„Nachhaltigkeit beginnt nicht mit Kennzahlen" – Interview mit Dr. Marisa Mühlböck in der ESGZ
Regulierung, Berichtspflichten, Kennzahlen – bringt das Unternehmen wirklich weiter? Dr. Marisa Mühlböck und Prof. Dr. René Schmidpeter zeigen im Interview mit der Fachzeitschrift ESGZ, warum nachhaltige Transformation zuerst im Denken – und im Wohlbefinden der Führungskräfte – beginnt.
In der aktuellen Ausgabe der ESGZ – Die Fachzeitschrift für Nachhaltigkeit & Recht (6-7/2026) haben Dr. Marisa Mühlböck, Leiterin des Zentrums für Unternehmerische Nachhaltigkeit an der Universität für Weiterbildung Krems, und Prof. Dr. René Schmidpeter, Professor für Nachhaltiges Management an der BFH Bern, im Gespräch mit Herausgeberin Viola C. Didier ein grundlegend anderes Verständnis von Nachhaltigkeit skizziert: Nachhaltigkeit wird erst dann zum Erfolgsfaktor, wenn Unternehmen sie nicht als Zusatzaufgabe, sondern als festen Bestandteil von Strategie, Führung und Unternehmenskultur begreifen.
Im Zentrum des Gesprächs steht die Beobachtung, dass viele Unternehmen Nachhaltigkeit nach wie vor überwiegend als ökologisches und regulatorisches Thema verstehen und Profitabilität sowie nachhaltiges Wirtschaften als Gegensatz begreifen. Mühlböck verortet den eigentlichen Denkfehler zugrunde liegenden Menschenbild: Solange Unternehmensentscheidungen am Modell des rein rational handelnden „Homo oeconomicus" ausgerichtet werden, bleiben Emotionen, Sinnfragen und innere Widersprüche unberücksichtigt – und Nachhaltigkeit damit ein von außen auferlegtes Projekt statt gelebter Praxis.
Einen besonderen Schwerpunkt legt Mühlböck auf das individuelle Wohlbefinden von Unternehmer:innen und Führungskräften. Eine österreichische Studie unter 1.000 Unternehmerpersönlichkeiten zeigt, dass mehr als die Hälfte Kolleg:innen kennt, die unter gesundheitsschädlichem Stress leiden – ein Viertel berichtet von Burnout im direkten Umfeld. Ihr Fazit: „Wer Wellbeing als Wohlfühlprogramm abtut, verkennt seine wirtschaftliche Bedeutung." Innere Stabilität werde damit gerade in komplexen Zeiten zur strategischen Ressource verantwortungsvoller Unternehmensführung.
Schmidpeter ergänzt die strategische Perspektive: Regulierung habe Nachhaltigkeit zwar auf die Agenda gebracht, echte unternehmerische Überzeugung und Innovationskraft entstünden jedoch erst, wenn Nachhaltigkeit die Geschäftslogik selbst durchdringt, statt als Berichtspflicht delegiert zu werden. Beide Autor:innen plädieren für ein Zusammenspiel aus Freiheit und Verantwortung – und dafür, unternehmerisches Handeln nicht länger primär als Regulierungsantwort, sondern als Chance für Wertschöpfung, Resilienz und gesellschaftlichen Mehrwert zu verstehen.
Der Beitrag „Nachhaltigkeit beginnt nicht mit Kennzahlen" erschien in der ESGZ – Die Fachzeitschrift für Nachhaltigkeit & Recht, Ausgabe 6-7/2026, Juni 2026, S. 25ff.
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