13.07.2026

In vielen hochspezialisierten medizinischen Bereichen lässt sich eine wohnortnahe 24/7-Notfallversorgung aufgrund begrenzter Ressourcen langfristig nur schwer sicherstellen. Regionale, krankenhausübergreifende Versorgungsnetzwerke gelten deshalb als vielversprechender Ansatz. Doch wie müssen solche Netzwerke gestaltet sein, damit hochqualifizierte Fachkräfte bereit sind, sie dauerhaft mitzutragen?

Im Rahmen des MBA-Studiums Healthcare Management analysierte OA Dr. Helmut Kopf, MSc, MBA (Standortleiter der Radiologie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien, Vinzenzgruppe) die Machbarkeit eines krankenhausübergreifenden 24/7-Dienstmodells für interventionell-radiologische Notfälle im Großraum Wien. Grundlage der Studie waren semistrukturierte Interviews mit interventionellen Radiolog_innen und Radiologietechnolog_innen aus elf Wiener Krankenhäusern sowie einem Schwerpunktkrankenhaus in Niederösterreich. Die Ergebnisse erschienen kürzlich in der renommierten internationalen Fachzeitschrift CardioVascular and Interventional Radiology.

Warum Freiwilligkeit erfolgreicher ist als Verpflichtung

Die Studie legt einen grundlegenden Perspektivenwechsel für die Entwicklung regionaler Versorgungsmodelle nahe: Hochqualifizierte Fachkräfte sind nicht lediglich Teil eines Organisationsmodells – sie sind dessen zentrale Voraussetzung. Im Mittelpunkt steht damit nicht mehr die Frage, wie Bereitschaftsdienste organisiert werden können, sondern unter welchen Bedingungen Fachkräfte bereit sind, sie langfristig mitzutragen.

Interventionelle Radiolog_innen hoben vor allem die Möglichkeit hervor, Patient_innen auch außerhalb der regulären Dienstzeiten in hochkritischen Situationen versorgen zu können. Radiologietechnolog_innen maßen finanzieller Vergütung und Zeitausgleich zwar etwas größere Bedeutung bei, insgesamt zeigt die Untersuchung jedoch, dass finanzielle Anreize allein keine langfristige Beteiligung an regionalen Notdienstnetzwerken sichern. Entscheidend sind vielmehr Arbeitsbedingungen, die langfristig professionelles Handeln ermöglichen. Welche Faktoren dabei besonders ausschlaggebend sind, zeigt die Studie deutlich.

„Bemerkenswert war, dass nahezu alle Befragten organisationsübergreifende 24/7-Versorgungsnetzwerke grundsätzlich befürworteten. Der entscheidende Unterschied lag jedoch zwischen ‚mitarbeiten dürfen‘ und ‚mitarbeiten müssen‘, so Studienleiter Dr. Helmut Kopf. Wer hochqualifizierte Fachkräfte langfristig gewinnen möchte, muss Rahmenbedingungen schaffen, unter denen sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehören fachliche Autonomie, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und die Möglichkeit, die eigene Kompetenz selbstbestimmt zum Wohl der Patient_innen einzubringen“, ergänzt Univ.Prof.in Dipl.-Ing.in Dr.in Doris Behrens, Professorin für Health Management, Department für Wirtschaft und Gesundheit, Universität für Weiterbildung Krems.

Organisation beginnt bei den Menschen

Auf Grundlage der Studienergebnisse wurden zwei etablierte Organisationsmodelle für standortübergreifende interventionell-radiologische Bereitschaftsdienste vergleichend analysiert. Beide Modelle basieren auf regionalen Versorgungsnetzwerken, unterscheiden sich jedoch in ihrer organisatorischen Ausgestaltung: Während in einem Modell das interventionell-radiologische Leistungsspektrum im Notfalldienst in unterschiedliche „Kompetenzgruppen“ aufgeteilt wird und die Expertise teils zu den Patient_innen kommt, werden im anderen Modell die Patient_innen in ein zentrales Kompetenzzentrum verlegt, das personell rotierend durch die beteiligten Krankenhäuser des Netzwerks besetzt wird. Für den urbanen Raum Wiens erwies sich dieses Kompetenzzentrumsmodell aus Sicht der Befragten als besonders geeignet, da die kurzen Transportwege eine Zentralisierung der Versorgung ermöglichen und zugleich attraktive Arbeitsbedingungen für die beteiligten Fachkräfte schaffen.

Gemeinsam ist beiden Ansätzen, dass sie organisatorische Anforderungen mit den Bedürfnissen jener Fachkräfte verbinden, die den Notdienst langfristig tragen sollen. Die Studie macht damit deutlich, dass regionale Notfallnetzwerke weniger als logistische Versorgungskonzepte denn als Strategien zur Gewinnung, Entwicklung und langfristigen Bindung hochqualifizierter Fachkräfte verstanden werden sollten. Entscheidend für ihren Erfolg ist nicht allein die Organisationsstruktur, sondern ihre Fähigkeit, attraktive Arbeitsbedingungen für hochqualifizierte Fachkräfte zu schaffen. Die Erkenntnisse der Studie reichen weit über die interventionelle Radiologie hinaus und liefern Impulse für zahlreiche Bereiche hochspezialisierter Gesundheitsversorgung – etwa Schlaganfall-, Herzinfarkt- oder Traumanetzwerke –, in denen mehrere Organisationen gemeinsam Verantwortung für eine qualitativ hochwertige und nachhaltige Notfallversorgung übernehmen.

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