19.05.2026

Die ersten warmen Tage des Jahres sind längst da – und sie hinterlassen im Wohnraum schon nachhaltige Spuren. Wände und Decken speichern Wärme, Zehntel Grad für Zehntel Grad. Wer das Raumklima für den Sommer noch positiv beeinflussen will, hat jetzt das entscheidende Zeitfenster.

Dipl.-Ing. Markus Winkler, stellvertretender Departmentleiter und wissenschaftlicher Projektleiter am Department für Bauen und Umwelt der Universität für Weiterbildung Krems, bringt es auf den Punkt: „Der richtige Zeitpunkt zum Handeln ist nicht erst der Hochsommer, sondern jetzt, in den Übergangsmonaten, wenn noch Reserven vorhanden sind. Ab einem gewissen Aufladungsgrad der Baumasse helfen auch die besten Lüftungsstrategien nur noch begrenzt gegen sommerliche Überwärmung. Die Zwischenspeicherpotenziale sind dann meist bereits aufgebraucht."

Winkler forscht seit Jahren an genau diesem Thema und hat mit dem Projekt „CoolBRICK" zuletzt belastbare empirische Daten vorgelegt. Auf dem Gelände der BAUAkademie Salzburg wurden zwei baugleiche Ziegelsimulationsräume über mehrere Sommermonate hinweg mit mehr als 200 Messparametern überwacht und verschiedene Lüftungsszenarien unter exakt identischen Bedingungen verglichen. 

Querlüftung statt einseitige Lüftung

Das Ergebnis: Ein herkömmlich gekipptes Fenster auf nur einer Fassadenseite tauscht die Raumluft maximal zweimal pro Stunde aus und die Temperatur sank dabei lediglich um rund 1,6 °C. Ähnlich verhält es sich mit einer kontrollierten Wohnraumlüftung: Auch sie ist lediglich für den hygienischen Luftwechsel ausgelegt und schafft in der Regel nicht einmal einen vollständigen Luftaustausch pro Stunde für den betreffenden Raum. Für Kühlung reicht das in beiden Fällen nicht. Erst wenn die Raumluft mindestens viermal pro Stunde vollständig durch Außenluft ersetzt wird, setzt eine spürbare nachhaltige Kühlwirkung ein.

Querlüftung, also das gleichzeitige Öffnen von Fenstern auf gegenüberliegenden Raumseiten, erreicht bzw. übertrifft diesen Schwellenwert deutlich. Im Testgebäude sank die Temperatur damit um bis zu 5,5 °C. Noch wirksamer ist der sogenannte Kamineffekt: Werden Fassaden- und Dachfenster – z.B. auch in einem Stiegenhaus – kombiniert geöffnet, steigt warme Luft oben ab, kühlere Luft strömt von unten nach und die Raumluft wird dabei bis zu zwölfmal pro Stunde mit kühlerer Außenluft ausgetauscht, selbst bei kaum wahrnehmbarem Wind.

Konsequenzen für Planung und Bestand

Damit Nachtlüftung überhaupt wirken kann, muss tagsüber aber auch konsequent beschattet werden. Außenliegender Sonnenschutz, im Idealfall automatisiert gesteuert, ist dabei deutlich wirksamer als manuelle Lösungen, die versagen, sobald niemand zu Hause ist und auf das Verschatten vergessen wurde. Auch unverschattete Glasflächen nach Norden lassen einen Wärmeeintrag zu: Diffuse Strahlung und direkte Sonne an den Tagesrändern tragen zur Aufheizung bei, was in der Planung bislang unterschätzt wurde. Für den Neubau bedeutet das auch: Grundrisse sollten von vornherein auf Querlüftbarkeit ausgelegt sein. 

Bei bestehenden Gebäuden sind automatisierbare Fensterantriebe und smarte Verschattungslösungen zur Nachrüstung anzudenken, von einfachen zeitgesteuerten Lösungen bis hin zu sensorbasierten Regelungen. „Passives Kühlen durch Nachtlüftung funktioniert nur, wenn die Grundvoraussetzungen stimmen: der richtige Grundriss, die richtige Verschattung und im besten Fall eine Automatisierung, die das Kühlpotenzial dann vollständig ausschöpft“, sagt Winkler. „All das sollte in Zeiten der Klimakrise nicht mehr als Luxus betrachtet werden, sondern als künftiger Standard, jedenfalls nach einer zielorientierten Standort- und Potenzialanalyse."

Vom Wissen zum konkreten Beispiel

Wer das Potenzial passiver Kühlung gezielt ausschöpfen möchte, findet übrigens in einem zweitägigen Qualifizierungsprogramm individuelle Vertiefung in das Thema. Am 12. und 18. Juni 2026 bieten die Universität für Weiterbildung Krems, die TU Wien und der ecoplus Bau.Energie.Umwelt Cluster Niederösterreich gemeinsam ein Programm an, das Fachexkursion und Workshop ideal verbindet. 

Besichtigt werden ausgewählte Objekte mit unterschiedlichen Lösungsansätzen in Wien, der zweite Tag widmet sich dann Expert_innenvorträgen und der gemeinsamen Entwicklung konkreter Umsetzungszenarien anhand realer Planungsaufgaben der Teilnehmenden.

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