Ohne Skepsis gibt es keine Wissenschaft. Wo aber verläuft die Grenze zwischen produktiver Skepsis und wissenschaftsfeindlichem Zweifel? Die Suche nach Antworten auf diese uralte Frage gewinnt an gesellschaftlicher Brisanz.

Von David Rennert - Wissenschaftsjournalist bei der Tageszeitung DerStandard

Wie sehr die rasanten Fortschritte der Wissenschaft das Alltagsleben im 21. Jahrhundert prägen, ist unbestritten. Angesichts der schier unüberblickbaren Erkenntnisse und Entwicklungen, die Wissenschaftler_innen in den vergangenen Jahrhunderten hervorgebracht haben, mag es aber überraschen, dass eine entscheidende Frage immer noch ungeklärt ist: Was genau ist Wissenschaft eigentlich? Es ist nicht so, dass niemand versucht hätte, eine Antwort darauf zu finden. Seit langem erforschen und diskutieren Wissenschaftstheoretiker und Philosophinnen diese Frage intensiv. Doch bislang ist es niemandem gelungen, eine befriedigende Definition von Wissenschaft vorzulegen, die auf breite Zustimmung stößt.

Prominent brachte der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper in diesem Zusammenhang das sogenannte Abgrenzungsproblem aufs Tapet: Um die Grenze zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft auszuloten, suchte Popper nach einem objektiven Kriterium, das eine klare Unterscheidung ermöglichen sollte. Er fand es in der Falsifizierbarkeit. Wissenschaftliche Theorien müssen demnach stets so formuliert sein, dass sie prinzipiell auch widerlegt werden können – und müssen, sobald sich die Datenlage zu ihren Ungunsten ändert. „Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können“, schrieb Popper, und formulierte damit einen wissenschaftstheoretischen Grundpfeiler. Wissenschaftliche Theorien können also nie endgültig verifiziert werden, sondern gelten nur so lange, bis sie widerlegbar sind. Aber lässt sich daraus auch trennscharf ableiten, was Wissenschaft ist und was nicht?

„Popper war davon getrieben, ein logisches Kriterium für das Abgrenzungsproblem zu finden“, sagt der US-amerikanische Wissenschaftsphilosoph Lee McIntyre. „Aber was, wenn es keine rein logische Lösung für dieses Problem, wenn es vielleicht gar keine Lösung dafür gibt?“ McIntyre, der an der Universität Boston forscht, hat mehrere Bücher zum Grenzbereich zwischen produktiver Skepsis, die die Wissenschaft voranbringt, und unwissenschaftlichem Zweifel geschrieben. Er sieht in der Falsifizierbarkeit einen ganz wesentlichen Bestandteil von Wissenschaft, aber eben nicht alles, was sie ausmacht. Aufbauend auf Popper hat McIntyre ein Konzept herausgearbeitet, das stärker auf die handelnden Personen fokussiert, wenn es darum geht, ob etwas wissenschaftlich ist oder nicht: „Scientific attitude“ nennt McIntyre das, was den Unterschied macht, die „wissenschaftliche Haltung“.

Thesensturz und Ideenfall

Eine Idee zu verfolgen, gleichzeitig aber offen, skeptisch und flexibel zu bleiben, diese Idee jederzeit wieder fallen zu lassen – das macht für McIntyre die wissenschaftliche Herangehensweise aus. So würden Wissenschaftler_ innen bewusst auch gerade jene Phänomene in den Blick nehmen, die ihre jeweilige These stürzen könnten. Sich selbst nichts vorzumachen, aber auch nicht deprimiert den Antrieb zu verlieren, sei eine bemerkenswerte Fähigkeit. Das unterscheide Wissenschaftler_innen ganz grundsätzlich von Verschwörungstheoretikern, die sich in der Regel gegenüber allen Fakten, die nicht in ihr festgelegtes Konzept passen, verschließen. „Diese Leute nennen sich zwar oft Skeptiker, aber jemand, der unter keinen Umständen gewillt ist, seine Meinung zu ändern, ist ja gerade nicht skeptisch“, sagt McIntyre.

