Seit 800 Jahren werden im Waldviertel und in Südböhmen Karpfen gezüchtet. Die Fischteiche haben die Landschaft, die Natur und die Kultur auf vielfältige Weise geprägt.

Von Sonja Bettel

 

Die zahlreichen Fischteiche im nördlichen Waldviertel formen eine romantische Landschaft. Umschwirrt von Libellen im Frühjahr, kühlend im Sommer, nebelig verhangen im Herbst, von Eis bedeckt im Winter. Und wenn Ende Oktober das traditionelle Karpfenabfischen stattfindet, „kochen“ sie vor zappelnden Fischen.

Die Teiche im Waldviertel sind weithin bekannt. Rund 1.700 sind es – hunderte weitere drüber der Grenze in Südböhmen. Kein einziger dieser Teiche ist natürlich entstanden, alle wurden von Menschenhand geschaffen, großteils schon vor 800 Jahren.

Andreas Salvator Habsburg-Lothringen, Gründer der International Traditional Knowledge Institute Foundation (ITKI) Austria, beschäftigt sich seit Langem mit der Geschichte dieser Teichlandschaften. Vor 60 Jahren erbte er das Schloss in Gmünd, zu dem 420 Hektar Wald und 42 Hektar Fischteiche gehören. Einen Teil der Teiche hat er neu angelegt. Seit 20 Jahren lebt und wirtschaftet der heute 86-Jährige im Waldviertel. Das Wissen um die Fischteiche, wie sie entstanden sind und wie sie funktionieren, hat er sich „aus der Wirklichkeit“ angeeignet: „Jeder Teich hat seine eigene Persönlichkeit. Die versteht man nur, wenn man beim Abfischen im Teich steht.“

Not macht erfinderisch

Die Fischteiche verdanken ihr Bestehen den strengen Fastenregeln der römisch-katholischen Kirche, die an 150 Tagen im Jahr den Genuss warmblütiger Tiere verbot. Fisch war erlaubt und der fette, aus Asien stammende Karpfen für die körperlich arbeitenden Zisterzienser ein Segen. Im 12. Jahrhundert wurden in Südböhmen und im 13. Jahrhundert im Waldviertel die  ersten Teiche geschaffen, um große Mengen von Karpfen produzieren zu können. Die Methode, mit der die Teiche auch heute noch angelegt und betrieben werden, sei eine besondere kulturelle Leistung, ein Bündnis zwischen Kultur und Natur, schwärmt Andreas Habsburg-Lothringen.

Zuerst einmal wurde das Gelände studiert: Wo gibt es Senken? Wo gibt es lehmigen Untergrund? Dort wurde an einem geeigneten Punkt ein Ablauf für das Wasser gebaut und ein Damm aufgeschüttet. Interessanterweise wird das Bauwerk, mit dem man die Menge des ablaufenden Wassers regulieren kann, als Mönch bezeichnet. Zur Befüllung wurden im Gelände Rinnen gegraben, die Niederschlagswasser oder Wasser aus Bächen in die Senke leiteten. Jetzt musste man nur noch Geduld haben, bis sich der flache Teich ausreichend mit Wasser füllte.

Andreas Habsburg-Lothringen

„Jeder Teich hat seine eigene Persönlichkeit. Die versteht man nur, wenn man beim Abfischen im Teich steht“

Andreas Salvator Habsburg-Lothringen

Die eingesetzten Karpfen fressen, was sie im Teich finden, und erhalten nach Bedarf Getreide. Im kühlen Waldviertel dauert es drei Jahre, bis sie ausreichend groß sind, um geschlachtet zu werden.

Ende Oktober kommen der Teichwirt, Mitarbeitende, Freunde, ja das ganze Dorf zusammen, lassen das Wasser ab und fangen die Karpfen mit Zugnetzen zusammen – eine Schwerarbeit. Die Fische werden mit Keschern in Bottiche gehievt und nach Größe sortiert, die kleineren wieder in einen Teich gesetzt, die größeren bis zum Verkauf in Frischwasserbecken gehalten.

Ein kulturelles Erbe

Seit Jahrhunderten wird diese Methode der Fischzucht von Generation zu Generation weitergegeben. Dieses kulturelle Erbe sollte geschützt werden, finden Andreas Habsburg-Lothringen und der Niederösterreichische Teichwirteverband. Sie haben eine Reihe von Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus vielen Disziplinen: Im Oktober 2021 fand dazu in Gmünd und in Nové Hrady und Trebon in Tschechien die internationale Tagung „Das Erbe der Teichlandschaft“ statt, veranstaltet vom Department für Bauen und Umwelt der Universität für Weiterbildung Krems und dem ITKI.

„Die Teichwirtschaft hat die Natur und die Kultur über Jahrhunderte unglaublich geprägt“, sagt Christian Hanus, Leiter des Departments, der sich, angeregt von Andreas Habsburg-Lothringen, nun intensiv mit den Teichlandschaften beschäftigt: „Die Teichwirtschaft hat die Siedlungsentwicklung, die Bauformen, die Küche, die Lebensmittelproduktion, die Bräuche, die Volksgesundheit, das Mikroklima und die Biodiversität verändert“, so Hanus. Sie sei einer der wenigen Eingriffe des Menschen in die Natur, welche die Resilienz verstärkt haben.

