Digitalisierung, steigende Kosten, Vertrauenskrise: Das System Qualitätsjournalismus steht vor zahlreichen Herausforderungen. Ein Ausblick auf Innovationspotenziale und mögliche Erfolgsrezepte.

Von Milena Österreicher

Der Journalismus kämpft, und das auf mehreren Ebenen. Inflation und gestiegene Energiekosten machen Medienhäusern zu schaffen. Inseratenaffären deuten in Österreich auf eine (zu) große Nähe zwischen Journalismus und Politik. Immer weniger Menschen vertrauen den Nachrichtenmedien – in Österreich laut dem Digital News Report 2022 des Reuters Institute for the Study of Journalism zuletzt nur mehr 41 Prozent der Menschen. Hinzu kommt eine stetige Digitalisierung, die Nachrichtenmedien vor neue Herausforderungen stellt. Wie kann es mit dem Qualitätsjournalismus weitergehen?

„Es ist ein Irrtum zu glauben, die digitale Transformation sei eine technische Aufgabe“, sagt Alexandra Borchardt, langjährige Journalistin und Medienmanagerin, die international Redaktionen bei der digitalen Transformation betreut. Vielmehr sei es ein Kulturwandel. Der Journalismus muss in Austausch mit seinen Nutzer_innen treten.

„Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass es nicht mehr ein großes Massenpublikum, sondern verschiedene sogenannte Audiences gibt“, sagt sie. Manche Menschen informieren sich über Social Media, andere informieren sich wiederum gezielt nur zu bestimmten Themen. „Es geht nicht darum, das, was in Print, Radio oder Fernsehen gut funktioniert hat, eins zu eins ins Digitale zu bringen“, sagt Borchardt. Man müsse innovativere Formate entwickeln, um Menschen aus dem Informationsüberangebot abzuholen.

Zeit für Innovationen

Den Innovationen widmeten sich die Autor_innen in der 2022 erschienenen Studie „Examining the Most Relevant Journalism Innovations: A Comparative Analysis of Five European Countries from 2010 to 2020“. Darin wurden die wichtigsten journalistischen Innovationen in Österreich, Deutschland, Spanien, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich im letzten Jahrzehnt identifiziert und analysiert.

Auf den Spitzenplätzen landeten Datenjournalismus, kollaborative und investigative Netzwerke, Publikumsbeteiligung, Journalismus in sozialen Medien und die Einführung von Bezahlschranken. In Österreich liegt kollaborativer Investigativjournalismus auf Platz eins. Als Grund werden u. a. die weniger werdenden Medienarbeitsplätze angeführt, die komplexe Recherchen nur in Zusammenarbeit mit anderen möglich machen.

Kooperationsbedarf

Julia Juster, Leiterin des Lehrgangs Qualitätsjournalismus an der Universität für Weiterbildung Krems, sieht hier auch Potenzial: „Journalisten und Journalistinnen lösen sich vom Einzelkämpferdasein und nutzen über Redaktions- und Ländergrenzen ihre Kompetenzen“. Erfolgsbeispiele sind etwa die Ibiza-Affäre 2019, die zuerst von deutschen Medien aufgedeckt und dann von österreichischen Medien weiterverfolgt wurde, oder zuvor die internationalen Recherchen zu den Panama-Papers.

Allerdings müssen laut Juster die Rahmenbedingungen verbessert werden: Gute Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, mehr Personal in den Redaktionen, bessere Entlohnung. „Wir nehmen wahr, dass viele der guten Kolleg_innen beispielsweise in die PR abwandern, wo deutlich besser bezahlt wird“, berichtet Juster.

Förderbewusstsein

Die Herausforderung für den Qualitätsjournalismus ist Josef Trappel, Leiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, zufolge aktuell vor allem eine ökonomische Frage. Hier sei die öffentliche Hand gefragt: „Der Staat sollte sich im Sinne der Demokratieförderung Gedanken darüber machen, wie wir zu hohen qualitativen Leistungen im Journalismus kommen, wie viel uns das wert ist und wie wir das finanzieren können“.

Laut Trappel sollte man an der Presseförderung anknüpfen, die es in Österreich seit 1975 gibt. Derzeit ist die Förderung für Tages- und Wochenzeitungen in eine Vertriebsförderung, eine Förderung zur Erhaltung der regionalen Vielfalt und eine Qualitätsförderung aufgeteilt und insgesamt mit rund 9 Millionen Euro dotiert.

Alexandra Borchardt

„Es ist mittlerweile erwiesen, dass Lösungsjournalismus Menschen wieder für Nachrichten begeistern kann.“

Alexandra Borchardt

Anfang Dezember präsentierte die österreichische Regierung den Gesetzesentwurf einer neuen Medienförderung. Die bisherige Förderung soll um 20 Millionen Euro erweitert werden. Geplant sind etwa ein Betrag ab dem dritten Anstellungsverhältnis sowie Zusatzbeträge für Kriterien wie Auslands- oder Regionalberichterstattung sowie Fehlermanagement. Erstmals sollen auch reine Onlinemedien Anspruch auf Förderung haben, allerdings nur, wenn sie 40 Millionen Zeichen an Text pro Jahr vorweisen können. Eine Voraussetzung, die schwer zu erreichen ist – für Onlinemedien, die beispielsweise vorwiegend auf Videoproduktion setzen, ein Ding der Unmöglichkeit.