Portrait Brigitte Piso

„Viele Menschen neigen zu einem Schwarz-Weiß-Denken. Das vereinfacht die Sicht auf die Welt, aber in der Wissenschaft gibt es Schwarz- Weiß nicht, sondern ganz viele Grautöne.“

Brigitte Piso

Dass die Beschäftigung mit den Grenzen der Wissenschaft längst nicht nur von wissenschaftstheoretischer Relevanz ist, hat in den vergangenen Jahren die wachsende Verbreitung von Verschwörungstheorien und Expertenfeindlichkeit in erschreckendem Ausmaß vor Augen geführt. Davon weiß auch der Epidemiologe Gerald Gartlehner, Professor für Evidenzbasierte Medizin an der Universität für Weiterbildung Krems, zu berichten. „In der Corona-Pandemie waren wir immer wieder mit Mythen konfrontiert, die wissenschaftlich völlig absurd sind. Zum Beispiel, dass es gar keine Pandemie gibt, sondern dass die Bevölkerungszahl der Erde reduziert werden soll. Oder dass Impfungen ins Genom eingreifen.“ Evidenzbasierte Forschung und Wissenschaftsvermittlung können dabei helfen, Mythen zu widerlegen und Entscheidungen rationaler zu gestalten, sagt Gartlehner. Nachsatz: „Manche Personen wird man dadurch aber nicht erreichen.“ (Siehe auch das Interview mit Gerald Gartlehner)

Wie virulent dieses Problem in Österreich ist, manifestierte sich nicht nur durch die große Impfskepsis, die während der Corona- Pandemie eine erhebliche Mobilisierungskraft entwickelte. Erst im Vorjahr zeigte auch eine Eurobarometer-Umfrage zum wiederholten Mal, welchen geringen Stellenwert Wissenschaft unter Österreicher_ innen im EU-Vergleich generell genießt und wie gering das Vertrauen in wissenschaftliche Forschung ist. Brigitte Piso vom Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation sieht einen wesentlichen Grund dafür im fehlenden Verständnis für die Funktionsweise von Wissenschaft. Dass Wissenschaftler_innen nie endgültige Aussagen geben können, führe zu Missverständnissen und Verunsicherung, wenn die Erklärung ihrer Arbeitsweise nicht mitgeliefert wird.

Wahrheit ist zumutbar

„Ich glaube, viele Menschen neigen zu einem Schwarz-Weiß-Denken. Das vereinfacht die Sicht auf die Welt, aber in der Wissenschaft gibt es Schwarz-Weiß nicht, sondern ganz viele Grautöne“, sagt Piso. „Natürlich ist es viel einfacher zu sagen, die Antwort ist A oder B, und nicht: Die Antwort ist A, aber mit den Einschränkungen C, D und E. Aber die Wahrheit ist zumutbar: Es gibt Unsicherheiten, und die müssen auch kommuniziert werden.“ Piso sieht hier Medien und Politik stärker gefordert, der Komplexität von Wissenschaft Rechnung zu tragen und nicht nur schnelle und einfache Lösungen zu präsentieren.

Welche Herausforderungen wissenschaftliche Themen für die politische Kommunikation darstellen, hat nicht erst die Coronakrise deutlich gemacht: Vorläufige Ergebnisse, die schon morgen wieder revidiert werden könnten, eignen sich schlecht für die tagespolitische Imagepolitur. Und doch gibt es, zumindest in der Theorie, eine große Parallele zwischen Politik und Wissenschaft, sagt der Politologe Peter Filzmaier. „Dass eine als richtig angesehene Schlussfolgerung laufend einer kritischen Überprüfung unterzogen werden muss, haben wir in beiden Sphären: So wie die Politik ständig neue Gesetze machen muss, weil sich die Welt weiterentwickelt, kommt es in der Wissenschaft laufend zu neuen Erkenntnissen, die Theorien umstoßen“, sagt Filzmaier, Professor für Demokratiestudien und Politikforschung an der Universität für Weiterbildung Krems. „Das Problem scheint mir zu sein, wie wir mit dieser Notwendigkeit umgehen. Die Antwort ist: oft sehr unsachlich.“

