Künstliche Intelligenz kann Diagnosen erheblich verbessern und Gesundheitspersonal entlasten. Bis sie im klinischen Alltag selbstverständlich genutzt wird, ist es aber oft noch ein weiter Weg. Darin waren sich die Fachleute beim 9. Research Summit der Universität für Weiterbildung Krems weitgehend einig. Unter dem Titel „Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Gesundheit“ diskutierten Forschende aus Österreich und Deutschland, wie sich Nutzen und Sicherheit digitaler Gesundheitstechnologien beurteilen lassen. Gestaltet wurde der Abend von der Fakultät für Gesundheit und Medizin.
„Digitale Technologien und Künstliche Intelligenz eröffnen neue Dimensionen in Prävention, Diagnostik, Therapie und Versorgung“, sagte Univ.-Prof.in Dr.in Viktoria Weber, Rektorin der Universität für Weiterbildung Krems, zur Begrüßung. Zugleich werfen sie grundlegende Fragen auf: wie sich Qualität und Transparenz sichern lassen, wie neue Ungleichheiten vermieden werden und wie Vertrauen in technologische Innovationen entsteht. „Gerade in einem Feld, das von hoher Dynamik und hoher Komplexität geprägt ist, sind Fakten und belastbare Erkenntnisse unverzichtbar.“
Die Fakultät für Gesundheit und Medizin integriert Künstliche Intelligenz derzeit in neun Forschungsprojekte. Diese reichen von medizinischer Entscheidungsunterstützung über Gesundheitsdatenanalyse und Versorgungsforschung bis zu neuen Lehr- und Lernkonzepten. Mit Fördermitteln des Landes Niederösterreich wurde zudem eine Stiftungsprofessur für Artificial Intelligence and Health Services kürzlich besetzt. „Künstliche Intelligenz ist einerseits eine evolutionäre Entwicklung, andererseits aber auch eine sehr disruptive“, sagte Univ.-Prof. Dr. Stefan Nehrer, Dekan der Fakultät. „Wir beschäftigen uns daher intensiv mit der Frage, welche Kompetenzen es künftig braucht, um diese Entwicklung verantwortungsvoll zu gestalten.“
Zwischen Durchbruch und Verantwortung
In seiner Keynote „Harnessing Intelligence for Healthcare“ spannte Univ.-Prof. Dr. Günter Klambauer, stellvertretender Leiter des Klinischen Forschungsinstituts Medical Artificial Intelligence an der Johannes Kepler Universität Linz, im Anschluss den Bogen von den Anfängen der KI-Forschung bis zu heutigen KI-Agenten, die selbstständig Befehle ausführen und damit neue Sicherheitsfragen aufwerfen. Für die Medizin besonders relevant sei der Umgang mit Daten, etwa durch offene Modelle, die auf eigenen Rechnern im Krankenhaus laufen. Trotz aller Risiken zog Klambauer eine positive Bilanz: „Gerade im Gesundheitssystem sind die Chancen sehr viel größer als die Risiken, weil wir rund um diese Modelle immer noch die menschliche Ärztin oder den menschlichen Arzt haben.“ Zudem verfüge Europa mit dem AI Act und der Datenschutz-Grundverordnung über einen starken rechtlichen Rahmen.
Dr.in Arianna Gadinger, PhD-Studentin am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Universität für Weiterbildung Krems, untersucht, wie gut KI Teile der Evidenzsynthese übernehmen kann, also der systematischen Zusammenfassung von Studien. Ihr Befund: KI hilft bei strukturierten Aufgaben, bei nuancierten Interpretationen bleibt der Mensch aber unverzichtbar. Gadinger appellierte an Forschende, den Einsatz von KI offenzulegen und auch zu berichten, was nicht funktioniert hat.
Gute Technik allein reicht nicht
In der anschließenden Podiumsdiskussion zeigte sich Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation, optimistisch. Gerade weil es in der Medizin Problembereiche gebe, von diagnostischen Fehlern bis zur Kommunikation mit Patientinnen und Patienten, sieht er in KI eine große Chance. Zugleich mahnte er: „Die Standards, die wir in der Medizin haben, die müssen auch für KI gelten.“
Dass gute Technik allein nicht genügt, machte Klambauer an einer Studie aus China deutlich. Ein KI-System zur Diagnose von Augenerkrankungen erzielte dort sehr hohe Trefferquoten, blieb im Klinikalltag aber weitgehend ungenutzt, bis die Bedienung von fünf auf drei Klicks verkürzt wurde. Ähnliches kennt Prof. Dr. Sebastian Merkel von der Ruhr-Universität Bochum aus der Pflege, wo ein technisch ausgereiftes System zur Dokumentation vielerorts nicht genutzt wird. Mag.a Dr.in Magdalena Eitenberger von der Universität Wien und dem Ludwig Boltzmann Institut für Digital Health and Patient Safety erinnerte daran, dass in vielen Spitälern noch händisch dokumentiert wird. Manche Entlastung brauche zudem gar keine KI, etwa eine offenere Fehlerkultur.
Wie unterschiedlich die Erwartungen sind, zeigte die Schlussrunde zur Frage, woran man in zehn Jahren den Erfolg neuer Technologien erkennen werde. Klambauer hält es für gut vorstellbar, dass KI-gestützte, personalisierte Therapien die Sterberaten bei Krebs deutlich senken. Gartlehner hofft auf Vorsorge, die stärker auf das individuelle Risiko abgestimmt ist, Merkel auf weniger Doppeluntersuchungen und überfüllte Wartezimmer. Eitenberger gab zu bedenken, wer von den Entwicklungen profitiert. Für sie wäre es ein Erfolg, „wenn die aktuell unterversorgten Bevölkerungsgruppen gesünder werden würden und nicht ohnehin schon sehr gesunde Menschen noch gesünder“.
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