Immer mehr historische Objekte werden in digitalen Datenbanken gesammelt. Was fehlt, ist die Verknüpfung mit dem immateriellen Erbe und eine bessere Zugänglichkeit und Sichtbarkeit dieser Kulturschätze. „InTaVia“ will diese Lücke schließen.

Von Markus Mittermüller

Ein Menschenleben reicht wohl nicht aus, um sich jedes einzelne dieser Kulturobjekte näher ansehen zu können. Mit nur wenigen Mausklicks eröffnet sich auf der Plattform „Europeana“ der Zugang zu mehr als 50 Millionen europäischen Kulturobjekten. Diese stammen aus 4.000 großen und kleinen europäischen Museen, Archiven und Bibliotheken und wurden seit 2008 schrittweise online gestellt.

„Gerade in den vergangenen zehn Jahren ist beim Digitalisieren von materiellem Kulturerbe sehr viel passiert. Was jedoch noch fehlt, ist die Verknüpfung mit dem immateriellen Erbe“, sagt Eva Mayr vom Department für Kunst- und Kulturwissenschaften der Donau-Universität Krems.

Zu diesem immateriellen Erbe zählt auch das historische und biografische Wissen über KünstlerInnen, AuftraggeberInnen oder BesitzerInnen kultureller Objekte. Genau hier setzt ein neues Forschungsprojekt an, das von der Donau-Universität Krems koordiniert und von Mayr und Florian Windhager geleitet wird. Es nennt sich „In/Tangible European Heritage – Visual Analysis, Curation and Communication“ (InTaVia) und wird als Horizon-2020-Projekt von der EU gefördert. „Wir verknüpfen dabei die Objektdaten mit den Biografiedaten über ein neues Informationsportal. Das ist weltweit echtes Neuland und wird ein besseres kontextuelles Verständnis des kulturellen Erbes ermöglichen und kulturwissenschaftliche Analysen und Vermittlungsansätze auf ein neues Level heben“, sagt Mayr.

Überwindung nationaler Einschränkungen

Derzeit verhindern noch unterschiedliche Einschränkungen – wie die fehlende Verknüpfung, Standardisierung oder Maschinenlesbarkeit lokaler Datensammlungen – eine optimale Verwertung der vorhandenen Daten über das immaterielle Kulturerbe. „Auf Ebene der Biografien gibt es nur nationale Datenbanken mit unterschiedlichen Formaten und Standards. Durch Harmonisierung und Verknüpfung sollen diese nationalen Wissenssammlungen zusammengebracht werden“, erklärt die Wissenschafterin. Ist beispielsweise ein Künstler in England geboren und danach in den Niederlanden tätig gewesen, so hat jedes Land für sich eigene Informationen über diese Person gesammelt. InTaVia führt diese Daten zusammen und ermöglicht auch, unterschiedliche nationale Blickweisen auf eine Person zu vergleichen. „Wie sieht die Biografie eines ungarischen Freiheitskämpfers in einer ungarischen Datenbank aus und wie in einer österreichischen?“, nennt die Forscherin ein Beispiel. Ausgehend von einzelnen Personen, Objekten oder von biografischen Ereignissen, wird dann ein Eintauchen in ganze Werksammlungen oder kulturhistorische Zusammenhänge möglich sein.

Visuelles und interaktives Portal

Wie werden diese neu aufbereiteten und verknüpften Daten dann zugänglich gemacht? Zu diesem Zweck entsteht eine prototypische Plattform für die visuelle Analyse und Kommunikation der materiellen und immateriellen Kulturgüter. Das Besondere dabei ist die Möglichkeit, komplexe Informationen interaktiv zu explorieren. „Es wird möglich sein, ausgewählte Informationen in verschiedenen Überblicksansichten zu analysieren – zum Beispiel mit Blick auf deren geografische oder zeitliche Verortung, oder mit Blick auf Beziehungen zu anderen Objekten und Personen. Man kann aber auch einzelne Objekte oder Biografien auswählen und im Detail erkunden“, sagt die Projektverantwortliche. Auch das Filtern von Daten, beispielsweise nach bestimmten Schlagworten oder Zeitabschnitten, wird dort möglich sein.

Neben der Koordination des Projekts arbeitet die Donau-Universität Krems auch kollaborativ an der Visualisierung der Daten und deren Evaluation. Mithilfe dieser Visualisierungen können in Zusammenarbeit mit Expert_innen auch Fehler, die durch die Erfassung biografischer Texte mittels Natural Language Processing entstanden sind, korrigiert werden. Dazu Mayr: „ Bestimmte Ortsnamen gibt es öfter und so werden geografische Datenpunkte manchmal von den Systemen falsch zugeordnet. Damit Expert_innen erkennen können, welcher Ort im Zusammenhang mit einem historischen Ereignis tatsächlich gemeint ist, können die verschiedenen Optionen mit ihren einzelnen Wahrscheinlichkeiten angezeigt werden. So können die Wissenschafter_innen besser verstehen, wie die Systeme arbeiten, deren Verfahren optimieren und Fehler effizienter korrigieren“.

Neue Wege der narrativen Kulturvermittlung

Von InTaVia profitieren aber nicht nur die ForscherInnen, sondern auch Personen, die im Kulturbetrieb oder der Kulturvermittlung tätig sind – und damit auch die interessierte Öffentlichkeit. Im Rahmen einer „Visual Storytelling Suite“ können Expert_innen ihre Erkenntnisse in Form von visuellen Geschichten zu bestimmten Themen in Kombination mit interaktiven Visualisierungen präsentieren und veröffentlichen.

Stichwort Resilienz

Resilienz bedeutet, krisenhafte Erfahrungen gut bewältigen und aus ihnen gestärkt hervorgehen zu können. Ursprünglich stammt der Begriff „Resilienz“ aus der Materialforschung und bezeichnet die Eigenschaft eines Stoffes, nach einer Verformung wieder in seine ursprüngliche Gestalt zurückkehren zu können. Resiliente Menschen können auch krisenhaften Situationen positive Aspekte abgewinnen und daraus Erkenntnisse für die Zukunft ziehen. Dabei gibt es nicht die EINE Resilienz, sondern mehrere Resilienzfaktoren, die bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, sondern sie wird im Zusammenhang mit der positiven Bewältigung von Herausforderungen und kritischen Lebenssituationen erworben und kann über gezielt angelegte Reflexionsprozesse (z. B. Beratungs- und Therapiesequenzen) gefördert werden.

Die Covid-19-Resilienz-Studie von Aschauer & Hofer zeigt, dass es vier besonders wirksame Resilienzfaktoren gibt, die hoch signifikant mit einem besseren psychischen Befinden in der Pandemie in Zusammenhang stehen.


EVA MAYR
Dr. Eva Mayr studierte Psychologie an der Universität Wien und promovierte an der Universität Tübingen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf Informationsvisualisierungen und Forschungsmethoden.

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