Fragwürdige Gesundheitstrends verbreiten sich zunehmend. Das Team von „Medizin transparent“ prüft Falschmeldungen und virale Trends auf ihre wissenschaftliche Evidenz.
Von Alois Pumhösel
Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Gesundheitsmythen, gezielte medizinische Desinformation und wissenschaftlich nicht gesicherte Heilsversprechen durchdringen weite Teile der Gesellschaft – und das, obwohl es gleichzeitig noch nie so viel medizinische Evidenz gab wie heute. Die Gründe dafür reichen von wirtschaftlichen Interessen bis hin zum Zeitgeist einer postfaktischen Ära, in der sich Menschen stärker von Emotion als von Wissen führen lassen. Die kurzen Informationswege und reichweitenorientierten Algorithmen von Social Media tragen das Ihre bei, um die Mythen zu verbreiten. Welche Ausmaße die Problematik annehmen kann, wurde während der Covid-Pandemie deutlich, als Fragen wie die Wirksamkeit von Impfungen und anderen gesundheitlichen Maßnahmen zu einer offenen Polarisierung der Gesellschaft führten.
Die Plattform „Medizin transparent“ stemmt sich gegen diese Entwicklung. In aufwendigen Recherchen trennen Jana Meixner, Bernd Kerschner und Teresa König wissenschaftliches Wissen von nicht belegbaren Gesundheitsmythen – und das bereits seit 15 Jahren. Das 2011 gegründete Projekt der Non-Profit-Organisation Cochrane ist am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Universität für Weiterbildung Krems angesiedelt. „Wir wählen aus einem Pool von Anfragen aus der Bevölkerung Themen von aktueller Relevanz“, erklärt Teamleiterin Meixner. „Zuletzt haben wir den ORF-Schwerpunkt zum Abnehmen mit Faktenchecks zu verschiedenen Diätvarianten begleitet. Im Frühling sind aber auch Mythen zum Sonnenschutz oder häufig nachgefragte Mittel gegen Allergien Gegenstand der Recherche.“
Von Vitalfeldmessung und Traubenzucker
Die Bandbreite der Fragen ist enorm: Kann eine Vitalfeldmessung Gesundheitsprobleme erkennen? Lindert das Spritzen von Traubenzuckerlösung ins Gelenk im Zuge einer sogenannten Proliferationstherapie die Beschwerden bei Kniearthrose? Hilft Sport bei Depressionen? Über 600 Fragen dieser Art konnten über die Jahre beantwortet werden, wobei nicht nur wissenschaftliche Publikationen zusammengefasst, sondern auch in ihrer Qualität bewertet werden. In vielen Fällen zeigt sich entweder, dass eine Frage noch nicht ausreichend untersucht ist, oder dass die Studien nicht die erforderlichen Qualitätsstandards erfüllen. Bei der Vitalfeldmessung fanden sich weder Belege noch eine stichhaltige Erklärung der Wirkweise. Bei der Proliferationstherapie fehlt es den vorhandenen Studien an Aussagekraft. Sport hat dagegen wahrscheinlich eine ähnliche Wirkung gegen Depressionen wie Psychotherapie oder Antidepressiva.
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„Zuletzt haben wir den ORF-Schwerpunkt zum Abnehmen mit Faktenchecks zu verschiedenen Diätvarianten begleitet.“
Jana Meixner
Die Gründung von „Medizin transparent“ erfolgte auf Initiative von Departmentleiter Gerald Gartlehner. „Die ursprüngliche Idee war es, Medienberichte auf ihre Wissenschaftlichkeit zu prüfen. Vorbild war ein damaliges Angebot des National Health Service (NHS) in Großbritannien“, erinnert sich Kerschner, der bereits damals Teil des Teams war. „Anders als das NHS-Vorbild haben wir uns aber gleich die Gesamtstudienlage zu einer Fragestellung angesehen. Zudem haben wir unseren Fokus schnell erweitert und neben Medienberichten auch in der Gesellschaft kursierende Gerüchte und Mythen mit einbezogen.“ Heute kommen viele der zu prüfenden Behauptungen aus den sozialen Medien. „Gesundheitsthemen kommen auf Social Media gut an – weil sie einfach jeden betreffen. Wir bemühen uns, etwa auch jüngere Menschen in ihrer Realität abzuholen, und bespielen so gut wie jeden der Online-Kanäle“, sagt König.
Die Recherchen zu einem Factchecking-Beitrag dauern bis zu zwei Wochen. Sobald eine konkrete Fragestellung definiert ist, beginnt die Suche in den Wissenschaftsdatenbanken. Studien mit eindeutigem Themenbezug werden in ihrer Qualität bewertet. „Wir nutzen Werkzeuge von Cochrane, die das Verzerrungsrisiko gut einordnen lassen. Natürlich berücksichtigen wir auch, ob bei der Finanzierung der Studien wirtschaftliche Interessen bestehen“, sagt Meixner. Randomisierte, kontrollierte Doppelblindstudien gelten als wissenschaftlicher Goldstandard. Doch auch bei Studien, die sich mit dieser Bezeichnung schmücken, gilt es, genau hinzusehen. „Manchmal ist die Zahl der Studienteilnehmenden zu gering für belastbare Ergebnisse; oder es gibt Mängel in der zufälligen Zuteilung der Proband_innen, sodass jene, die das tatsächliche Medikament und kein Placebo bekommen, von Anfang an die Gesünderen waren“, gibt Kerschner Beispiele.
