Interview zum Antritt der Gastprofessur

Frau Professor Köckler, auch welchem fachlichen Hintergrund kommen Sie und wo sind Sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt beheimatet?

Ich würde mich selber als sehr interdisziplinär bezeichnen. Ich habe Anfang der 90er angefangen an der Uni Dortmund Raumplanung zu studieren und bin deshalb Diplom-Ingenieurin. Habe daher als Ingenieurin einen gewissen lösungsorientierten Ansatz. Die Raumplanung ist an sich schon sehr interdisziplinär. Ich habe mich dann auch in der Raumplanung promoviert, zu „Indikatoren zukunftsfähiger Regionalentwicklung“ und bin danach an das „Zentrum für Umweltsystemforschung“ an die Universität Kassel gegangen. 
Dort habe in der Gruppe von Andreas Ernst gearbeitet, der Umweltpsychologe ist. Ich fand es überaus spannend mit Psychologen und mit Systemwissenschaftlern zu arbeiten, weil mich als Planerin oft umtreibt: Wir machen einen tollen Plan (lacht) aber wie wird danach gehandelt und gelebt? Gleichzeitig war ich an die ökonomische Fakultät angebunden, weil r Andreas Ernst und ich beide im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Uni Kassel gelehrt haben und ich selber den Master „Nachhaltiges Wirtschaften“ mit entwickelt habe. Dort habe ich Umweltpolitik gelehrt. 
Meine Habilitation zum umweltbezogener Verfahrensgerechtigkeit hätte ich aufgrund meiner engen fachlichen Anbindung eigentlich in den Wirtschaftswissenschaften machen wollen. Das war aber dann fast nicht möglich, weil der damalige Dekan der Wirtschaftswissenschaften sagte: „Sie sind ja gar keine Ökonomin!“ Das haben nicht alle Fakultätsmitglieder so gesehen. Ich habe mich dann in der Kasseler Fakultät für Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung im Fach Raumplanung habilitiert und bin jetzt Professorin in den Gesundheitswissenschaften, im Department of Community Health an der Hochschule für Gesundheit und habe dort seit 2015 die Professur für Sozialraum und Gesundheit.

Welchen Bezug zur Donau-Universität gab es bisher und wie ist Ihre aktuelle Gastprofessur zustande gekommen? 

Der Kontakt ist vor allem über transdisziplinäre Forschung und eine entsprechende Tagung in Bozen vor einigen Jahren zustande gekommen, die von Gerald Steiner und Roland Scholz ausgerichtet wurde. In ganz intensiven Gesprächen dort zeigte sich sofort eine große, fachliche Nähe. Ein gemeinsames Thema war auch gleich die berufsbegleitende hochschulische Ausbildung. Krems ist ja eine Weiterbildungsuniversität und wir haben an der Hochschule für Gesundheit auch Studiengänge, die sich an Berufstätige richten, die berufsbegleitend mit viel E-Learning studieren. 
Ich empfinde die Studierenden mit Berufserfahrung als sehr sehr wertvoll. Sie sind sehr fordernd, weil sie sich gut überlegen, dass nicht noch mal studieren, gerade wenn sie es parallel zum Beruf/Familie machen. Da gab es sehr viele Parallelen zur Donau Universität, die  wir sehr gut diskutiert haben. Dann hat Roland Scholz mich gebeten in DiDaT für den Vulnerabilitätsraum Gesundheit als Faszilitatorin miteinzusteigen. Da war ja Krems auch beteiligt. Das war und ist eine sehr intensive Zeit und hat die Zusammenarbeit noch einmal gestärkt und das wollen wir nun auch fortführen. 

Was sind Ihre aktuellen Vorhaben?

In erster Linie schon der Versuch, transdisziplinäre Forschung auch methodisch weiterzuentwickeln. Ich versuche bei uns an der Hochschule für Gesundheit ein „Forschungszentrum Urban Health Ruhr“ aufzubauen, in dem wir versuchen mit transdisziplinären Methoden Stadtgesundheit real werden zu lassen. Das Ruhrgebiet ist als ehemaliger Industriestandort sehr dicht verstädtert, sehr divers in der Bevölkerungsstruktur und sehr sehr ungleich in der Gesundheitssituation, mit vielen Herausforderungen aber auch vielen Potentialen. 
Es gab einen Aufruf in die Region, die sogenannte „Ruhrkonferenz“, und es ist uns gelungen die drei Universitäten des Ruhrgebietes, drei Fachhochschulen, ein Wirtschaftsnetzwerk, die Landesgesundheitsbehörde und ein Stadtforschungsinstitut zusammenzubringen und den gemeinsamen Aufbau des Forschungszentrums Urban Health als Projekt einzureichen. Das ist es, was mich im Moment sehr vorantreibt und ansonsten generell das Thema der gesundheitsfördernden Stadtentwicklung sowie digitale Partizipationsmethoden. Hier geht es darum wie wir mehr und andere Menschen an Entscheidungsprozessen beteiligen können. 

Hatten Sie bisher einen persönlichen Bezug zu Krems, Niederösterreich, Österreich?

Ich war schon mehrfach in Wien und im Waldviertel, aber in Krems war ich leider noch nie. Ein sehr geschätzter Kollege, der aus Wien stammt, hat mir gleich gesagt: „Das ist die schönste Gegend, schau dass du hinkommst.“ Und ich hoffe, dass das trotz dem digitalen Semester spätestens im Herbst möglich sein wird. Es liegt sicher nicht an mir, wenn ich nicht komme! 

Am Schluss: Gibt es ein Projekt, dass Ihnen persönlich ganz besonders am Herzen liegt?

Ich mache sehr gerne anwendungsorientierte Projekte. Ich arbeite da viel mit Akteuren in Bochum-Wattenscheid zusammen, wo wir sehr konkrete Projekte mit Studierenden und Praktikern gemeinsam entwickeln. Das ist so ein richtiges Herzensding. Ich sehe das Programmgebiet der Sozialen Stadt, das dort ausgewiesen wurde, als mein ganz persönliches Berufungsgeschenk der Stadt Bochum – obwohl die das sicher nicht so gedacht haben. 

Mehr dazu: www.wat-bewegen.de/ bzw. www.fit-in-wat.de
 

Heike Köckler

Gastprofessorin

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