Mit der steigenden Bedeutung von Evidenz stellt sich zunehmend die Frage, welche Rolle Forschende in öffentlichen Debatten einnehmen sollen. Die Idee des „honest broker“ öffnet neue Perspektiven.
Von David Rennert
Wissenschaft verstand sich lange als eine Instanz, die beobachtet, prüft, einordnet – und sich mit Urteilen über politisches Handeln eher zurückhält. Dieses Selbstverständnis war immer umstritten, hat aber insbesondere in der jüngeren Vergangenheit an Boden verloren. In den großen Krisen der Gegenwart, von der Pandemie über geopolitische Verwerfungen bis zum Klimawandel, sind Wissenschafter_innen sichtbarer geworden. Immer öfter stehen auch sie im Zentrum öffentlicher und politischer Auseinandersetzungen.
Damit verändert sich auch der Status wissenschaftlicher Evidenz. Sie erscheint nicht mehr bloß als sachliche Grundlage politischer Entscheidungen, sondern wird selbst zum Gegenstand von Konflikten. „In den vergangenen Jahren lässt sich eine deutliche Verschiebung beobachten: vom Ideal des distanzierten Beobachters hin zu einer öffentlich präsenten, mitunter auch normativ aufgeladenen Rolle“, sagt der Wiener Sprachwissenschafter und Slawist Stefan Michael Newerkla, der sich als Vorstandsmitglied des Studienförderungswerks Pro Scientia engagiert.
Für Newerkla hat Evidenz „zugleich an Gewicht gewonnen und an Eindeutigkeit verloren“. Sie werde als Legitimationsinstrument genutzt, aber „häufig selektiv, strategisch und kontextabhängig verwendet“. Der Diskurs fragmentiere sich: Unterschiedliche Akteure berufen sich auf unterschiedliche Studien, es entstehen konkurrierende „Evidenzräume“. Hinzu komme ein Missverständnis über wissenschaftliche Erkenntnis. „Unsicherheit, Wahrscheinlichkeiten und Modellannahmen gelten nicht selten als Schwäche, obwohl sie integraler Bestandteil wissenschaftlicher Redlichkeit sind.“
Unterschiedliche Geschwindigkeiten
Wie sich dieses Verhältnis konkret auswirkt, zeigt sich besonders dort, wo politische Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen. Für Alexander Braun, Leiter des Zentrums für evidenzbasierte Versorgungsforschung an der Universität für Weiterbildung Krems, wird das im Gesundheitswesen sichtbar. Dort gehe es nicht nur darum, ob eine Maßnahme wirkt, sondern auch, ob sie umgesetzt und finanziert werden soll. „Man kann nicht einfach alles zahlen, ohne zu prüfen: Sind diese Maßnahmen kosteneffektiv, sind sie sinnvoll?“
Die Pandemie hat diese Dynamik zugespitzt. Braun beschreibt eine Kollision unterschiedlicher Geschwindigkeiten: „Wissenschaft hat die Tendenz, Geschwindigkeit rauszunehmen und datenbasiert Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. Das war in der Pandemie schwierig, weil die Politik ad hoc Lösungen gesucht hat.“ In dieser Situation entstand ein Erwartungsdruck, den die Wissenschaft nur begrenzt erfüllen konnte. Dass sich daraus Konflikte ergaben, sei kaum vermeidbar gewesen.
Hinzu komme ein Verständigungsproblem. Evidenz sei „eine datenbasierte Erklärung der Realität“, bleibe aber erklärungsbedürftig. Viele Missverständnisse entstünden schlicht daraus, dass Wahrscheinlichkeiten, Risiken oder statistische Zusammenhänge im öffentlichen Diskurs schwer greifbar sind. „Wir können mit manchen Zahlen und Wahrscheinlichkeiten nicht wahnsinnig viel anfangen“, sagt Braun. Das öffne Raum für Vereinfachungen, aber auch für gezielte Zuspitzung. „Man kann Daten schon sehr selektiv darstellen, um das Ergebnis zu bekommen, das man haben möchte.“ Wissenschaft könne hier Orientierung bieten, Möglichkeiten aufzeigen und Risiken benennen. „Aber die Entscheidung, welche Option gewählt wird, trifft die Politik.“
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„Evidenz hat zugleich an Gewicht gewonnen und an Eindeutigkeit verloren.“
Stefan Michael Newerkla
Zwischen Beratung und Einflussnahme
Doch welche Rolle soll Wissenschafter_innen in politischen Entscheidungsprozessen eigentlich zukommen? Sollen sie sich auf fundierte Beratung beschränken – oder sich darüber hinaus öffentlich und politisch stärker einbringen?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich der US-amerikanische Politikwissenschafter Roger Pielke Jr. seit Jahrzehnten – und plädiert dafür, wissenschaftliche Beratung und politische Einflussnahme klar voneinander zu trennen. Pielke, der nach seiner akademischen Karriere heute Senior Fellow am konservativen Think-Tank American Enterprise Institute in Washington, D. C. ist, sieht die wachsende Bedeutung wissenschaftlicher Expertise als strukturelles Merkmal moderner Gesellschaften: Politische Entscheidungen seien heute in vielen Bereichen ohne spezialisiertes Wissen kaum mehr denkbar.
Gleichzeitig bleibe Demokratie ein System, in dem Entscheidungen nicht von Expert_innen allein getroffen werden. „Die größte Herausforderung besteht darin, spezialisierte Expertise mit der Offenheit demokratischer Systeme in Einklang zu bringen“, sagt Pielke.
