Alte Geschichte und Infanterie, Lehrgangsleitung und Kompaniekommando, Einsatzplanung und Denkmalschutz. Anna Maria Kaiser schlägt erfolgreich eine Brücke zwischen zwei Welten, die sich für den effektiven Schutz von Kulturgütern gut austauschen müssen.

Von Astrid Kuffner

 

Lesen ist ihr größtes Hobby. Aber welche Welten wohnen zwischen den Buchdeckeln und wer betritt sie? Anna Maria Kaiser baute als wissenschaftliche Mitarbeiterin das Zentrum für Kulturgüterschutz der Universität für Weiterbildung Krems mit auf und ist seit Februar 2021 Assistenzprofessorin für angewandten Kulturgüterschutz. Die 36-­jährige Althistorikerin studierte in Wien und Salzburg mit Spezialgebiet antike Schriftstücke und Inschriften. Promoviert hat die gebürtige Innviertlerin sub auspiciis praesidentis rei publicae, in ihrem zweiten Berufsleben ist der Bundespräsident auch ihr Oberbefehlshaber. Denn Kaiser ist ausgebildete Milizoffizierin mit Spezialgebiet militärischer Kulturgüterschutz. Von der ihr unterstellten Infanterie-­Kompanie wird sie mit Frau Hauptmann angesprochen.  

Zwischen Matsch und Antike

„Ich führe es darauf zurück, dass ich als Kind so viel Asterix gelesen habe“, scherzt Kaiser zu ihrer militärischen Laufbahn. Nach der Grundausbildung in Freistadt wechselte sie in der Offiziersausbildung unter anderem an die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt und ist aktuell Kommandantin der Jägerkompanie Tulln. Die beiden parallelen Berufsleben bedeuten für sie „konstantes Lernen und Wachsen in der Verantwortung. Die Brücke zwischen meinen beiden Leben ist der militärische Kulturgüterschutz“, sagt die Wissenschaftlerin, und für die internationale Zusammenarbeit ist es ein Asset, „hier nicht als fremd wahrgenommen zu werden“.

Anna Maria Kaiser

„Der Kulturgüterschutz ist ein Fach, für das der Begriff Querschnittsmaterie wie für kein zweites gilt.“

Anna Maria Kaiser

Der Fachbegriff Kulturgüterschutz gilt für bewegliche und unbewegliche Objekte, die von der Haager Konvention erfasst sind. Das internationale Abkommen legt explizit den Schutz von Kulturgut in bewaffneten Konflikten fest und sie motiviert die Idee, „auch unter den schlimmsten Bedingungen Kulturgüter zu erhalten“. Erkennbar sind diese Objekte an den blau­weißen Tafeln. Es ist ein Feld, wo Hierarchien greifen und es für den Ernstfall ein hohes Maß an Vorbereitung zwischen militärischen und zivilen Kräften braucht. Der von ihr geleitete Master­-Lehrgang Cultural Property Protection für internationale Studierende wurde auf das Thema Katastrophenvorsorge erweitert und mit Themen wie Denkmalpflege, Materialkunde, Kunstgeschichte, Sanierung und Sammlungswissenschaften wird an die Kompetenzen des Zentrums für baukulturelles Erbe am Department angeknüpft. Ihre Risikomanagement­-Forschung fokussiert auf „hochkinetische“, also plötzliche, massive und dynamische Ereignisse, wie Terrorismus, aber auch Hochwasser, Erdbeben, Feuer, Starkregen oder Vulkanausbruch. Anna Maria Kaiser arbeitet vor allem an EU-­Projekten, die sich länderübergreifend mit Kulturgüterschutz und Klimawandel befassen und letztlich verbesserte Notfallpläne im Zusammenspiel von Einsatzkräften, Expert_innen, Freiwilligen, Behörden, Militär und Betreiber_innen zum Ziel haben. Zum Glück beherrscht sie neben Deutsch und den „Arbeitssprachen der Antike“, Latein und Altgriechisch, auch Englisch, Französisch und … Isländisch. Das lag übrigens an den „Nonni und Manni“­-Abenteuergeschichten, die sie auf einen einjährigen Schüleraustausch nach Húsavík (Island) führten. Gerade hat sie einen Projektantrag geschrieben, der zudem illegalen Handel als Gefahrenpotenzial einbezieht.  

Drehbuch zwischen Bibel und Thriller

Für das Stift Melk hat die Expertin 2018 gemeinsam mit dem Sicherheitsbeauftragten für den musealen Bereich einen wasserdichten Notfallplan entwickelt und auch hier steht am Anfang ein Drehbuch für das Szenario: starke Unwetter, die Teile des Daches über dem Museum abdecken, sintflutartige Regenfälle, Donau-­Hochwasser, das über Dämme geht, verschärft um einen ethnischen Konflikt. Nur einsame Held_innen gibt es nicht, denn es geht eben darum, sich gut abzustimmen: „Einsatzkräfte haben Beurteilungskriterien, Prioritäten und stringente Abläufe, die sie nicht ändern, weil Kulturgüterexpert_innen einen Altar retten möchten. Es geht also darum: Was brauchen sie für Infos vorab und währenddessen?“

In der Kompanie und am Zentrum für Kulturgüterschutz will sie Verantwortung übernehmen und sich aktiv um die Beteiligten kümmern. Ihre Devise ist: Es geht nur gemeinsam. Ob in der Wissenschaft, im Kulturgüterschutz, beim letzten Milizeinsatz zur Unterstützung von Gesundheitsbehörden und Polizei im September 2020 oder am Department: „Insellösungen funktionieren im Kulturgüterschutz weder zivil noch militärisch. Der Kulturgüterschutz ist ein Fach, für das der Begriff Querschnittsmaterie wie für kein zweites gilt.“  

Noch heute freut sie sich auf jeden neuen Asterix, sie liest Fachliteratur für Alte Geschichte, Militär/Kulturgüterschutz, aber auch Belletristik in allen Sprachen, die sie spricht – mit Blick auf die passive Sprachkompetenz. Welche drei Dinge hat jemand, der zu Hause Uniformen im Schrank hat und allzeit bereit ist, immer dabei? „Ein Buch, das Telefon und etwas zum Schreiben.“


Ass.-Prof.in Dr.in Anna Maria Kaiser ist stellvertretende Leiterin des Zentrums für Kulturgüterschutz der Universität für Weiterbildung Krems. Als ausgebildete Kulturgüterschutzoffizierin des Österreichischen Bundesheeres verbindet sie zivile und militärische Zugangsweisen zum Thema in Forschung und Lehre. Sie leitet den fachspezifischen postgradualen Universitätslehrgang und koordiniert eine Reihe von EU-Projekten zum Thema. 2013 promovierte sie an der Universität Wien in Alter Geschichte und Altertumskunde.

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