Klimaschutz, Umweltschutz, Elektromobilität und Co – moderne Verfahren sind da, allein, wir nutzen sie nicht.

Ein Kommentar von Martin Bertau

Wenig ist so unbestritten und zugleich so umstritten wie die Maßnahmen zum Klimaschutz. Nun gibt es hier zwar einen in demokratischen Mehrheitsentscheidungen gefundenen gesellschaftlichen Konsens, erstaunlicherweise indes gibt es bis heute ein geradezu erschreckendes Rätselraten, woher die ganzen Rohstoffe kommen sollen, die zur Umsetzung dieser Ziele notwendig sind. Entscheidungsträger tun nachgerade so, als ob man urplötzlich mit einer Situation konfrontiert sei, die so gar nicht vorhersehbar gewesen sei, obwohl wir uns mitten in der schwersten Rohstoffkrise der Geschichte befinden – mit katastrophalen Konsequenzen. Man reist die Welt nach Rohstoffen ab, und wird man nicht fündig, wird lieber im Osten Asiens ein Schuldiger angeprangert, als selbst tätig zu werden. Verzweifelt wird das Recycling als des Pudels Kern propagiert. Ohne Zweifel, Recycling ist elementar wichtig, aber es werden drei grundlegende Fakten ignoriert: Recycling ist die energieaufwendigste Form der Rohstoffgewinnung, es findet im Jahr 2022 zum weit überwiegenden Teil mit völlig veralteten, hierfür wenig geeigneten Verfahren aus dem letzten Jahrhundert statt, und Recycling kann in exportorientierten Volkswirtschaften geopolitische Risiken in der Rohstoffversorgung abfedern, aber nicht vermeiden. Eine Volkswirtschaft, die vom Warenabfluss lebt, ist vom Rohstoffzufluss abhängig.

Nimmt man den Klimaschutz ernst, heißt dies nichts anderes als die Verpflichtung zum heimischen Bergbau. Europa ist nicht rohstoffarm. Wir verfügen über eine der weltweit größten Lithiumlagerstätten und verlagern lieber in der liebgewonnenen Unkenntnis von Fakten den uns unbequemen Bergbau in Drittländer und mokieren uns über Kinderarbeit und Umweltschäden in den Förderländern. Wir transportieren lieber Rohstoffe um die halbe Welt, um uns dann über CO2-Emissionen zu beklagen. Dabei ist moderner Bergbau effektiv und sauber.

Moderne Verfahren sind klimaneutral, schonen Wasser, sind energie- und ressourceneffizient und arbeiten wirtschaftlich, während sie keinen Abfall produzieren. Sie verarbeiten Rohstoffe aus Bergbau und Recycling zu einer einheitlichen Primärproduktqualität und ermöglichen echtes Recycling, wo gerade noch Downcycling das Maß der Dinge war. Allein, wir nutzen sie nicht. Entscheidungsträger in Politik und Industrie vertrauen auf das Althergebrachte, die Zukunft verrottet in den mit Steuergeldern finanzierten Schubladen der Universitäten. Die dringend benötigten Verfahren sind da, sie müssen nur in den technischen Maßstab umgesetzt werden. Trauen wir uns!


MARTIN BERTAU
Prof. Dr. Martin Bertau leitet das Institut für Technische Chemie der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Der Professor für Technische Chemie ist Teil des vom Engagement der Universität für Weiterbildung Krems am Complexity Science Hub Vienna ausgehenden Transatlantic Research Lab on Complex Societal Challenges.

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