Portrait Lee McIntyre

„Leute nennen sich zwar oft Skeptiker, aber jemand, der unter keinen Umständen gewillt ist, seine Meinung zu ändern, ist ja gerade nicht skeptisch.“

Lee McIntyre

Filzmaier ortet sowohl in der politischen Kommunikation wie in der Wissenschaftskommunikation große Versäumnisse in der Vergangenheit. „Sich erst mitten in der Krise zu fragen, wie mache ich es besser, ist zu spät. Das hätte in den vielen Jahren vergleichsweise ruhiger Zeiten passieren müssen.“ Die Politik kommuniziere nicht nach objektiven Kriterien, sondern folge einem parteipolitischen Kalkül – schon allein die Entscheidung, wer von wem wann worüber informiert wird, werde dabei zur taktischen Angelegenheit. In den akademischen Einrichtungen wiederum habe es viel zu lange an Bemühungen und Ressourcen dafür gemangelt, den Elfenbeinturm zu verlassen und in den Austausch mit der Öffentlichkeit zu treten. „Die Pandemie war ein drastischer Anlassfall für Bewusstseinsbildung über die Bedeutung von Wissenschaftskommunikation, den wir uns so nie gewünscht haben“, sagt Filzmaier.

Wie wichtig Expertenkommunikation zu sachlichen Inhalten auch in der Politik sei, um Vertrauen in einer Krise zu schaffen, sei ebenfalls zu lange vernachlässigt worden, meint Filzmaier, der selbst seit Jahrzehnten als politischer Analytiker in Österreich medial präsent ist. Ohne entsprechende Vorbereitung sei das aber für Wissenschaftler_innen belastend und für das Publikum mitunter irritierend. „Das haben Medizinerinnen und Mediziner in der Pandemie auf die besonders harte Tour gelernt, als sie plötzlich medial von null auf hundert mussten. Medienerfahrung erst zu sammeln, wenn die Krise schon da ist, geht schlecht.“ 

Krisen befeuern Falschinformationen

Was erschwerend hinzukommt: In krisenhaften Zeiten haben Falschinformationen und populistische Antworten auf komplexe Probleme Hochkonjunktur. Das sei kein neues Phänomen, sagt der Kommunikations- und Verhaltensforscher Brian Southwell vom Research Triangle Institute in North Carolina, einer von drei Universitäten gegründeten Forschungsorganisation. „Unsere Anfälligkeit für Falschinformationen in Krisenzeiten ist zutiefst menschlich. Alle wollen sich und ihre Familie in Gesundheit und Sicherheit wissen und werden jede Information in Betracht ziehen, die das verspricht“, sagt Southwell. „Was sich aber verändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der sich falsche Informationen ausbreiten.“

Gemeinsam mit Kolleg_innen hat Southwell vor kurzem einen Aufsatz zum Problem von „wissenschaftlichen Falschinformationen“ publiziert. Er versteht unter diesem Begriff öffentlich zugängliche Informationen, die zwar mit einem wissenschaftlichen Anstrich daherkommen, aber dem aktuellen Forschungsstand zufolge falsch, grob irreführend oder täuschend sind. Die Folgen seien nicht allein auf individueller Ebene potenziell verheerend, etwa wenn Menschen medizinische Maßnahmen ablehnen und stattdessen auf wissenschaftlich unhaltbare „alternative Methoden“ setzen. Auch für die Wissenschaft selbst sei die weite Verbreitung von Falschinformationen ein großes Problem: Sie würden den wissenschaftlichen Konsens in der Öffentlichkeit untergraben und damit das Vertrauen in Wissenschaftler_innen beschädigen.