Gegenwind aus der Alternativmedizin-Szene
Schließlich werden die Ergebnisse in einem für Laien gut verständlichen Text zusammengefasst. Die Reaktionen spiegeln die gesellschaftliche Ambivalenz in Bezug auf wissenschaftliche Fakten: „Natürlich bekommen wir auch negative Rückmeldungen von enttäuschten Anhänger_innen von Alternativmedizin-Ansätzen. Gerade in letzter Zeit scheint die Hemmschwelle dafür gesunken zu sein“, sagt Meixner. „Insgesamt halten sich Lob- und Beschwerdemails aber in etwa die Waage.“ Auch Anwaltsbriefe von Unternehmen, deren Produkte als unwirksam befunden wurden, stehen auf der Tagesordnung, die meist aber folgenlos bleiben. „Zwei Mal wurden wir bisher verklagt, weil sich Behauptungen von Herstellern von Nahrungsergänzungs- und Zahnpflegemitteln nicht belegen ließen. Beide Male haben wir gewonnen“, betont Meixner.
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„Bei einer komplexen und schwierig zu durchschauenden Studienlage im Gesundheitsbereich arbeiten wir gerne mit ‚Medizin transparent‘ zusammen.“
Stefan Rathmanner
Auch abseits der Faktenprüfung arbeitet das Team daran, die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu erhöhen. „Die Arbeit in Schulen ist ein wichtiges Element. Wir zeigen dort in Workshops, wie Wissenschaft funktioniert und Studien aufgebaut sind“, sagt König. „Andere Veranstaltungen richten sich an Senior_innen und interessierte Laien.“ Auch für Journalist_innen gibt es eigene Workshops. Neben Kooperationen mit Medien wie KONSUMENT oder ORF gibt es mit der Factcheckingabteilung der Nachrichtenagentur APA eine laufende Zusammenarbeit. Stefan Rathmanner und Kolleg_innen überprüfen hier unter anderem Behauptungen auf Social Media. „Wenn wir mit einer komplexen und schwierig zu durchschauenden Studienlage im Gesundheitsbereich konfrontiert sind, arbeiten wir gerne mit ‚Medizin transparent‘ zusammen“, sagt Rathmanner. „Anlass geben etwa Berichte in sogenannten alternativen Medien, die Studieninhalte aus dem Kontext reißen und in verzerrender Weise zitieren, um sie ihrem Weltbild anzupassen.“
Unseriöse Studie aus Jordanien entlarvt
Eine der Kooperationen betraf etwa die Einordnung einer Publikation, die von einer Reihe von impfkritischen Seiten aufgegriffen wurde. Jordanische Forschende wollten herausgefunden haben, dass knapp drei Prozent der gegen Covid-19 geimpften Personen an den Folgen der Impfung starben. Nach eingehender Analyse lautete das Fazit von „Medizin transparent“, dass „die angebliche Studie unseriös und irreführend ist, denn sie enthält grobe Rechenfehler, Verdrehungen und Falschaussagen“. Das führte dazu, dass durch die Universität Krems eine Rückmeldung an das Veröffentlichungsmedium Elsevier und die involvierten Universitäten in Jordanien erfolgte – mit der Aufforderung, die fehlerhafte Studie zurückzuziehen. „Ohne die Kolleg_innen aus Krems hätten wir uns allein wohl nicht über die Sache drübergetraut“, sagt Rathmanner. „Immerhin schienen seriöse Wissenschaftler_innen und Universitäten dahinterzustehen.“
Beide Teams sind vom International Fact Checking Network (IFCN) zertifiziert, was eine unabhängige und transparente Arbeitsweise nach einheitlichen Standards garantiert. Sie sind Teil einer weltumspannenden Anstrengung zur Bekämpfung der überbordenden Desinformation. Die Relevanz des Anliegens spiegelt sich allerdings kaum in den Mitteln, die für diese Aufgabe zur Verfügung stehen. „Wir sind zu 100 Prozent öffentlich finanziert, von Fördergeber_innen abhängig und kämpfen jedes Jahr erneut um die Finanzierung“, sagt Meixner. „Wir würden uns wünschen, dass das Bemühen, Gesundheitstrends auf den Boden der wissenschaftlichen Tatsachen zurückzuholen, einen höheren Stellenwert bekommt.“
https://medizin-transparent.at/
https://apa.at/faktencheck/ueberblick
JANA MEIXNER
Dr.in Jana Meixner, MSc ist Leiterin von Medizin Transparent am Zentrum Cochrane Österreich, das am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Universität für Weiterbildung Krems angesiedelt ist.
BERND KERSCHNER
Mag. Mag. Bernd Kerschner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Cochrane Österreich und Teil des Teams von Medizin transparent der Universität für Weiterbildung Krems. Sein Schwerpunkt ist die Erstellung systematischer Übersichtsarbeiten.
TERESA KÖNIG
Dipl.-Ing.in Teresa König, BSc ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Cochrane Österreich und Teil des Teams von Medizin transparent der Universität für Weiterbildung Krems.
STEFAN RATHMANNER
Mag. (FH) Stefan Rathmanner ist Redakteur bei der APA - Austria Presse Agentur. Seit 2021 ist er vorrangig Teil der Faktencheck-Redaktion und hält in dieser Funktion auch immer wieder Schulungen ab.
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