Bedeutend für Biodiversität und Ernährung

Auch ökologisch sind die Fischteiche im Waldviertel bedeutend, erklärt der Gewässerökologe Martin Kainz vom WasserCluster Lunz, einem interuniversitären Forschungszentrum der Universität Wien, der Universität für Bodenkultur Wien und der Universität für Weiterbildung Krems. Karpfen sind Friedfische, fressen also keine anderen Fische und benötigen deshalb keine Fischpellets, die zumeist aus Peru oder Chile kommen würden. „Die Karpfen im Waldviertel ernähren sich großteils vom Zooplankton aus den Teichen, das teils zugefütterte Getreide stammt aus der Region“, hebt Martin Kainz, der seit 15 Jahren zu den Waldviertler Fischteichen forscht, deren Nachhaltigkeit hervor. 

Die Teiche beeinflussen auch das Mikroklima, weil sie im Sommer kühler sind als die Umgebungsluft und im Winter wärmer. Sie sind Produktionsstätten von zahlreichen Insekten wie Eintagsfliegen oder Libellen, die wiederum Nahrung für Vögel, Fledermäuse, Spinnen und andere Insektenfresser sind. Sie haben dadurch die Biodiversität in ihrem Umfeld erhöht. So gebe es am 38 Hektar großen Jägerteich bei Waidhofen an der Thaya, einem der ältesten Teiche der Region, rund 50 verschiedene Vogelarten, sagt Martin Kainz.

Die Karpfen würden in der Produktion außerdem weniger Methan-Emissionen verursachen als Kühe oder Schweine. Zwei Portionen Karpfen pro Woche würden den Bedarf an Omega-3-Fettsäuren decken, die das Risiko von Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs reduzieren können. „Ich würde gerne Forschungsarbeiten zur Bedeutung der Waldviertler Fischteiche für die menschliche Gesundheit machen“, sagt Kainz.

Teiche für die Zukunft

Doch es ist nicht alles eitel Wonne. Einerseits werden die Niederschläge im Waldviertel im Zuge des Klimawandels weniger, die Temperaturen steigen und verändern die Reproduktion der Insekten und Algen, darauf müsste man eventuell mit einer Änderung der Bewirtschaftung der Teiche reagieren. Andererseits sieht Andreas Habsburg-Lothringen eine Reihe politischer, gesetzlicher und wirtschaftlicher Probleme für die Teichwirte, die eine Weiterführung der jahrhundertealten Tradition gefährden könnten. Die Liste sei lang, sagt er, und nennt beispielhaft den Druck des globalen Marktes und geschützte Raubtiere wie Seeadler, Fischotter oder Kormoran. Naturschutz ist ihm sehr wichtig, aber die Kosten dafür könnten nicht die Teichwirte allein tragen, weshalb es notwendig sei, das kulturelle Erbe der Teichlandschaften ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Martin Kainz

„Auch ökologisch sind die Fischteiche im Waldviertel bedeutend. Karpfen ist zudem sehr gesund und klimafreundlich.“

Martin Kainz

Teichlandschaften als Welterbe?

Bei der Tagung im Herbst 2021 haben deshalb die Tagungsteilnehmer_innen, darunter internationale Expert_innen von UNESCO und ICOMOS, die „Gmünder Erklärung zur Wasser-Kulturlandschaft 2021“ verabschiedet. Darin anerkennen sie die kulturellen Leistungen der jahrhundertalten Teichwirtschaft und rufen dazu auf, die Kulturlandschaft der südböhmischen und niederösterreichischen Teiche in die UNESCO-Welterbeliste aufzunehmen.

Dieser Prozess sei allerdings sehr aufwendig, gibt Christian Hanus zu bedenken, weil der Einreichung bereits eine detaillierte Begründung und Managementpläne beigelegt werden müssten. Dafür wiederum müssten Historiker_innen, Denkmalpflegende, Vertreter_innen der Naturwissenschaft, Biologie und Regionalökonomie usw. die Bedeutung der Teiche fundiert beschreiben – und das koste Zeit und sehr viel Geld. Allerdings könne ein Teil der Kosten über Interreg-Projekte eingeworben werden und die Ergebnisse würden so oder so den Teichwirten, der Wirtschaft, dem Tourismus und dem Naturschutz der Regionen zugutekommen. Er selbst wird im nächsten Schritt den Forschungsbedarf dafür darstellen.


ANDREAS HABSBURG-LOTHRINGEN
Andreas Salvator Habsburg-Lothringen wurde in Persenbeug geboren und betreibt seit 20 Jahren die Landwirtschaft des Schlosses Gmünd mit 42 Hektar Fischteichen. Er hat sich intensiv mit Geschichte und Technik der Waldviertler Teichlandschaften auseinandergesetzt und ihre Anerkennung als kulturelles Erbe durch die UNESCO angeregt.

CHRISTIAN HANUS
Univ.-Prof. Dipl.Arch.ETH Dr. Christian Hanus leitet das Department fur Bauen und Umwelt an der Universität fur Weiterbildung Krems. Im Rahmen des Interreg-Projekts „Das Erbe der Teichlandschaft“ organisierte er 2021 die Tagung „Das Erbe der Teichlandschaft Waldviertel-Sudböhmen“.

MARTIN KAINZ
Priv.-Doz. Martin Kainz ist Forscher und wissenschaftlicher Prokurist am Interuniversitaren Zentrum fur Aquatische Ökosystemforschung WasserCluster Lunz. Der Gewasserökologe studierte und forschte viele Jahre in Kanada und ist seit 2008 auch adjunct Professor an der University of Washington in Seattle. Er forscht u. a. zur Ökologie des aquatischen Nahrungsnetzes und den Fischteichen im Waldviertel.

LINKS

Weitere Artikel dieser Ausgabe

Zum Anfang der Seite