Für evidentes Wissen ließ das Projekt KoKo-Health Jugendliche ihre eigene Gesundheitskompetenz selbst erforschen – mit neuen Erkenntnissen zur partizipativen Forschung als Nebeneffekt
Von Christina Altmutter
„Eine große Rolle spielen Social Media, wenn es darum geht, sich über Gesundheitsthemen zu informieren“, beschreibt Anna Wahl das Informationsverhalten von Jugendlichen. Als Mitarbeiterin der Gesundheit Österreich GmbH, dem Public-Health-Institut der Republik, erforscht sie die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. „Einerseits bekommen die Jugendlichen hier passive Informationen durch Algorithmus oder Werbung. Andererseits sind auch Influencerinnen wichtig“, so Wahl. Eine große Herausforderung sei auch, nicht irgendwelchen Trends zu Ernährung und Fitness zu folgen. Auch digitale Tools wie ChatGPT würden von Jugendlichen sowohl als Informationsquelle, als auch zur Überprüfung von Informationen genutzt. Ein Teil der Jugendlichen gehe dabei kritisch vor, analysiert Wahl die Situation.
Um effektiv die Gesundheitskompetenz gerade bei jungen Menschen zu erhöhen, entstand das Projekt KoKo-Health. Sein gewählter Weg: teilhabende Forschung. Das Projekt hatte das Ziel, gemeinsam mit den jungen Menschen im Rahmen einer Ko-Forschung ein Modell zur Gesundheitskompetenz zu entwickeln. Das bedeutete, dass jugendliche und erwachsene Ko-Forschende (Wissenschaftler_innen) gemeinsam arbeiteten. Hierbei wirkten Jugendliche als Expert_innen ihrer eigenen Lebenswelt aktiv in allen Forschungsphasen mit. Ziel war es, nicht nur ein Konzept zur Kompetenzverbesserung zu erhalten, sondern auch Ko-Forschungsmethoden auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Wichtig, so Anna Wahl, war auch, die Jugendlichen in ihrer Forschungsfunktion zu stärken.
Die Gesamtleitung des Projekts lag bei der Universität für Weiterbildung Krems mit Ursula Griebler als Projektleiterin. Die Gesundheit Österreich GmbH sowie die Technische Universität München waren Kooperationspartnerinnen. Zu Beginn des dreieinhalb Jahre dauernden Projekts wurden zwei Übersichtsarbeiten in Hauptverantwortung der UWK erstellt. Dabei ging es um Studien zu Gesundheitskompetenz aus Sicht der Jugendlichen und um Ko-Forschungsmethoden mit Kindern und Jugendlichen. Auch ein Jugendrat wurde einberufen: Jugendliche aus Wien und Krems hatten das Projektteam vor allem in der Vorbereitung der Ko-Forschung beraten. „Wir haben mit mehreren Organisationen kooperiert: Eine Schule, ein Verein für Mädchen und junge Frauen und ein weiterer Verein, der auf Berufsausbildungen spezialisiert ist. Außerdem wurde ein Methodenkoffer erstellt. Darin haben wir in jugendgerechter Sprache beschrieben, was Ko-Forschung ist, wie man sie durchführt und wie man eine Methode auswählt“, erläutert Wahl. Die Ko-Forschung hatte einerseits in einer Schule und in Jugendeinrichtungen stattgefunden. Andererseits gab es unabhängig davon auch Forschungsteams, in denen die Teilnehmenden in ihrer Freizeit aktiv waren. Während der Analyse- und Synthesephase arbeiteten die Jugendlichen in Auswertungswerkstätten mit. Griebler: „Für uns war wichtig, dass wir einerseits Produkte erstellen, die als Methoden und Workshopkonzepte genutzt werden können. Andererseits war uns auch der wissenschaftliche Output ein Anliegen. Wir konnten bereits mehrfach publizieren. Auch eine vorwissenschaftliche Arbeit über das Projekt wurde geschrieben. Ein Factsheet mit allen Ergebnissen wurde ebenfalls erstellt.“
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„Bezüglich Arbeitsweise der jugendlichen Ko-Forschenden hat uns ihre Selbständigkeit überrascht – etwa bei Moderieren von Fokusgruppen oder Ko-Workshops.“
Anna Wahl
Jugendliche forschen vielfältig
Laut Griebler war es eine Herausforderung, Jugendliche für diese Forschung zu gewinnen. Etwa durch bestehende Kontakte und Weiterempfehlungen konnte das gelingen. Über die Vereine wurden Personen mit Migrationserfahrungen eingebunden. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt 17 Jahre alt, drei Viertel davon Frauen. Die Jugendlichen, die selbst forschten, erreichten weitere rund 180 Jugendliche.
Welche Forschungsmethoden gab es? Insgesamt standen 11 Methoden zur Auswahl. „Die beliebteste war das Peer-Interview“, sagt Wahl. „Hier wurden andere Jugendliche befragt. Eine zweite Methode war die Fokusgruppe. Diese wurde meistens zu zweit geleitet und moderiert.“ Außerdem gab es Umfragen und Ko-Forschungs-Workshops, die die jungen Ko-Forschenden ebenfalls selbst moderierten. Bei der beliebten Photovoice-Methode konnten Sprachbarrieren überwunden werden. Dabei machten die Jugendlichen Fotos und Notizen zu den jeweiligen Forschungsfragen.
