings nicht unmittelbar greift, legt nun eine neue Studie nahe: Nach der Inbetriebnahme eines Primärversorgungszentrums in Wiener Neustadt zogen die Fallzahlen in der Notaufnahme zunächst an, ehe ein rückläufiger Trend einsetzte. 

Erstautor der im internationalen Fachjournal Health Policy erschienenen Arbeit ist Dr. Alexander Braun, MSc MA, Leiter des Zentrums für Evidenzbasierte Versorgungsforschung am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Universität für Weiterbildung Krems. „Unsere Analyse zeigt, dass Primärversorgungszentren Notfallaufnahmen nicht vom ersten Tag an entlasten. Neue Versorgungsangebote benötigen Zeit, um von der Bevölkerung angenommen und wirksam genutzt zu werden", sagt Braun.  

Vier Jahre Aufnahmedaten als Grundlage 

Die Studie wertete die täglichen Behandlungen in der Notfallambulanz des Universitätsklinikums Wiener Neustadt zwischen 2022 und 2025 aus, somit insgesamt mehr als 81.000 Fälle. Die Eröffnung eines Primärversorgungszentrums im Jänner 2024 bot den Forschenden die Möglichkeit, die Entwicklung der Behandlungszahlen vor und nach dessen Eröffnung zu untersuchen. Das Forschungsteam untersuchte, wie sich die täglichen Behandlungen vor und nach der Eröffnung entwickelten, und berücksichtigte dabei auch saisonale Schwankungen wie Grippewellen. 

Die Untersuchung zeigt: Direkt nach der Eröffnung stiegen die Behandlungen sprunghaft um rund acht Fälle pro Tag. Erst nach etwa neun Monaten war der anfängliche Anstieg durch den anschließenden rückläufigen Trend wieder ausgeglichen. Eine Auswertung nach medizinischer Dringlichkeit zeigt, dass sich dieser Trend ausschließlich auf Fälle mit niedriger und mittlerer Dringlichkeit beschränkt. Bei den dringlichsten Fällen blieb die Inanspruchnahme unverändert.  

Impulse für die Gesundheitspolitik 

Österreich plant bis 2030 den Ausbau auf bis zu 300 Primärversorgungseinheiten. Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass solche Zentren den Anstieg von Notaufnahmefällen zwar langfristig einbremsen und umkehren können. Der Ausbau allein löst jedoch nicht das Überlastungsproblem und muss in ein umfassenderes gesundheitspolitisches Gesamtkonzept mit koordinierter Patientenlenkung eingebettet werden. „Der Ausbau der Primärversorgung ist ein wichtiger Schritt. Langfristige Entlastungseffekte entstehen jedoch vor allem dann, wenn Primärversorgung, Notfallambulanzen und die Steuerung von Patientinnen und Patienten gut aufeinander abgestimmt sind", so Braun.  

Die Initiative zur Untersuchung stammte vom Universitätsklinikum Wiener Neustadt, das die Forschung zum Thema als Masterarbeit ausgeschrieben hatte. Beteiligt waren neben der Universität für Weiterbildung Krems das IMC Krems und die Gesundheit Österreich GmbH. Die Studie ist im Fachjournal Health Policy des Wissenschaftsverlags Elsevier erschienen.

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