Im neuen Gesetzesentwurf sieht Josef Trappel einige sinnvolle Kriterien, wie Frauenförderung und ein internes Redaktionsstatut. Die Mitgliedschaft im Presserat fehle allerdings nach wie vor. Für Fatal hält er zudem, dass im aktuellen Gesetzesvorschlag Gratismedien von der Förderung nicht mehr ausgeschlossen sind. „Diese entfernen sich mit ihrem Geschäftsmodell vom ökonomischen Grundkonsens und erschweren das Überleben derer, die sich um Qualität und eine gemischte Finanzierung bemühen“, sagt Trappel.

Auch die deutschsprachigen Nachbarländer beschäftigt die Finanzierungsfrage. „In Deutschland und in der Schweiz gibt es keine vergleichbare Presseförderung“, erklärt Matthias Künzler, Professor für Kommunikationspolitik und Medienökonomie an der Freien Universität Berlin. Er beobachtet einen Rückgang der klassischen Einnahmenquellen Werbeanzeigen und Abos. „In ländervergleichenden Studien sehen wir, dass die deutschsprachigen Länder bei der Zahlungsbereitschaft für Nachrichten im Mittelfeld liegen“, berichtet Künzler. 2020 lag sie für Online-Nachrichten in Österreich und in Deutschland bei rund zehn Prozent, in der Schweiz bei 13 Prozent.

Julia Juster

„Wir nehmen wahr, dass viele der guten Kolleg_innen beispielsweise in die PR abwandern, wo deutlich besser gezahlt wird.“

Julia Juster

Höher ist sie in den skandinavischen Ländern: In Schweden liegt sie bei 26 Prozent, in Norwegen bei 42 Prozent. „Das Medienvertrauen ist in den nordischen Ländern größer als in der DACH-Region“, sagt Künzler. In den deutschsprachigen Ländern sieht er ein Steigerungspotenzial der Zahlungsbereitschaft von maximal fünf Prozent. Daher seien Bezahlmodelle wie Pay Walls oder Mitgliedschaften allein kein ausreichendes Mittel. Es brauche einen Mix.

Matthias Künzler rechnet daher mit einer weiteren Ausdifferenzierung der Finanzierung in den kommenden Jahren. Die großen Medienhäuser versuchen bereits, den Rückgang im klassischen Werbegeschäft durch neue Werbeformen, wie sogenannten Native Ads – also Werbung im Mantel eines journalistischen Artikels – zu kompensieren. „Problematisch ist hier aber, dass für Nutzer und Nutzerinnen oft nicht sofort nachvollziehbar ist, ob das ein redaktioneller Inhalt oder Werbung ist, was die Reputation des Journalismus nicht fördert“, meint Künzler.

Einige Medien setzen auch auf Stiftungen, doch das sei oftmals nicht nachhaltig: „Oft wollen sie nur ein paar Jahre unterstützen, oder Zeit geben ein Geschäftsmodell aufzubauen, wenn das aber nicht rechtzeitig möglich ist und die Stiftung sich wieder zurückzieht, muss der Betrieb eingestellt werden“, sagt Künzler. So etwa passiert mit der Tageswoche in Basel.

Klein, aber vielfältig

Eine breitere Diversifikation sieht der Schweizer Medienprofessor bei den kleineren, lokalen Medien, die etwa auf Crowdfunding für die Startphase, Merchandising und freiwillige Mitgliedschaften setzen. Auch Alexandra Borchardt beobachtet hier Formatinnovationen, wie Newsletter, Podcasts oder besondere Social Media-Auftritte: „Die Kleinen sind oft wendiger und innovativer, weil ihnen schon früher das Wasser bis zum Hals steht, und sie aus Not Wege überlegen müssen, auf denen sie ihr Publikum erreichen können“.

Die Medienberaterin sieht ein großes – bisher allerdings noch nicht von allen Redaktionen entdecktes – Potenzial im Klimajournalismus. „Viele sagen immer noch: Oh Gott, das müssen wir jetzt auch noch machen“, berichtet Borchardt. Dabei sei gerade Klima ein Thema, das junges Publikum anspricht, „ein Publikum, das vielen Medienmarken zunehmend fehlt“.

Zudem könnte hier konstruktiver Journalismus in der gesamten Redaktion etabliert werden, der sich besonders beim Thema Klima bewährt. Statt deprimierender, alarmistischer Nachrichten stehen lösungsorientierte Berichte im Mittelpunkt. „Es ist mittlerweile erwiesen, dass Lösungsjournalismus Menschen wieder für Nachrichten begeistern kann“, sagt Borchardt. Eine Begeisterung, die wiederum dem sinkenden Medienvertrauen entgegenwirken könnte.


ALEXANDRA BORCHARDT
Prof. Dr.in Alexandra Borchardt war als Journalistin über 25 Jahre in großen deutschen Medienhäusern, 15 davon in Führungspositionen. Inzwischen berät sie international Redaktionen bei der digitalen Transformation und ist Senior Research Associate am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford.

JOSEF TRAPPEL
Univ.-Prof. Dr. Josef Trappel leitet den Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. Zuvor war er als Sachverständiger für Medienpolitikfragen im Bundeskanzleramt in Wien und bei der Europäischen Kommission in Brüssel tätig.

JULIA JUSTER
Dipl.-Ing.in(FH) Julia Juster, MLS MBA leitet die Lehrgänge Qualitätsjournalismus, Print- Journalismus, Digitaler Journalismus sowie Wissensmanagement an der Universität für Weiterbildung Krems.

MATTHIAS KÜNZLER
Prof. Dr. Matthias Künzler lehrt Kommunikationspolitik und Medienökonomie am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin und ist seit 2016 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung.

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