Informationen zu Gesundheit
„Bezüglich Arbeitsweise der jugendlichen Ko-Forschenden hat uns überrascht, dass sie sehr selbständig gearbeitet haben – etwa als sie Fokusgruppen oder Ko-Workshops moderierten. Die jugendlichen Ko-Forschenden bauten rasch eine Vertrauensbeziehung zu den Teilnehmenden, die beforscht wurden, auf“, berichtet Wahl. Außerdem zeigte die Auswertung der Daten, dass die Sichtweise der Jugendlichen eine andere sei als Modelle zu Gesundheitskompetenz aus Sicht von Erwachsenen. Durch Bilder über Photovoice gab es einen Einblick in ihre Lebenswelten. Es wurde sichtbar, dass sie ihre Entscheidungen oft intuitiv treffen. Sie fotografierten konkrete Situationen wo Information und Kommunikation stattfindet. Ein weiterer Aspekt war Religion, die für manche eine wichtige Rolle spielte, wenn es etwa um Informationen und Entscheidungen zu Ernährung oder mentale Gesundheit ging.
„Wir als Forschende haben einen analytischen Blick – mit den vorhandenen Modellen vor Augen. Die Jugendlichen hingegen gingen von einer anderen Sichtweise aus: Etwa, dass das ‚Ich‘ so zentral für sie ist und dass die eigenen Lebensumstände oder Religion zum ‚Ich‘ dazugehören. Nach dem literaturbasierten Modell waren das Einflussfaktoren von außen. Wir haben danach neue Sichtweisen entwickelt, wie Dinge für die Heranwachsenden zusammenhängen“, führt Griebler aus.
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„Wir als Forschende haben einen analytischen Blick – mit den vorhandenen Modellen vor Augen. Die Jugendlichen hingegen gingen von einer anderen Sichtweise aus: Zentral ist für sie das ‚Ich‘.“
Ursula Griebler
Jugendliche als Forschende
Wie hat sich die Forschungsarbeit auf die jungen Menschen ausgewirkt? Wahl zufolge haben sich ihre Kompetenzen durch die Ko-Forschung gestärkt: Einerseits, da sie Fokusgruppen und Workshops selbständig leiteten und sich dadurch methodisch einbrachten. Andererseits in Hinblick auf Entscheidungen betreffend Gesundheit im Alltag – etwa beim Einkaufen im Supermarkt.
„Mentale Gesundheit war ein zentrales Thema“, sagt Wahl. „Viele Jugendliche empfinden Scham und sprechen nur in vertrauensvollen Beziehungen darüber – etwa mit Freundinnen oder mit der Familie. Andere können sich gar nicht an ihr Umfeld wenden und wissen oft nicht, wo sie Hilfe finden.“ Ein wichtiger Effekt von KoKo-Health war daher, Informationen zu niederschwelligen Angeboten (etwa „Rat auf Draht“) bereitzustellen. Psychotherapie und psychosoziale Beratung wurden ebenfalls erwähnt. Themen wie Essstörungen kamen zur Sprache. Aus ethischer Sicht war es wichtig, sichere Rahmenbedingungen zu schaffen, da solche Gespräche belastend sein können – etwa durch die Anwesenheit von Sozialarbeiter_innen. In manchen Gruppen wurde offen gesprochen, insbesondere wenn der Rahmen als Schutzraum wahrgenommen wurde - während es in anderen Gruppen eher oberflächlich blieb.
Laut Wahl folgt sozialwissenschaftliche Forschung eigenen Logiken und liefert nicht immer eindeutige Ergebnisse. „Den Jugendlichen fiel es schwer, ihren Mehrwert zu erkennen, da sie oft klare Resultate erwarteten. Gleichzeitig zeigten sie einen kritischen Blick auf die Ergebnisse ihrer Ko-Forschenden. Für uns Erwachsene wurde deutlich, wie stark sich Lebenswelten – etwa durch soziale Medien – verändern. Wir haben auch gesehen, dass der Begriff Gesundheitskompetenz sich dabei für viele junge Menschen als abstrakt und schwer zugänglich erwies“, berichtet Wahl.
Grenzen und Möglichkeiten der partizipativen Forschung
„Der partizipative Ansatz gab den Teilnehmenden viele Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Er war aber auch zeitintensiv. Es brauchte eine Balance zwischen Reichweite und intensiver Zusammenarbeit“, berichtet Wahl. Wahl zufolge variierte die Beteiligung je nach verfügbaren Zeitressourcen der Jugendlichen und änderte sich oft durch neue Lebensphasen (etwa durch Studium oder Lehre). Nicht alle konnten über den gesamten Forschungsprozess hinweg gleich aktiv bleiben – besonders in der Auswertungsphase war die Gruppe kleiner.
Das KoKo-Health-Projekt zeigt aber, wie wichtig es ist, Jugendliche in Forschungsprozesse einzubeziehen. Ihre Sichtweisen eröffnen neue Einsichten und helfen, bestehende Modelle zu verbessern. Trotz mancher Hürden birgt partizipative Forschung großes Potenzial für praxisnahe Ergebnisse.
URSULA GRIEBLER
Ursula Griebler, PhD MPH, ist an der Universität für Weiterbildung Krems im Bereich Public Health tätig. Sie forscht zu Gesundheitskompetenz und Gesundheitsförderung und leitet partizipative Projekte. Ein Schwerpunkt liegt auf praxisnaher Gesundheitsforschung.
ANNA WAHL
Anna Wahl, BA MA arbeitet bei der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Bereich Public Health und Gesundheitsförderung. Sie forscht zu Gesundheitskompetenz und partizipativer Forschung. Ein Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit Jugendlichen in Projekten.
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