Museumsforschung bringt historisches Europa-Bildnis zutage

Kulturhistorikerin Wawruschka stieß in Retz bei Recherchen zum Projekt „MuseumsMenschen“ der Donau-Universität Krems auf allegorische Europa-Karte

04.04.2019

Das Projekt „MuseumsMenschen. Niederösterreichs Stadtmuseen – Museumsgründer und Museumsinitiativen im 19. Jahrhundert” (Leitung: Univ.-Prof.in Dr.in Anja Grebe) beschäftigt sich mit Gründung und Entwicklung der Sammlungen zehn niederösterreichischer Stadt- und Regionalmuseen. Im Museum Retz stieß die wissenschaftliche Bearbeiterin Mag.a Dr.in Celine Wawruschka auf das älteste Bildnis, das Europa als Königin darstellt, angefertigt 1534 von Johannes Putsch. Es wurde zum Vorbild vieler frühneuzeitlicher Erdteilallegorien.

Landkarten waren immer mehr als eine abstrakte Raumvermessung. Sie brachten auch die realpolitischen Verhältnisse und Geisteshaltungen zum Ausdruck. Fresken und Vasenmalereien der Antike zeigen Europa noch als Frau, meist im Zusammenhang mit dem Zeus-Mythos, der in Gestalt eines Stiers die phönizische Prinzessin Europa über das Mittelmeer entführt. Im Mittelalter wurde der Kontinent eher männlich dargestellt. Erst der Tiroler Johannes Putsch (1516 – 1542) personifizierte den Kontinent in den 1530er-Jahren erstmals als Königin. Mag.a Dr.in Celine Wawruschka vom Department für Kunst- und Kulturwissenschaften der Donau-Universität Krems machte den Fund im Depot des Museums Retz. Die zwei hervorstechenden Besonderheiten beschreibt die Kulturhistorikerin so: „Zum einen ist die Retzer ‚Königin Europa‘ die älteste derartige Darstellung, zum anderen befindet sich unter der Darstellung ein humanistisches Gedicht, ebenfalls von Putsch verfasst, das bislang noch nicht in direkten Bezug zur Karte gestellt werden konnte“.

Europas Klagen hat Tradition
Durch den Retzer Fund konnte das Gedicht, das als „Europa lamentans“ („Die klagende Europa“) bekannt war, in einen neuen Kontext gestellt werden. Die einzige bekannte Überlieferung des Textes stammt aus dem Jahr 1544 in der Gedicht-Anthologie „Poematia aliquot insignia poetarum recentiorum“. Nun werden die Textbezüge zur Karte erkennbar. Inhalt ist die Klage der „Königin Europa“ über vergangene und zeitgenössische Kriege, während sie sich hilfesuchend an die beiden Herrscher des Habsburgerreiches – Kaiser Karl V. sowie Ferdinand I. – wendet. Sowohl die Karte als auch das Gedicht entwickelten eine Geschichtswirksamkeit und wurden vielfach rezipiert. In das Stadtmuseum Retz kam die Karte 1838 durch P. Ignaz Lamatsch (1797 – 1863), dem Bibliothekar und Archivar des örtlichen Dominikanerklosters, der sie dem kurz zuvor gegründeten Museum geschenkt hatte.

Aufarbeitung der Museumsbewegung des 19. Jahrhunderts
Dass es zu diesem außergewöhnlichen Fund kam, ist dem Forschungsprojekt „MuseumsMenschen. Niederösterreichs Stadtmuseen – Museumsgründer und Museumsinitiativen im 19. Jahrhundert” unter Leitung von Univ.-Prof.in Dr.in Anja Grebe zu verdanken. Neben den großen Nationalmuseen entstanden im 19. Jahrhundert vielerorts von Bürgerinnen und Bürgern initiierte Stadt- und Regionalmuseen. Die Stadtmuseen in Baden (Rollett-Museum, gegründet 1806/10), Wiener Neustadt (gegründet 1824) und Retz (gegründet 1833) zählen sogar zu den frühesten derartigen Museumsgründungen im deutschsprachigen Raum.
Ziel des Projekts ist eine gemeinsame, fundierte historische Untersuchung, Aufarbeitung, Publikation und digitale Präsentation der Gründungsgeschichte der Stadtmuseen. Dabei stehen jene zehn Museen im Vordergrund, deren Sammlungen und Häuser heute noch als Museen der Öffentlichkeit zugänglich sind. Der Blick ist dabei auf die „MuseumsMenschen“, d. h. die Akteurinnen und Akteure, gerichtet.

„Es geht uns um die Darstellung der breiten Verankerung der Museumsidee in der Bevölkerung. Sie kam in einer starken Museumsbewegung zum Ausdruck, die sich dem Sammeln, Bewahren, Erforschen, Ausstellen und Vermitteln von Kulturerbe verschrieben hatte. Der Kartenfund von Retz ist ein toller Beleg für unsere These und zeigt, wie wichtig Museumsforschung gerade auch in kleineren Sammlungen ist“, so Dr.in Anja Grebe, Universitätsprofessorin für Kulturgeschichte und Museale Sammlungswissenschaften.

Das Projekt „MuseumsMenschen“ des Departments für Kunst- und Kulturwissenschaften der Donau-Universität Krems wird gefördert aus den Mitteln des FTI-Programms (Forschungs-, Technologie-, Innovationsstrategie) des Landes Niederösterreich. Die Durchführung geschieht in Kooperation mit dem Museumsmanagement Niederösterreich und den Stadtmuseen von Baden, Wiener Neustadt, Retz, Korneuburg, St. Pölten, Melk, Krems, Eggenburg, Gars am Kamp und Zwettl.

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