Wer entscheidet, was gesammelt, bewahrt und an künftige Generationen weitergegeben wird? Und wie können Museen und Archive ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden, wenn finanzielle Ressourcen knapper werden, politische Konflikte zunehmen und künstliche Intelligenz den Umgang mit kulturellem Wissen verändert? Mit diesen Fragen beschäftigten sich mehr als 60 Teilnehmende der DAC Summer School 2026 von 1. bis 3. Juli an der Universität für Weiterbildung Krems.
Unter dem Titel „Who cares? Collecting, preserving, and curating in museums, archives, and organizations“ diskutierten Forschende, Lehrende sowie Fachleute aus Museen, Archiven, Kulturvermittlung, Weiterbildung und Organisationsentwicklung unterschiedliche Formen kultureller Sorgearbeit. Paper- und Poster-Präsentationen sowie Workshops verbanden wissenschaftliche Reflexion mit praktischen und experimentellen Zugängen.
Bewahren ist nicht neutral
Im Zentrum stand die Frage, wer Verantwortung für das materielle und immaterielle kulturelle Erbe übernimmt. Sammeln, Archivieren und Kuratieren bedeuten nicht nur, Objekte und Dokumente dauerhaft zu erhalten. Damit sind stets auch Entscheidungen darüber verbunden, welche Ereignisse, Perspektiven und Erfahrungen sichtbar bleiben und welche aus dem kulturellen Gedächtnis verschwinden.
„Archive, Museen und Sammlungen sind keine neutralen Speicher. Was sie aufnehmen, erschließen und vermitteln, prägt wesentlich mit, wie eine Gesellschaft ihre Vergangenheit versteht und über ihre Zukunft nachdenkt“, sagt Dr. Helmut Neundlinger, Leiter des Archivs der Zeitgenossen an der Universität für Weiterbildung Krems. „Kulturelle Sorgearbeit bedeutet daher nicht nur, Bestände zu erhalten. Sie bedeutet auch, Verantwortung für bislang übersehene Stimmen zu übernehmen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass kulturelles Gedächtnis öffentlich zugänglich und gesellschaftlich wirksam bleibt.“

Besondere Aufmerksamkeit galt jenen Erinnerungen und kulturellen Ausdrucksformen, die als ephemer oder marginal gelten. Diskutiert wurde unter anderem, wie sich politische Gewalt aus der Perspektive betroffener Minderheiten dokumentieren lässt und ob Museen spontane Gedenkorte nach Terroranschlägen oder Naturkatastrophen in ihre Sammlungen aufnehmen können. Weitere Beiträge beschäftigten sich mit Beständen aus kolonialen Kontexten sowie mit der Frage, wie Emotionen, subjektive Erfahrungen und kollektive Trauer archiviert und vermittelt werden können.
Künstliche Intelligenz verändert das kulturelle Gedächtnis
Auch die digitale Erschließung von Sammlungen und der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz waren Gegenstand der Summer School. Digitale Technologien können Bestände leichter zugänglich machen und neue Zusammenhänge sichtbar werden lassen. Zugleich beeinflussen Datenmodelle, Suchsysteme und Algorithmen, welche Inhalte gefunden, miteinander verknüpft oder ausgeblendet werden.
Damit stellt sich die Frage nach kultureller Verantwortung auch im digitalen Raum: Wer entscheidet, welches Wissen in Datenbanken aufgenommen wird? Welche historischen Vorannahmen werden in digitale Systeme übernommen? Und wie lässt sich verhindern, dass bereits bestehende Ausschlüsse durch automatisierte Verfahren fortgeschrieben werden?
Austausch über institutionelle und geografische Grenzen
Die Beiträge vermittelten ein breites Bild der gegenwärtigen Situation von Museen, Archiven und erinnerungspolitischen Initiativen. Viele dieser Einrichtungen müssen ihre Aufgaben mit begrenzten Mitteln erfüllen. Einzelne Initiativen kämpfen zudem mit mangelnder öffentlicher Sichtbarkeit oder arbeiten unter politisch schwierigen Bedingungen.
Die internationale Zusammensetzung der Summer School ermöglichte es, unterschiedliche institutionelle und gesellschaftliche Erfahrungen miteinander zu vergleichen. Die Teilnehmenden kamen aus zwölf Ländern, darunter Ägypten, Brasilien, Großbritannien, Italien, Lettland, Rumänien, die Türkei, Ungarn und die USA. Der Austausch zeigte, dass Institutionen des kulturellen Gedächtnisses einen wesentlichen Beitrag zu aktuellen Debatten über gesellschaftlichen Zusammenhalt, politische Teilhabe und den Umgang mit Geschichte leisten können.
Zur DAC Summer School
Das Department für Kunst- und Kulturwissenschaften der Universität für Weiterbildung Krems veranstaltet die internationale DAC Summer School seit 2023. Das dreitägige Format widmet sich jährlich aktuellen Fragen des kulturellen Erbes in seinen analogen und digitalen Erscheinungsformen. Es führt wissenschaftliche Perspektiven mit Erfahrungen aus Museen, Archiven, Kulturvermittlung, Weiterbildung und Organisationsentwicklung zusammen. Konzeption und Umsetzung erfolgen in Kooperation mit der in scope GmbH. An der Organisation und Durchführung der Summer School sind zudem die Professorinnen Anja Grebe und Chiara Zuanni – beide tätig am Department für Kunst- und Kulturwissenschaften – maßgeblich beteiligt. Finanzielle Unterstützung erhält die Summer School durch das CLARIAH-AT-Konsortium.
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