Instrumentalisierte Wissenschaft
Vor diesem Hintergrund hat der Politikwissenschafter das Konzept des „honest broker“ entwickelt – oft übersetzt als „ehrlicher Vermittler“. Gemeint ist eine Rolle, in der Wissenschaft nicht selbst politische Lösungen vorgibt, sondern Entscheidungsräume sichtbar macht und erweitert. „Der honest broker versucht nicht, eine bestimmte Lösung durchzusetzen“, sagt er. „Er versucht, alle Optionen auf den Tisch zu legen. Und das sehen wir heute viel zu selten.“
Für bestimmte Positionen einzutreten, sei durchaus legitim. Problematisch werde es dort, wo politische Positionen als zwangsläufige Folge von Evidenz erscheinen. Gleichzeitig würden politische Entscheidungen immer öfter als Befolgen wissenschaftlicher Empfehlungen dargestellt – wodurch politische Verantwortung scheinbar an die Wissenschaft delegiert wird. „In vielen Fällen wollen Politiker nicht die Fakten – sie wollen Antworten, die das unterstützen, was sie ohnehin tun wollen.“ Wissenschaft werde so leicht zum Instrument politischer Kommunikation, statt einen eigenständigen Raum der Orientierung zu eröffnen.
Besonders deutlich wird das für Pielke in der Klimadebatte. Dass der menschengemachte Klimawandel ein enormes Problem ist, stehe völlig außer Frage. Er warnt jedoch vor einer Dramatisierung als Kommunikationsstrategie. „Es gibt die Vorstellung, dass man Menschen Angst machen muss, damit sie handeln. Aber das ist ein Rezept dafür, Vertrauen in Experten zu verlieren.“ Wer zu stark auf Zuspitzung setzt, riskiere, Unsicherheiten zu überdecken und so einen falschen Eindruck größerer Gewissheit zu erzeugen.
Sein Gegenentwurf ist eine Wissenschaft, die durch Differenzierung Glaubwürdigkeit gewinnt. „Wenn Experten klar sagen, was sie wissen, was umstritten ist und was sie nicht wissen, dann stärkt das Vertrauen.“ Pielke geht es vor allem um Institutionen. Forschende könnten selbstverständlich politisch Stellung beziehen – entscheidend sei, dass ihre Rolle transparent bleibt. Wissenschaftliche Einrichtungen hingegen sollten Orientierung bieten und Optionen offenlegen. Nur so könne Wissenschaft ihre Glaubwürdigkeit als Grundlage politischer Entscheidungen bewahren.
Legitime Überzeugungen
Max Nutz hält von dieser Zurückhaltung wenig. Der Physiker und Doktorand im Bereich Energiesystemmodellierung ist als Mitglied der Scientists for Future engagierter Klimaaktivist. Für ihn ergibt sich aus wissenschaftlicher Erkenntnis – gerade in der Klimakrise – auch die Pflicht zum Handeln: „Ich sehe keinen Konflikt zwischen Forschen und dem Interesse, Lösungen zu finden. Eine extreme Lage zu betonen, aber nicht dafür einzustehen, sie zu verändern, untergräbt die Glaubwürdigkeit.“
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„Wenn Experten klar sagen, was sie wissen, was umstritten ist und was sie nicht wissen, dann stärkt das Vertrauen.“
Roger Pielke Jr.
Die Trennung zwischen Wissenschaft und Aktivismus greift aus seiner Sicht zu kurz. „Ich würde da gar keine Grenze direkt ziehen, es ist eher ein Kontinuum“, sagt Nutz. Wer zu zentralen gesellschaftlichen Problemen forsche, könne sich deren politischer Dimension nicht entziehen. Sich nicht einzubringen, sei auch eine Form von Positionierung. Wissenschaftliche Erkenntnis bleibe nie folgenlos, sondern wirke immer auch in gesellschaftliche Entscheidungsprozesse hinein.
Zwischen diesen Positionen verläuft keine klare Linie. Für Stefan Newerkla ist der entscheidende Punkt nicht, ob sich Forschende einmischen, sondern wie: „Engagement ist nicht per se problematisch – im Gegenteil: Wissenschaft ist stets in gesellschaftliche Kontexte eingebettet, und Forschende sind auch Bürger_innen mit legitimen normativen Überzeugungen. Problematisch wird es dort, wo die unterschiedlichen Rollen nicht mehr klar unterschieden werden.“
STEFAN MICHAEL NEWERLKA
Univ.-Prof. Mag. Dr. Stefan-Michael Newerkla ist Sprachwissenschafter und Slawist an der Universität Wien. Er engagiert sich daneben als Vorstandsmitglied des Studienförderungswerks Pro Scientia.
ALEXANDER BRAUN
Dr. Alexander Braun, MSc MA ist Leiter der Evidenzbasierten Versorgungsforschung - Zentrum für evidenzbasierte Versorgungsforschung an der Universität für Weiterbildung Krems, Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation.
ROGER PIELKE JR.
Prof. Roger Pielke Jr. PhD. ist Senior Fellow am Think-Tank American Enterprise Institute in Washington, D. C. Davor war der Politikwissenschafter Professor im Environmental Studies Program und Direktor des Center for Science and Technology Policy Research der University of Colorado at Boulder, USA.
MAX NUTZ
Max Nutz MSc. ist als Klimaaktivist Mitglied der Scientists for Future. Er ist Doktorand am Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Universität für Bodenkultur BOKU.
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