Wie lässt sich dieser Entwicklung entgegenwirken? „Qualitativ hochwertige und glaubwürdige Informationen leicht zugänglich zu machen, ist wahrscheinlich wichtiger als der Versuch, das Internet ganz von Fehlinformationen zu befreien“, meint Southwell. Brigitte Piso von der Universität für Weiterbildung Krems sieht auch die Schulen in der Pflicht, die wissenschaftliche Kompetenz von Kindern und Jugendlichen gezielter zu fördern: „Wir haben oft eine relativ schlechte Schätzung, wenn uns Zahlen präsentiert werden, was das eigentlich bedeutet. Und das wird ganz oft ausgenutzt, um ein bestimmtes Bild zu transportieren.“

Warum manche unerreichbar bleiben

Was aber ist mit Menschen, die so stark in Falschinformationen oder Verschwörungstheorien verstrickt sind, dass sie mit Fakten nicht mehr erreichbar sind? Mit dieser Frage hat sich Lee McIntyre auch sehr unmittelbar beschäftigt. Er besuchte unter anderem eine Konferenz von sogenannten Flat Earthern – von Menschen, die ungeachtet aller Gegenbeweise davon überzeugt sind, die Erde sei eine Scheibe. In Diskussionen und Gesprächen ergründete der Philosoph, wie die Anhänger der flachen Erde argumentieren, dass alle Aufnahmen der NASA gefälscht wären, irgendwelche Bilder aus dubiosen Quellen im Internet hingegen als wissenschaftliche Beweise taugten. „Sie betonten ständig, Beweise zu haben, und beschwerten sich bitter darüber, nicht ernst genommen zu werden“, erzählt McIntyre.

Da sei ihm klar geworden, dass es für diese Menschen überhaupt nicht um Fakten und Beweise geht, insofern greife Popper zu kurz. Vielmehr sind Gefühle, Identität und Ideologie im Spiel – und letztlich Vertrauen. „Diese Leute misstrauen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Und da müssen wir ansetzen, das ist kein wissenschaftliches Problem, sondern ein gesellschaftliches und demokratiepolitisches: Ob jemand glaubt, die Erde sei eine Scheibe, der Klimawandel sei eine Erfindung der Eliten oder die US-Demokraten seien Satanisten, die Donald Trump die Wahl gestohlen haben – all das basiert auf derselben Art zu argumentieren.“


PETER FILZMAIER
Univ.-Prof. Dr. Peter Filzmaier hält die Professur für Demokratiestudien und Politikforschung am Research Lab Democracy and Society in Transition der Universität für Weiterbildung Krems. Er koordiniert das internationale und interuniversitäre Netzwerk Politische Kommunikation und ist Geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Strategieanalysen (ISA).

GERALD GARTLEHNER
Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Universität für Weiterbildung Krems und Direktor von Cochrane Österreich.

LEE MCINTYRE
Lee McIntyre, PhD ist Research Fellow am Center for Philosophy and History of Science an der Boston University und seit kurzem Dozent für Ethik an der Harvard Extension School. Davor war er geschäftsführender Direktor des Instituts für Quantitative Sozialwissenschaften an der Harvard University.

BRIGITTE PISO
Dr.in med.univ. Brigitte Piso, MPH ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Universität für Weiterbildung Krems. Davor war sie Senior Researcher bei der Gesundheit Österreich GmbH und Sonderberaterin im Kabinett von Gesundheitsminister Rudolf Anschober.

BRIAN SOUTHWELL
Dr. Brian Southwell ist leitender Direktor des Programms Wissenschaft im öffentlichen Raum im Zentrum für Kommunikationswissenschaft des Research Triangle Institute an der University of North Carolina, USA, einem wissenschaftlichen Partner des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation.

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